Eckstein: „Auf die Harmonie kommt es an“

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Eckstein trägt auch selbst Körperkunst, wie das Foto bei der Arbeit an Hals und Arm beweist. Foto: Gerd Kaemper
 
Wer hier Platz nimmt, der begibt sich in des Meisters Hände. Aber keine Angst: Er bohrt nicht! Foto: Gerd Kaemper
 
Und der hat die filigrane Technik drauf, wie man so schön ... Foto: Gerd Kaemper
Gelsenkirchen: Tiny Giants Production |

Tattoos galten früher als „verrucht“. Nur Leute, die im Gefängnis waren, Rocker oder soziale Randgruppen, ließen ihre Körper damit gestalten. Heute prangen uns Tattoos von Werbeplakaten entgegen, Models steigen in ihrem Wert mit ihren Tattoos und auch in der Fußball-Bundesliga kommt kaum einer daran vorbei. Der Gelsenkirchener Eckstein erlebte den Wandel der Szene mit als Tätowierer und Künstler.

Wie alles begann


Vor 22 Jahren begann Eckstein, der mit bürgerlichem Namen Olaf Schubert heißt, seine Karriere im wohl ersten Tattoo-Studio Gelsenkirchens dem „Underground“.
Rolf Olbrich hatte im Jahr 1991 den Schritt gewagt, die Tätowierkunst, denn von einer solchen ist hier die Rede, in die Öffentlichkeit zu bringen und eröffnete an der Wanner Straße 127 sein Studio. Übrigens in direkter Nachbarschaft zu einer Grundschule.
1993 kam Eckstein dazu und später hat er das Studio übernommen und daraus das „Tiny Giants Production“ gemacht. „Der Name stammt aus dem Liedtext einer älteren Punkband. Darin geht es darum, dass jeder der Star in seinem eigenen Film sein kann, wenn er es nur will und sich das zum Ziel setzt. Darüber sollte man aber nie die Demut verlieren, denn die ist wichtig im Zusammenleben der Menschen. Für mich zum Beispiel ist immer der nächste Kunde der wichtigste Mensch und nicht ich selbst“, schildert Eckstein seine Philosophie.
Und wer mit ihm ins Gespräch kommt, der stellt schnell fest, dass er es mit einem Menschen zu tun hat, der sich wirklich Gedanken macht über das Leben, die Menschen und natürlich die Kunst. Obwohl auch die Ägyptologie ihren Reiz für den kreativen Kopf hat.

Ein Raum mit Ambiente


Sein Studio erscheint auf den ersten Blick spärlich oder spartanisch, doch der zweite Blick offenbart die kleinen Details, die dem Künstler wichtig sind. Da gibt es den Zahnarztstuhl aus den 60er Jahren, der auch gut auf die Bühne passen würde beim Musical „Der kleine Horrorladen“. Oder die „Findlinge“ auf denen die Theke ruht. „Die habe ich aus Ytonsteinen gemacht. Ich habe die Steine so lange mit dem Hammer bearbeitet, bis sie wie echte Steine aussahen und dann mit der entsprechenden Lasur versehen“, erklärt Eckstein und man muss neidlos gestehen: Die Steine sehen wirklich echt aus und fühlen sich auch so an.
In einem Nebenbereich des Studios hat der Künstler nicht nur seine Desinfektionskammer, die er eigentlich heutzutage gar nicht mehr braucht, weil er mit Einwegnadeln arbeitet, die ihm aber im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen ist und einfach dazu gehört.

Ein vielschichtiger Künstler


Und auch sein Atelier befindet sich hier. Denn neben der kunstvollen Körperbemalung widmet sich Olaf Schubert auch dem Air-Brush und das mit einer Intensität, die an Fotografien heranreicht. Selbst den Star-Fotografen Jay Ullal, der berühmte Stern-Fotograf, ließ es sich vor vier Jahren nicht nehmen nach Gelsenkirchen zu kommen, um zu sehen, was Eckstein aus seinen Fotografien in dem Buch „Die Denker des Dschungels“ gemacht hat.
Der Gelsenkirchener hatte die in dem Buch abgebildeten Orang Utans als Vorlage für seine „Sanften Riesen“ genommen und sie mit der Airbrush-Technik lebensgroß auf Leinwand gebannt. Der Fotograf zeigte sich beeindruckt und erklärte: „Eckstein hat es tatsächlich geschafft, die Aussage der Original Fotos noch zu verstärken.“

Ein moderner Ritterschlag für Eckstein


Das verstand der Gelsenkirchener als einen echter Ritterschlag von einem Mann, dessen Fotos bisher nur von Andy Warhol als Vorlage genutzt wurden. Heute sagt Eckstein: „Ich hatte die Idee dazu schon lange mit mir herumgetragen, aber irgendwie kam ich nie dazu sie umzusetzen. Dann habe ich meinen Freunden davon erzählt, dass ich es plane und kam damit in die Not, es zu tun. Manchmal muss man sich selbst ein wenig überlisten, um zu seinem eigenen Ziel zu kommen.“
In der Kaue hat er einst den „Tanzsaal“ mit monumental großen Kunstwerken verziert, bei denen er verschiedene Dali-Motive miteinander verbunden hat. „Der Meister würde sich im Grabe umgedreht haben. Aber der Kunde hat es so gewünscht“, schildert der Gelsenkirchener.

Auf Ecksteins Kunst trifft man an vielen Orten


Inzwischen hat sich Eckstein auch auf Buchcovern verwirklicht. Sein Freund aus der Schulfzeit, Thilo Pasch, hat eine Fantasy-Trilogie geschrieben, deren Cover von Eckstein gestaltet wurden. Zwei der drei Bücher der Saga sind bereits erschienen, der dritte Band wird von den Fans der beiden Künstler bereits mit Sehnsucht erwartet, denn auch die Gestaltung des Buches sorgt für Neugierde.
Übrigens hat sich Pasch dafür auf seine Weise bedankt und eine Kurzgeschichte in der „Gelsenkirchener Anthologie“ veröffentlicht, die sich um einen Tätowierer namens Ecki dreht. „Aber die Geschichte gab es so nicht wirklich“, betont Eckstein, der natürlich nie so mit einem Kunden umspringen würde, wie es in der Kurzgeschichte dargestellt wird.

Apropos Kunden


Wer von Eckstein tätowiert werden will, der muss Geduld haben. Denn die Wartezeiten liegen derzeit bei zwei Jahren! Doch Namen wie Farfan, Jones, Höger, Sanchez, Fährmann oder Francesco Pianeta beweisen, dass sich das Warten lohnt, sonst würden die Schalke- und Box-Profis sicherlich ihre Kontakte spielen lassen ...
Das freut den Gelsenkirchener, der von sich selbst sagt, dass er den Schalke-Virus schon bei seiner Zeugung mitbekommen hat. Kein Wunder, dass er jede Menge Schalke-Motive sticht und malt oder vielmehr airbrusht.

Körperkunst nach eigenen Ideen


Die meisten Motive, die er in die Haut seiner Kundschaft sticht, entwickelt der Künstler selbst, oft in Zusammenarbeit mit den Kunden. Und in Sachen Tattoos gibt es viele Stilrichtungen und Modeerscheinungen, wie Old School, New School, Traditionals...
Eckstein ist ein Liebhaber der Realistic- und Fantasy-Sparte, man sagt ihm aber auch nach, dass er ein Biomechanic-Spezialist ist. Fakt ist: Wer braucht schon Körperwelten, wenn er sich die Sehnen, Muskel und mehr auf die Haut stechen lassen kann?
Wer es eher deftig mag, der findet vielleicht Gefallen an der Tube Löwensenf auf dem einen Arm und dem Paar Wiener-Würstchen auf dem anderen. Und ist erst einmal der Drache auf dem Rücken plaziert, kann auch noch eine Dschungellandschaft mit Wasserfall und mehr dazu kommen. Der Kunst sind hier keine Grenzen gesetzt.

Ein Tattoo ist ein geben und nehmen


Einzig: „Dass man etwas gegeben und ertragen hat, macht ein Tattoo zu etwas Besonderem“, sagt der Meister und weiß, wovon er redet. Denn es gibt mehr oder weniger schmerzintensive Körperstellen und die Schmerztoleranz ist auch tagesabhängig.
Aber im Grunde ist es Eckstein egal, ob er mit einer Nadel, der Airbrush-Pistole, dem Pinsel oder einem Bleistift zu Werke geht, hauptsache ist, „dass die richtige Farbe an der richtigen Stelle ist“. Denn die Harmonie muss stimmen.
Und die Harmonie ist ihm in seinem Leben immer wichtig gewesen. Darum hat er auch die Ausbildung zum Schlosser an den Nagel gehängt. „Ich konnte mir nicht vorstellen, mein Leben lang Schlosser zu sein“, erzählt er. Und das war gut so. Denn rückblickend kann Eckstein für sich sagen: „Ich habe es richtig gemacht, denn wer kann schon von sich sagen, dass er nach mehr als 20 Jahren im Job, diesen immer noch gern macht?“

Dem Künstler gehen die Ideen nicht aus


Und weil Eckstein einer ist, der sich immer wieder neue Ziele setzt, um diese auch umzusetzen, trägt er sich nun mit dem Gedanken, dass er „einen Raum sucht. Ein Ort mit einer Ausstellungsmöglichkeit, wo auch Lesungen, Musik oder mehr stattfinden könnten. Aber eben für die Subkultur-Szene. Das wäre eine tolle Sache. Aber ich weiß nicht, ob ich das alleine stemmen könnte, ohne dass ich Zeit investieren müsste, die mir mit meiner Familie fehlt ...“

Mit ein bisschen Druck von außen geht es immer weiter.....


Der erste Schritt ist getan: Das Ziel ist gesetzt und der Druck von außen wächst wie damals bei den „Sanften Riesen“. Es wäre schön, wenn sich Geschichte wiederholen könnte, denn das Schaffen von Eckstein gehört großformatig gezeigt und nicht in kleine Fotoalben gequetscht.
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