Das Geräusch eines englischen Sommers

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Die Cricket Mannschaft des DJK Altendorf 09 mit dem Geschäftsführer Brian Mantle (hi.3.v.re).
 
Während eine Mannschaft auf dem Feld ist, hat die andere Pause. Nur ein paar Spieler der pausierenden Mannschaft sind an der Partie beteiligt. Khalilullah Jamal macht es vor.
DJK Altendorf 09 überzeugt mit Cricket-Sport



Schon von weitem hört man das für die Sportart Cricket typische Geräusch: Ein dumpfes Klacken, das ein noch dumpferes Echo nach sich zieht. Dieses kommt davon, wenn der Holzschläger auf den massiven Kork- und Lederball trifft. Brian Mantle, Geschäftsführer vom deutschen Cricket-Bund in Altendorf, nennt die das „Geräusch eines englischen Sommers“.


Bis vor kurzem war Cricket in den hiesigen Gefilden ein Sport, von dem man vielleicht schon mal gehört hatte, der dennoch aber ein großes Fragezeichen verursachte. Man wusste, dass er in Ländern wie England, Indien, Australien oder Pakistan gespielt wird, kannte aber weder die Regeln noch seine Popularität. Zugegeben, die Regeln sind relativ verzwickt, die Beliebtheit allerdings ist mit der des Fußballs zu vergleichen, wenn nicht noch stärker: Menschen, die damit aufgewachsen sind, lieben ihn, nicht umsonst ist Cricket dort Nationalsport Nummer Eins.
„Vor 20 Jahren gab es in Deutschland etwa 40 Vereine, die untereinander gespielt haben“, erklärt Mantle. „So allmählich ist die Sportart dann gewachsen. Der Boom trat dann vor etwa einem Jahr mit dem Ankommen der vielen Flüchtlinge vor allem aus Afghanistan ein: Plötzlich gibt es mehr als 220 Mannschaften und über 100 Vereine und wir müssen Leuten sogar absagen, weil unsere Kapazität erreicht ist.“

400 Jahre Cricket-Geschichte

Auch in Altendorf beim DJK ist der Boom spürbar. Angekommen in einem anderen Land, sucht der Mensch zunächst etwas, das ihm vertraut erscheint und was etwas Stabilität und Halt verspricht. Und Cricket tut das. Auch ist es eine willkommene Ablenkung zum sonstigen Alltag, wo Warten zur Hauptbeschäftigung wird.
„Da ist es doch viel besser, wenn vor allem junge Männer ihre Energie in eine Sportart stecken“, so der Manager. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele der Jungs sehr ehrgeizig und fleißig sind. Außerdem hilft der Sport bei der Integration: Man lernt deutsch, kommt mit dem neuen Kulturkreis in Kontakt und es bilden sich Freundschaften.“
Cricket als Sportart blickt auf eine lange Tradition zurück: Vor etwa 400 Jahren tauchten die ersten Hinweise auf diesen Sport auf, dessen Wurzeln in England liegen. Konkreter wird es im Jahr 1611, als zwei Erwachsene gerichtlich zu Strafen verurteilt worden sein sollen, da sie an einem Sonntag lieber Cricket spielten, anstatt den Gottesdienst zu besuchen. Ab circa 1660 wurde Cricket so populär, dass auf die Siege gewettet wurde. Von England aus schwappte Cricket dann in die Kolonien über, sprich Südafrika, Indien, Australien oder Neuseeland. Vor dem Ersten Weltkrieg, im Jahr 1891, wurde der Deutsche Fußball und Cricket Bund (DfuCB) gegründet. Dieser hatte einige Zeit Bestand, jedoch wurde das Cricket-Spiel an sich von den Nazis verboten, das es nicht deutsch genug sei. Auch dem Fußball drohte dieses Schicksal, es blieb ihm aber erspart.

Altendorf ist eine kleine Berühmtheit

„Wer Cricket spielen will, sollte eine gute Augen-Hand-Koordination haben“, meint Mantle. „Gute Reflexe, Ausdauer und Konzentration gehören auch dazu. Und natürlich Mut, denn es kann schon mal passieren, dass man den Ball abbekommt und der ist steinhart. Nicht umsonst tragen alle Mann Schutzkleidung und einen Helm.“ Aber nicht nur für Männer ist Cricket zugänglich, auch Frauenmannschaften gibt es, nur gemischte Teams nicht.
„Auch das hat sich im Laufe der Zeit geändert“, erklärt Mantle weiter. „Da man für Cricket ein riesiges Feld braucht, wurde früher überwiegend in Parkanlagen gespielt. Und weil ein Spiel normalerweise einen Tag, internationale Spiele bis zu fünf Tagen dauern können, hat man als Zuschauer viel Zeit. In England haben die Frauen dann mit den Kindern und Freunden ein Picknick veranstaltet. So konnte man die Sommertage in der Natur und an der frischen Luft genießen.“
Richtig populär sind die Jungs aus Altendorf auch schon. Diverse Fernsehsender und Journalisten haben ihnen schon einen Besuch abgestattet und wollten mehr über die Mannschaft von Brian Mantle und Cricket in Essen wissen: Die Hindustian Times, Bankok Poste, BBC aus England, ein Fernsehsender aus Irland oder Australien. Auch in der Süddeutschen Zeitung konnte man darüber lesen. Selbst eine Einladung von der deutschen Botschaft in Pakistan war dabei.

Ein Platz in der Cricket-Nationalmannschaft

„Das große Problem momentan aber ist, dass es in Essen an geeigneten Spielplätzen mangelt“, beschreibt Mantle die aktuelle Lage. „Das Feld sollte mindestens einen Durchmesser von 100 Metern haben, oval sein und es muss eine Rasenfläche sein, ein Ascheplatz etwa geht nicht. Weil die Spiele so lange dauern, würden wir das Feld den ganzen Tag für uns beanspruchen. Leider wurde mir mitgeteilt, dass es solche Flächen in Essen nicht gäbe. Daher müssen wir auch oft in andere Städte wie Düsseldorf ausweichen.“ Die Ausrüstung wird teils vom Verein, teils aus eigener Tasche bezahlt. Auch gibt es ausgemusterte Sachen aus englischen Vereinen. Problematisch wird es weiter, wenn es um die Reisekosten geht. Da muss die Unterkunft und die Verpflegung selbst getragen werden, was oft nicht zu stämmen ist. Daher ist man auf Spenden sehr angewiesen.
Ein junger Mann, der dem Cricket schon sein ganzes Leben verfallen ist, ist Khalilullah Jamal. Er hat schon als sechsjähriges Kind in Afghanistan auf der Straße gespielt und hat große Pläne: „Ich wünsche mir, dass auch hier in Deutschland Cricket boomt. Zu Beginn waren wir nur eine handvoll Leute, jetzt sind wir eine richtig tolle Mannschaft. Das beste wäre natürlich ein Platz in der Nationalmannschaft, aber dafür müssen wir noch ein bisschen trainieren.“
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