Sträters Hochkultur und Balla Balla

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Der Mann mit der Mütze findet den Knast bedrückend Dennoch trat Torsten Sträter dort ohne Gage auf. Das brachte dem Publikum einen Heidenspaß und dem Sozialfonds 2000 Euro. (Foto: Dirk Walbaum)
Gelsenkirchen: JVA Gelsenkirchen | Kabarettist und Poetry Slammer Torsten Sträter las und plauderte hinter Gittern für einen guten Zweck

Comedy in einer der wohl ungewöhnlichsten Location im Revier: Während die externen Besucher ihrer Personalausweise an der Pforte der Justizvollzugsanstalt Gelsenkirchen eintüten ließen, ließ der Comedian Torsten Sträter umständehalber seine Selbstbeherrschung vor den Knastmauern.

„Selbstbeherrschung umständehalber abzugeben“ lautete die Überschrift, unter der der Mann mit der Mütze in der Sporthalle der JVA in einer Benefizveranstaltung des Sozialfonds NRW Schoten aus seinem Leben erzählte und las. Ganz wie man den Poetry Slammer und Kabarettisten kennt: ein bisschen derb und noch mehr direkt als Chronist des alltäglichen Wahnsinns, als Garant für das Unerwartete.

Show vs. Geschichten

Anders, als in den diversen Comedy-Fernsehformaten, wo er beliebter Gast seiner Kollegen ist – lesend aus seinem E-Reader, den er mit einem Bucheinband tarnt – ging Sträter zunächst auf Tuchfühlung zum Publikum. Er erkundigte sich, wer „von draußen“ gekommen war und wer die Insassen sind, schlug vor, die Plätze zu tauschen und hatte so das Eis gebrochen. Publikum in Gelsenkirchen, ganz gleich, ob es aus Münster oder sonst woher anreist, ist eben nicht wie die Schweizer, von denen Sträter erzählte, dass die kaum lachen können. Wie sollten sie auch, wo dort doch alles so teuer sei ...

Bevor er seine Show begann – „Show ist ein großes Wort, ich erzähle Geschichten. Und was ich heute erzähle, überlege ich mir noch. Ich probier mal was Neues: eine Mischung aus Hochkultur und Balla Balla“ –, gab er den Kollegen eines Fernsehsenders noch ein kurzes Interview. Die wollten nämlich wissen, welchen Eindruck er vom Rundgang durch die JVA hatte. Gewohnt schräg kam die Antwort: „Ich habe mich gefragt, was macht ein attraktiver Mann wie ich in
so‘nem Knast? Nein ehrlich, es ist schon bedrückend. Und es hat mir gezeigt, dass ich besser immer richtig parke und meine Tickets pünktlich bezahle.“ Angeblich hatte er wegen eines unbezahlten Knöllchens schon mal sechs Stunden Beugehaft zu spüren bekommen. Das war eine so skurrile Antwort, dass sie schon wieder wahr sein konnte.
Warum er dennoch an solchem Ort auftrete und dann auch noch ohne Gage? „Das könnt ihr nicht verstehe“, frotzelte er gegen seine Interviewerin vom Privatfernsehen und witzelte weiter, er werde später in die einzelnen Hafträume gehen und die Zigaretten aufsammeln. Gleich wurde er wieder versöhnlich: „Das mag ich am Gefängnis: ,Stilles Wasser für Torsten Sträter‘ – hier ist alles beschriftet.“ Das amüsierte auch JVA Carsten Heim, der immer wieder Kultur hinter die Mauern holt.

Politik wird auf Sträter-Art erklärt

Dass der Ruhrpott-Comedian das politische Parkett nicht ernst nimmt, zeigte ein Einladung beim Auswärtigen Amt, wo er ein paar Gläser Wein zu viel getrunken und auf die Frage eines Herren mit Oberlippenbärtchen „Sie haben doch in Göttingen studiert!“ geantwortet hatte: „Nee, in Hogwarts, Griffindor. Geh wech!“ Dafür konnte er die Griechenlandkrise in einem Satz erklären: „Peter hat vier Äpfel, er isst neun.“

In gewohnter Manier erzählte Sträter von seinen Diäterfahrungen, die ihn letztendlich in den OP-Saal brachten, weil er das in Kunstharz eingegossene Praliné verspeist hatte. Er gewährte auch einen Einblick in seine Versuche, mit Sport einige Pfunde zu verlieren. Und das Publikum lachte Tränen bei der Vorstellung, wie Rambo Sträter eine gefrorene Schweinehälfte malträtierte.

2.000 Ocken für den Sozialfond

In der Pause ließen sich Sträter wie auch die Zuhörer die Gulaschsuppe schmecken. Als er auf die Bühne zurückkehrte, war es die Suppe, die ihn zur Frage an die Häftlinge veranlasste, ob das Essen in der JVA immer so gut sei. Und seine Reaktion auf das „Nöööö“: „Dann bestellt doch außer Haus!“ Da der Privatsender noch drehte, lag eine neue Schlagzeile in der Luft: „Sträter zettelt Meuterei an“ Alles nur sehr vergnügliches Kabarett.

Kein Kabarett war der Scheck über 2.000 Euro aus den Einnahmen des Abends, der dem Chef des Sozialfonds NRW, Dr. Michael Kohlmann überreicht werden konnte.
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