Der Kälte entgegenwirken

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Der Bollerwagen enthält Konserven, Tee, Kaffee, Obst, Süßigkeiten und vieles mehr. Foto: Gerd Kaemper
 
Passend zu Ostern wurden Ostertüten gepackt. Foto: Gerd Kaemper
 
Die gespendeten Lebensmittel werden im Ladenlokal an der Weberstraße gesammelt und von dort aus gehen sie mit dem Bollerwagen zu den Bedürftigen. Foto: Gerd Kaemper
Gelsenkirchen: WDDN-Ladenlokal |

Es war im Dezember 2014 als einige Gelsenkirchener beschlossen, dass etwas getan werden müsste für die Obdachlosen und Bedürftigen in Gelsenkirchen. Also gründeten sie die Bürgerinitiative „Gelsenkirchen packt an! Warm durch die Nacht“ und ziehen seitdem an mindestens fünf Tagen in der Woche mit heißen Getränken und Speisen in den Abendstunden durch die Stadt.

Warm durch die Nacht ist jetzt Verein


Inzwischen verfügt Warum durch die Nacht über Vereinsstatus und ein kleines Ladenlokal, in dem die Vorräte gesammelt werden können. Sobald sich eines der Regale leert, wird das Orgateam aktiv und postet einen Hilferuf auf facebook. Und das mit unglaublich großem Erfolg.
„Und wurde zum Beispiel zum Warmmachen der Suppen, die wir dankenswerter Weise von der Fleischerei Thelen oder auch Gastronomen zur Verfügung gestellt bekommen, ein Induktionskochfeld mit zwei Platten gespendet. Das ist eine tolle Sache, nur wir hatten keinen Topf, der auf Induktion funktioniert. Und ich meine einen richtig großen Topf für 20 Liter Suppe!“ schildert Petra Bec vom Orgateam von Warm durch die Nacht. „Ich habe dann eine kurze Mitteilung losgelassen, ob jemand einen Topf in der Größe zur Verfügung stellen könnte und man glaubt es nicht, es haben sich sofort mehrere Leute gemeldet und inzwischen hat der Dampffuchs GE einen brandneuen Topf gespendet.“

Spenden sind erwünscht: Von einer Suppenterrine bis hin zu 500 Dosen Fisch


Die Bürgerinitiative ist immer wieder aufs Neue erstaunt, über die unglaubliche Resonanz, auf die ihre Anfragen stoßen. So wurde verbreitet, dass der „Fisch alle ist“. Damit sind Fischkonserven gemeint. Busunternehmer Ulrich Nickel meldete sich und spendete spontan 500 Dosen Fisch. „Er hatte zwei Freunde dabei, die ihm beim Tragen geholfen haben und fragte uns, ob sonst noch was fehlen würde. Wir haben ein wenig rumgedruckst und angemerkt, dass gerade im Winter immer mal wieder Schlafsäcke benötigt werden. Daraufhin hat er einen seiner Bekannten losgeschickt, welche zu besorgen. Das ist als würde man träumen, wenn man das erlebt“, strahlt Bec.
Allerdings freuen sich die Akteure von Warm durch die Nacht über jede noch so kleine Spende, auch über eine einzelne Suppenterrine. Denn nur durch solche Spenden kann die Arbeit der Ehrenamtler gewährleistet werden.

Mit dem Bollerwagen durch die leere City


Um die Lebensmittel, Kaffeekannen, Hygieneartikel, Obst, Süßigkeiten und mehr zu transportieren hat eine Mitstreiterin der Gruppe einen „Bollerwagen“ gebaut, auf dem in einem Regal alles untergebracht werden kann, was beim Zug durch die die Stadt benötigt wird.
Von ihrem Ladenlokal an der Weberstraße machen sich die Helfer an mindestens fünf Abenden in der Woche auf den Weg. Es geht über die Bahnhofstraße bis zur U-Bahnhaltestelle am Musiktheater. Wenn unterwegs jemand auf der Straße sitzend angetroffen wird, haken die Helfer nach und fragen, ob er etwas heißen trinken möchte oder sonst etwas benötigt und weisen darauf hin, dass sie um kurz nach 20 Uhr am Hauptbahnhof anzutreffen sind, wo es dann ein warmes Essen gibt.
Die Gruppe besteht dann immer aus mindestens drei Personen, weil ansonsten keine Zeit mehr bleibt mit den Menschen, die ihre Hilfe nötig haben ins Gespräch zu kommen. Denn während Getränke und Essen ausgeteilt werden, kann es schon einmal hektisch zu gehen.

Bäcker spenden gern ihre Reste vom Tagesgeschäft


Auf dem Rückweg über die Bahnhofstraße werden dann die Bäcker abgeklappert, die gern die Überbleibsel ihres Tagesgeschäftes spenden an die, die es nötig haben.
22 Personen zählt das Orga-Team, im Hintergrund gibt es rund 1.012 weitere Unterstützer. Bei den Abendeinsätzen wechselt man sich ab, je nachdem wie es gerade in den eigenen Terminkalender passt.

Wenn die Ehrenamtler erscheinen, strömen die Bedürftigen zusammen


Am Bahnhof angekommen, stehen vereinzelt Leute herum, die sich sofort in Bewegung setzen als die Helfer zu sehen sind. Schon von weitem werden Petra, Bianca, Anja und Co. namentlich begrüßt und willkommen geheißen.
„Diese Menschen suchen sich einen von uns aus, dem vertrauen sie dann und erzählen ihm ihr Leben“, weiß Petra Bec. „So habe ich es mal erlebt, dass einer der Männer seit ein paar Tagen immer gekrümmt ging. Als ich nachhakte, erfuhr ich, dass er nach einem Wirbelbruch Schienen und Schrauben im Rücken hat, die sich wohl übelst entzündet hatten. Es hat viel Überzeugungskraft gekostet, ihn ins Krankenhaus zu bringen.“
Ein anderer Mann hatte ein Stichwunde im Rücken und musste erst überzeugt werden, sich behandeln zu lassen.

Die Bedürftigen freuen sich nicht nur über die warme Mahlzeit, sondern auch über die warmen Worte und Taten


Günter, ein junger Mann der durch Drogen zur Beschaffungskriminalität kam, 35 Monate einsitzen musste und jetzt von Hartz IV, aber in einer eigenen Wohnung lebt, hält Petra Bec zugute, dass sie einen Mann davon überzeugen konnte, in den Entzug zu gehen und ihn währenddessen immer wieder besucht hat. „Sonst geht ihn ja keiner besuchen“, erklärt die Gelsenkirchenerin mit knappen Worten.
Jupp, ein anderer Bedürftiger, erinnert sich gerne zurück an die Weihnachtsfeier, die Warm durch die Nacht im letzten Jahr organisiert hatte: „Es war richtig wie früher. Der Tisch war schön dekoriert, es gab ein leckeres Essen, Lieder wurden gesungen und sogar ein richtiger Tannenbaum stand hier am Hauptbahnhof.“

Weihnachten und Ostern wie im Kreis der Familie gefeiert


Nach den guten Erfahrungen hat der Verein in diesem Jahr auch ein Osterfest ins Leben gerufen. Wiederum mit hübsch dekorierten Tischen, Tüten mit bunten Eiern, Schoko-Osterhasen und Schokoladeneiern bestückt wurde an Bierzeltgarnituren auf dem Bahnhofsvorplatz der Auferstehung Jesu Christus gedacht.
Kalle zeigt sich schwer beeindruckt von Warm durch die Nacht und schwärmt: „Das ist eine tolle Institution. Die Leute sind Klasse und es haben sich schon echt viele Freundschaften gebildet. Und ich bin drei bis vier Mal in der Woche hier, ich kenne sie alle.“

Das Engagement geht über Lebensmittel hinaus


Eine Frau schildert, dass ihr Freund vor einem Fernseher sitzt und auf das Testbild guckt, weil irgendwas mit der Antenne nicht stimmt. Sie fragt bei Petra Bec nach, ob sie ihr vielleicht einen Verstärker oder eine neue DVB-T-Antenne besorgen kann und diese will sehen, was sich machen lässt.
Günter, der besonders gegen Ende des Monats gern zu Warm durch die Nacht kommt, erinnert sich gern an den Grünkohl vor einigen Tagen, sogar mit Bauchfleisch darin. „Und auch die Suppe ist nie nur so ein dünnes Süppchen, da ist immer richtig was drin, das auch satt macht. Ich sage auch anderen, von denen ich weiß, dass sie nichts haben, dass es hier etwas gibt und die Leute sehr nett sind.“

Wünsche werden vorgetragen und nach Möglichkeit erfüllt


Eugen strahlt nur so, als er sagt: „Die Leute hier kümmern sich um Dinge, nach denen man einfach mal fragt. Egal ob es um Kleidung geht oder Hygieneartikel oder Schuhe. Sie tun was sie tun können und meistens erhält man das Gewünschte. Und zwar nicht erst irgendwann!“
Für die Helfer ist eine Auszeichnung, wenn ein Motorradpolizist, der am Bahnhof seine Runden dreht, ihnen sagt: „Seitdem Ihr das hier macht, haben wir weniger Einsätze!“ Am Anfang stoben die Bedürftigen auseinander, wenn der Polizist mit seinem Motorrad in Sichtweite kam. Inzwischen stellt er sein Motorrad ab, kommt dazu und trinkt gern mal einen Kaffee mit. Irgendwie gehört auch er dazu.

Ein familiäre Zusammenkunft in den Abendstunden am Bahnhof


Und man hat wirklich den Eindruck, dass es sich um eine Art Familientreffen der etwas anderen Art handelt. Jeder kennt sich, dutzt sich, man teilt die Sorgen miteinander und hört auch einfach mal zu. Anja, die aus Marl zu von Warm durch die Nacht kommt, formuliert es so: „Man merkt durch diese Kontakte wie gut es einem geht und man wird dankbarer schon für Kleinigkeiten und einfach demütiger.“
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