"Feel good" - Hinter Mauern spielt die Musik

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„feel good“, die Band der JVA Gelsenkirchen, spielt erst seit einem Vierteljahr zusammen und hat schon ein Repertoire von neun eigenen Stücken und einem gecoverten Song. (Foto: Gerd Kaemper)
 
Wer diese Pforten durchschreitet, findet sich in einer anderen Welt wieder. In der Justizvollzugsanstalt an der Aldenhofstraße in Gelsenkirchen gelten andere Regeln und Werte als im Leben jenseits der hohen Mauern, Stacheldrahtzäune und Wachmänner. (Foto: Gerd Kaemper)
Gelsenkirchen: JVA Gelsenkirchen | Gelsenkirchener Gefängnis-Band „feel good“ rockt seit Februar mit eigener Musik und eigenen Texten

Gefängnismauern, auch wenn sie hell sind, sorgen für ein bedrückendes Gefühl bei denen, die rein kommen und sicher auch bei denen, die drin sind. Dennoch haben sich die acht Musiker der Gefängnisband den Namen „feel good“ gegeben. Weil ihnen die Musik hinter Mauern ein gutes Gefühl vermittelt.

Heßler. Es ist Mittwoch, kurz vor zwei Uhr nachmittags in der JVA Gelsenkirchen. Vor einer Tür stehen acht Männer in dunklen Shirts mit grünem Namenszug. Einige rauchen, andere diskutieren. Zwei stehen etwas abseits und beobachten still das Geschehen. Schnellen Schrittes kommt eine kleine Frau mit Raspelhaarschnitt und Brille auf sie zu, den Rucksack lässig über der Schulter. Das ist Gudrun Stachorra, Gefängnislehrerin, Bandleaderin und Sängerin. Das bedeutet, die Band hat Probe.
Sofort schart sich die Gruppe Männer um sie. Bis alle im Probenraum sind, gibt es schon gefühlte hundert Ideen, wie die drei Probenstunden zu füllen sind. Auf alle Fälle steht der neue Song auf dem Plan.
„feel good“ ist die zweite Band, die Gudrun Stachorra in der JVA begleitet. Die erste nannte sich „Panzerfett“. Der Name möglicherweise als Synonym, dass Musik den härtesten Panzer geschmeidig und beweglich werden lässt? „Musik ist Therapie und Lebenshilfe“, weiß Gudrun Stachorra aus ihrer Arbeit mit den Gefangenen. Deshalb wollte sie auch das Bandprojekt nicht sterben lassen, als sich "Panzerfett" auflöste. „Eine so spezielle Band bleibt nie lange in einer Besetzung, es sei denn, die Mitglieder haben eine lebenslange Haftstrafe zu verbüßen“, lacht Gudrun Stachorra. Sie hat ein offenes, ansteckendes Lachen, ist ein fröhlicher Mensch und der Außenstehende bemerkt schnell, dass die Bandmitglieder große Stücke auf Ihre Lehrerin halten, die ja auch ihre Sängerin ist und mit einer Stimme wie Gianna Nanini den Stücken eine ganz eigene Note und Professionalität verleiht. Dabei habe sie vor dem Bandprojekt nur unter der Dusche gesungen, verrät sie.

Eine Band ist nichts für Gefangene, oder doch?

Die Rekrutierung von „feel good“ war zunächst ein Problem. Zum Glück war da Zenzei. Zenzei, den alle den Puppenspieler nennen, erzählt, dass er professioneller Musiker sein. Deshalb möchte er seinen richtigen Namen auch nicht verraten. Immerhin ist seine Entlassung schon in greifbare Nähe gerückt und er möchte nach seiner „Knastkarriere“ eine richtige Karriere als Musiker starten. Draußen, sagt er, stünden alle Signale auf Grün.
Die meisten der bandeigenen Stücke kommen von ihm. Er schreibt die Texte und komponiert die Musik dazu.
Auch Zenzei hatte es nicht leicht, JVA-Insassen vom Mitmachen in der Band zu überzeugen. „Im Knast wirst du ausgelacht, wenn du sagst, dass du Musik machst. Das ist nichts für harte Jungs.“ Doch Zenrei kannte Daniel E. und warb ihn als Schlagzeuger. Und Daniel E. kannte Sebastian H., der in seinem Leben vor dem Knast gesungen und gerappt hat. Es lief dann wie beim Dominoeffekt: Sebastian fragte unter seinen Kumpels, ob sich jemand mit Tontechnik auskenne. So wurde Marco Sch. einer von „feelgood“. Es kamen noch Gitarrist Sascha B., Sänger Marcus H., Ahmed und Ingo K. Damit hatte die Band ihre Zusammensetzung und beim Auftritt von Comedian Thorsten Sträter im April dieses Jahres ihre erste große Mugge. Da hatten sie erst zwei Monate geprobt und schon zehn Titel im Repertoire. Jetzt geht es an den elften.

Band-Probe statt Anstalts-Arbeit

Geprobt wird dreimal in der Woche. Für die Bandmitglieder eine schöne Abwechslung. Wenn es in den Probenraum geht, sind die anderen JVA-Insassen in der Regel noch auf der Arbeit.
Die acht Bandmitglieder sind zwar keine Freunde – „im Knast schließt du keine Freundschaften“, sagt Sebastian – aber für die Zeit der Proben sind sie eine Gemeinschaft und fühlen das auch. „Wir sind wie jede andere Band draußen“, meint Sebastian H., „und wir haben die gleichen Befindlichkeiten. Wir haben Lampenfieber vor einem Auftritt, wir proben und wir fetzen uns. So wie das unter Musikern üblich ist.“
Bei so einem Satz schmunzeln der zurückhaltende Ahmed und Ingo K. Denn bis auf sie beide und Zenzei sind alle Bandmitglieder Autodidakten. Ingo K., mit 52 Jahren mit der Älteste in der Truppe, hat ein bewegtes Straßenmusikerleben hinter sich, dass ihn, wie er sagt, durch die ganze Welt geführt habe. Er lebte in Frankreich und Gibraltar. Seine Flöte hatte er immer dabei, auch als er in die JVA kam. Natürlich wollte er in der Band auf seinem eigenen Instrument spielen. Es war eine ziemliche langwierige, bürokratische Prozedur, die Flöte aus seinen persönlichen Sachen wiederzubekommen. „Das hat gefühlte sechs Wochen gedauert“, erinnert sich auch Gudrun Stachorra.
Ahmed war ebenfalls in seiner Heimat, der Türkei, ein anerkannter Musiker und beherrschte vor allem traditionelle Saiteninstrumente wie die Zasi. In der Band spielt er den Bass.

Alles begann mit einer Akustik-Gitarre

Angefangen hat die Band mit einer kleinen Akustikgitarre. Die anderen Instrumente konnten später aus Mitteln der JVA gekauft werden. Manche, wie das Keyboard, wurden gespendet. So ist die Truppe mittlerweile sehr gut ausgestattet. Auch der Probenraum wurde so hergerichtet, dass er auch als solcher genutzt werden kann. Er ist nicht groß und bietet wenig Platz. Trotzdem kann Gudrun Stachorra, während sie die Titel singt, zwischen den Musikern hin und her tanzen.

Bei den Proben haben alle ihren Spaß. Es geht unkompliziert zu und ähnlich unkompliziert werden auch die Stücke geprobt. Vor allem: ohne Noten! Und trotzdem klingt „Knocking on heavens door“ wie die Performance von Profis – von der schlechten Akustik des kleinen Probenraumes mal abgesehen.
Der neue Song stammt aus der Feder von Rapper Sebastian und so ist es auch ein Rap. Die Band spielt ihn heute das erste Mal. „Er ist nch nicht fertig“, wendet Sebastian ein. „Dann proben wir eben nur, was da ist“, sagt Zenzei und gibt das Zeichen. Die Musik beginnt. Gudrun und Ingo spielen das Keyboard und Sebastian legt los: „Ihr wollt einen Text über Knast, doch das geht nicht. Viel zu lange schon hier drin und ich dreh mich, immer im Kreis ...“
Die Texte spiegeln wieder, was die Bandmitglieder fühlen, was sie denken, sich wünschen und erträumen. Da geht es um unglückliche Liebe, das Leben im Knast und um Freiheit zum Beispiel. So ist auch der Titel ihres ersten Songs. Er stammt aus Zenzeis Feder. Musikalisch hat er schon einige Änderungen erfahren. „Wir haben den Titel zuerst im Reggae-Stil gespielt, sind dann aber immer mehr auf Rock gekommen“, sagt der Komponist. Rock-Pop ist auch die Richtung, in der sich die meisten der Titel bewegen.
Der Titel „Freiheit“ beschreibt den Blick zurück von außerhalb der Gefängnismauern: „Freiheit, die uns am Leben hält, Freiheit ist viel wichtiger als Geld. Freiheit ist das Einzige, was zählt.“ Der Refrain klingt fröhlich und hat einen guten, tanzbaren Rhythmus.
„Vielleicht", so hofft Gudrun Stachorra, "finden die acht Bandmitglieder auch später den richtigen Rhythmus für ihr Leben, in dem „feel good“ dominiert und nicht nur Erinnerung bleibt."
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