Partituren mit der Handkante: Retrospektive auf Peter Reichenbergers Malerei im Kunstmuseum

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Enorme Raumwirkung: Mit Abstand betrachtet sieht man leuchtende Farbfelder, doch die Bilder entstanden durch den Auftrag von Handtellerabdrucken (HTA gelb - magenta - rot, 1986) in mehreren Schichten. Fotos: Landgraf
 
Leane Schäfer versucht am Bild (HTA, 0 - 90°, hellblau, blau "Dino", 1993-94) nachzuvollziehen, wie der Künstler beim Drehen der Hand vorgegangen sein muss - genau diese Frage fesselt geradezu den Betrachter.

Zurzeit läuft eine neue Ausstellung in der Alten Villa im Kunstmuseum. Der Titel „Ohne Pinsel – Malerei von Peter Reichenberger“ ist nichtssagend oder vielversprechend, macht aber eins: neugierig. Malerei ohne Pinsel - was soll das sein?

Die Antwort vorab: Fingerkuppe, Handkante oder Handteller des Künstlers tragen die Farbe auf. Doch wer erwartet, dass daraus eine Art Actionpainting entsteht, wird enttäuscht. Vielmehr nutzte Reichenberger, der im Jahr 2004 bei einem Autounfall tödlich verunglückte, Finger, Hand und auch den Ellbogen als Druckstempel. So konnte er regelmäßige Muster und Strukturen erschaffen, die andere Künstler der Zeit vielleicht mit Siebdrucktechnik erstellt hätten. Jenseits der damals bekannten Stile wie PopArt, Informel oder Patternpainting fand Reichenberger von 1976 an für sich eine ganz eigene Nische, eher im Bereich der Konzept-Kunst, kreierte außergewöhnliche Werke, denen man die wörtlich genommene "Handarbeit" erst beim genauen Betrachten ansieht. Nicht nur die Haut mit ihren einzigartigen Erhebungen sorgt für die Muster, sondern auch die serielle Aneinanderreihung der Abdrucke, horizontal, vertikal und diagonal. Das erfolgt nach einem strengen Schema. "Partitur" nannte der Künstler dies. Einige dieser Partituren blieben erhalten, sind auch mit ausgestellt, doch wie genau der Künstler mit seinen eigenen Vorgaben zu Farben, Muster und Farbauftrag letztendlich gearbeitet hat, bleibt dennoch ein Rätsel, zumal er in bis zu sieben Schichten druckte. In akribischer Kleinstarbeit muss er wochen- oder gar monatelang akkurat an den teils sehr großformatigen Leinwänden gearbeitet haben, und durfte sich kaum Fehler erlauben, weil diese das präzise Muster zerstört hätten.
Auch die Farbe an sich musste druckfähig, deckend aber strukturdurchlässig sein, durfte sich nicht vermischen. So verwandte Reichenberger wohl einen Öl- und Druckerfarbe-Mix. Doch nicht nur polychrome, auch monochrome Arbeiten finden sich in seinem Werk, die ebenfalls teils in der Villa gezeigt werden.
Im Nachlass des Kölner Künstlers sind wohl 200 Leinwandarbeiten und über 1000 Arbeiten auf Papier, wie Museumsdirektorin Leane Schäfer mitteilt. Persönlich war sie begeistert von dem Werk, auf das sie per Zufall gestoßen war, als sie in einer ganz anderen, nämlich der Egon-Karl-Nicolaus-Stiftung, unterwegs war und dort Bilder von Reichenberger im Nebenraum sah. Da plante sie spontan: "Irgendwann zeigen wir die mal." Es folgte eine erfolgreiche Kooperation mit der Reichenberger-Stiftung, die sich für den Erhalt des Werkes einsetzt. Voila! Da ist die Ausstellung.

Die Präsentation ist bis zum 28. Januar 2018 in der Alten Villa des Kunstmuseums Gelsenkirchen, Horster Straße 5-7, zu sehen.

Der Wahlkölner Peter Reichenberger wurde am 13. Oktober 1945 in Halle an der Saale geboren und verstarb bei einem Autounfall am 26. Juli 2004.

Von 1967 bis 1976 studierte er freie Malerei und Kunstgeschichte in Köln.

2006 wurde die Peter Reichenberger-Stiftung gegründet, aus dessen Bestand fast alle der gezeigten 50 Arbeiten ausgewählt wurden, aber es sind auch Werke aus Privatbesitz zu sehen - im Zeitraum von 1976 bis 2004.

Von der ersten posthumen Ausstellung, die das Museum Goch 2013 unter dem Titel „Serielle Farbräume“ zeigte, ist ein Werkkatalog für 30 Euro im Kunstmuseum Gelsenkirchen erhältlich.
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