„Anwerbeabkommen mit der Türkei – eine Erfolgsstory“

Minister Guntram Schneider lobte die Unternehmer mit Migrationshintergrund, nahm sie gleichzeitig aber auch in eine Pflicht. Foto: Gerd Kaemper
 
Viele Gäste aus der Wirtschaft und einige aus der Politik waren der Einladung von IntUV gefolgt. Foto: Gerd Kaemper
Beim Businesslunch des Internationalen Unterverbandes RuhrStadt im Wissenschaftspark stand die Frage im Raum: Waren wir nicht alle irgendwann einmal Zugewanderte? Die neue Gelsenkirchener Sozialdezernentin Karin Welge sieht sich jedenfalls als solche und auch der nordrhein-westfälische Minister für Arbeit, Integration und Soziales, Guntram Schneider, der als Gastredner fungierte.

Von Silke Sobotta

GE. In regelmäßigen Abständen lädt IntUV seine Mitglieder zu einem Businesslunch ein, bei dem ein Gast über seine Sicht der Integration, der wirtschaftlichen Anteilnahme der Unternehmer mit Migrationshintergrund oder einfach nur über Wirtschaft referiert. Nun war die Reihe am NRW-Integrationsminister und Guntram Schneider stieß auf so großes Interesse, dass gar noch Tische „angebaut“ werden mussten, um alle Gäste platzieren zu können.

Bereits in seiner knapp siebenminütigen Eröffnungsrede stellte der Vorsitzende des IntUV, Yildiray Cengiz, klar, wohin die Reise bei diesem Lunch gehen sollte: „Usuk, Kabul, Istanbul, Tetuan, Gelsenkirchen. Was verbindet all diese Städte?“ In erster Linie ist es der Unternehmerverband selbst, denn aus diesen Städten in der Türkei, Afghanistan und Marokko stammen die Vorstandsmitglieder des IntUV.
Aber es ist auch die Idee, die dahinter steckt: „Integration kann wirtschaftlichen Erfolg bringen, wie im Fall von Erhan Baz von der Firma Mr. Chicken, sie kann schön sein, wie die drei Siegerinnen der Wahl zur Miss Turkuaz, der schönsten Deutsch-Türkin in Deutschland, Berna, Burcu und Mine unzweifelhaft beweisen. Doch Integration kann auch schwierig sein. Wir als IntUV versuchen diesen schwierigen Weg zu meistern, wir versuchen in den Bereichen Integration, Wirtschaft und Soziales aktiv mitzuwirken. Und ich denke, das gelingt uns zuweilen gut.“
In Vertretung des Oberbürgermeisters, der sich zur Zeit des Businesslunch mit einer Delegation in der Gelsenkirchener Partnerstadt Zenica befand, begrüßte die Sozialdezernentin Karin Welge die Gäste im Namen der Stadt Gelsenkirchen und outete sich dabei als „Zugewanderte“.
„Ich bin in Gelsenkirchen ja auch eine neu Zugewanderte. Aber auch historisch gesehen bin ich das, denn ich stamme gebürtig aus dem Saarland, das ja lange Zeit zu Frankreich gehörte, und mein Großvater war auch französischer Abstammung. Mein späterer Weg führte mich nach Xanten, wo ich als Stadtkämmerin tätig war, ehe ich hierher kam. Und genau dort absolvierte ein Vorstandsmitglied von IntUV ein Praktikum bei mir. Das ist für mich gelebte Integration“, freute sich Welge ebenso wie auf einen Plausch mit dem Minister.
Guntram Schneider erinnerte an das „Ruhrgebiet als den Schmelztiegel der Nationen, in dem Zugewanderte zusammenkommen“, und bekannte, dass auch er einen Migrationshintergrund hat, weil seine Familie ursprünglich aus Polen stammt.
Schneider bewertete die Arbeit des IntUV und auch der Unternehmer mit Migrationshintergrund als sehr positiv, denn „Integration hängt davon ab, ob Menschen in der hiesigen Wirtschaft angekommen und in der Wirtschaft integriert sind.“
Er erinnerte auch daran, dass türkischstämmige Geschäftsleute längst nicht mehr nur in Obst und Gemüse aktiv sind, sondern inzwischen jeder fünfte Unternehmer in NRW einen Migrationshintergrund hat. „Sie sind wichtig für das wirtschaftliche Geschehen in NRW und leisten einen Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg oder auch Misserfolg in NRW.“
Dabei gab Guntram Schneider zu bedenken, dass man den Begriff der Integration häufig falsch verwenden würde: „Wir in NRW verstehen Integration nicht als Assimilation oder Verdeutschung. Für die Landesregierung ist Integration ein gegenseitiger Prozess zwischen einer Mehrheit und einer Minderheit in der Gesellschaft. Und wer heute noch als Minderheit gehandelt wird, stellt in 20 Jahren die Mehrheit, das beweisen die Zahlen.“
Den Unternehmern mit Migrationshintergrund und natürlich auch all ihren Landsleuten legte der Minister ans Herz, dass Bildung im umfassenden Sinne der Schlüssel zur Integration ist und sie ihren Einfluss dahingehend geltend machen sollten. Ebenso appellierte er an die Unternehmer, sich für die Ausbildung von jungen Menschen mit Migrationshintergrund einzusetzen.
Zur Bekämpfung des Fachkräftemangels in Deutschland erläuterte der Minister, dass sich die Landesregierung NRW dafür stark machen wolle, ausländische Diplome stärker anzuerkennen und damit Fachkräften, die hier leben aber nicht als solche arbeiten dürfen, neue Chancen zu eröffnen.
An die versammelten Unternehmer richtete Guntram Schneider die Worte: „Sie gehören zu Nordrhein-Westfalen und zur Wirtschaft unseres Landes. Sie sind keine Randgruppe, Sie sind mitten in der Gesellschaft. Sie sind der Beweis, dass 50 Jahre Abwerbeabkommen mit der Türkei eine Erfolgsstory sind.“
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