Sommerinterview mit Generalmusikdirektor Rasmus Baumann

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Auf der Domplatte dirigierte Rasmus Baumann "seine" Neue Philharmonie Westfalen open air. Fotos: Gerd Kaemper
 

Seit einer Spielzeit überrascht Generalmusikdirektor Rasmus Baumann die Freunde der klassischen Musik mit kreativen, neuen Programmen, die „seine“ Philharmoniker dann zusammen mit ihm auf die Bühne bringen. Dass sie alle einen roten Faden haben, das ist eines der Markenzeichen von Rasmus Baumann. DerStadtspiegel sprach im großen Sommerinterview mit dem Herzblut-Musiker.

Ja, er denkt sich die Programme für die Spielzeit alle selber aus. „Das ist wahnsinnig viel Arbeit“, gibt er zu. „Und manchmal schlafe ich wirklich schlecht, weil ich so über den Programmen grübele.“ Das für die kommende Spielzeit liegt selbstverständlich schon in gedruckter Form vor, doch Rasmus Baumann denkt längst über die Spielzeiten 16/17 und 17/18 nach...

Konzept mit rotem Faden

„Von dem Konzept mit dem roten Faden bin ich absolut überzeugt“, erklärt er. „Ich denke aber auch daran, mal eine Umfrage im Orchester zu machen“, berichtet der gebürtige Gelsenkirchener: „Ein Hornist fragte mich zum Beispiel, ob wir nicht mal wieder etwas von Ravel spielen könnten, das hätten wir sehr lange nicht mehr. Ich habe nachgeschaut: Und tatsächlich, der letzte Ravel war lange her, also habe ich Ravel ins Programm aufgenommen. Ein Zuschauer meinte, wir hätten lange keinen Chopin mehr gespielt - und das stimmte auch!“ So erklärt sich manchmal durch Kleinigkeiten, wie sich ein Programm ergibt. „Die künstlerischen Ansprüche und die Bedürfnisse des Publikums bestimmen das Programm“, ist Rasmus Baumann sicher.

Querverbindungen bei den Konzerten

Die Idee mit dem roten Faden, der durch ein Konzert führt, scheint gut anzukommen. „Ich höre oft, dass es ja interessant klang im Programmheft, aber man anfangs skeptisch, aber nach dem Konzert begeistert war.“ Interessant klingt es tatsächlich, das Programm für die kommende Spielzeit - und alle Titel der Konzerte hat sich wer ausgedacht? Rasmus Baumann...
„Wenn das Publikum möchte, kann es sogar Querverbindungen entdecken“, verspricht der Dirigent, der selbst erst mit neun Jahren begann Klavier zu spielen (das sei spät, sagt er). „Das zweite Sinfoniekonzert heißt zum Beispiel „Erstlinge“, da spielen wir die Frühwerke von Wagner, Richard Strauss und Mendelssohn-Bartholdy. Und beim fünften Sinfoniekonzert geht es dann um „Letzte Gedanken“ - und wieder sind Richard Strauss und Wagner dabei. Da erkennt man die künstlerische Entwicklung der Komponisten.“ Eine offensichtliche Verbindung gibt es auch zwischen den Konzerten „Aus der neuen Welt“ und „Aus der neueren Welt“: Mit dem Programm „In der Neueren Welt“ möchte ich zum Beispiel zeigen, welche Spuren Dvorak in den USA hinterlassen hat.

"Unendliche Weiten"

Und dass es beim Konzert „Unendliche Weiten“ in den Weltraum geht, ist nicht nur Trekkies klar. „Es wissen nicht viele, dass die einleitende Musik zum Kubrick-Film „2001- Odysee im Weltraum“ das bahnbrechende Orchesterwerk „Atmosphères“ von György Ligeti ist.“ Stimmt. Bei diesem Konzert gibt es noch dazu eine Uraufführung: Der englische Komponist Robin Holloway wurde mit einem Orgelkonzert betraut, das sich auf „Die Planeten op.32“ von Gustav Holst bezieht. „Ohne Holsts Planeten wäre der „Star Wars“-Soundtrack nicht möglich“, ist sich der Musikexperte sicher. „Bei diesem Konzert kooperieren wir mit der Westfälischen Volkssternwarte und dem Planetarium Recklinghausen und es werden Bilder aus dem Weltall projiziert“, freut sich Rasmus Baumann schon heute auf April 2016.

Hochkarätige Gäste

Hochkarätige Gäste gibt es in den Sinfoniekonzerten auch viele zu hören: Die drei Echo-Klassik-Preisträger Marie-Luise Neunecker, Linus Roth und Alban Gerhardt sind genauso mit der NPW zu hören wie die Ausnahme-Sopranistin Annette Dasch. „Das sind wirklich alles hervorragende Interpreten und wir sind auch ein bisschen stolz, dass wir sie verpflichten konnten. Hammermäßig.“ Neu sind in der kommenden Spielzeit Barock-Konzerte. „Das Konzert mit Barock Musik ist so gut angekommen“, erklärt Baumann. „dass wir daraus jetzt eine eigene Reihe in Buer machen wollen.“
Dass es zum Teil Berührungsängste mit klassischer Musik gibt, ist auch Rasmus Baumann klar. „Man muss die Sinfonierkonzerte einfach mal besuchen, dann bekommt man schon eine Ahnung von klassischer Musik“, empfiehlt der Mann am Pult, der es bedauert, dass es heutzutage nur noch so wenig Hausmusik gibt. „Deshalb gehen meine Orchestermitglieder und ich in die Schulen, um Kindern die Instrumente näher zu bringen und ihnen zu erklären, was wir eigentlich machen.“ Deshalb wird es die Kinder- oder Familienkonzerte weiterhin geben. „Wir haben die Anzahl erhöht und werden künftig in jeder Saison eine Partnerschule haben.“
Wenn‘s ums Crossover geht, kennt Baumann keine Berührungsängste. „Warum sollte ich?“ Bei „MiR goes Pop“ gibt es in der nächsten Spielzeit ein Konzert mit Pe Werner, bei der es einst im Bauch kribbelte. „MiR goes Film“ und „MiR goes Disco“ klingt beides gut, und zwar so gut, dass man sich schon ausmalen kann, wie das wohl wirklich klingen mag...

"MiR goes Pop"

Und nicht zuletzt sorgt die Neue Philharmonie Westfalen für die Musik im Musiktheater. „Meine Lieblingsoper war „Die Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss“, sagt Rasmus Baumann und muss nicht lange überlegen. „Da sind Leute von überall her gekommen, um dieses selten gespielte Stück zu sehen.“ In der kommenden Saison freut sich der Generalmusikdirektor auf „Tosca“. „Das habe ich schon lange nicht mehr dirigiert.“ Das ist also das Highlight für die nächste Spielzeit? „Nein, nicht nur...Eigentlich freue ich mich auf jedes Konzert und jede Opernaufführung, weil ich 100 Prozent davon überzeugt bin.“ Und was macht am meisten Spaß? „Wenn es am Abend los geht.“
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