„Hier ist was los heute!“

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Bei dem Luftballonspiel, das auch als Kontaktaktion dienen könnte, gerieten die älteren Herrschaften richtig in Stimmung und hatten viel Freude, die auch auf die jungen Leute überging. So wurde es schnell ein wenig chaotisch, aber im positiven Sinn. Foto: SiSo
 
Mike Becker und Petra Lemke leiteten den Workshop und hatte dazu einige Accessoires dabei. Die gelben Zettel vermittelten den jungen Leuten dabei die Grundlagen der Pflegesituation, wie Essen, Trinken, Körperpflege, Schlaf und Mobilität. Dinge, die auch im Leben der jungen Leute viel Raum einnehmen. Foto: SiSo
 
Ein Tänzchen in Ehren kann niemand verwehren. Zu Tony Christies „Maria“ schwofte Mike Becker mit einer der Heimbewohnerinnen. Foto: SiSo
Gelsenkirchen: Liebfrauenstift |

Zehn Schüler trafen drei Tage lang im Caritas Alten- und Pflegeheim Liebfrauenstift auf 13 Bewohner und stellten dabei fest, dass es allen Unterschieden zum Trotz auch viele Gemeinsamkeiten gibt zwischen Alten und Jungen.

Stiftung ermöglicht Projekt für Jung und Alt

Ermöglicht wurde diese Begegnung durch das Generationenprojekt „Anders sind wir alle - Ein miteinander Leben und voneinander Lernen der Generationen und Kulturen für einen gelingenden Übergang in die Berufswelt“. Die Gelsenwasser Stiftung „von-klein-auf“ finanzierte den Besuch von Petra Lemke und Mike Becker von der Gruppe „Bildung-aller-Sinne“, die die Moderation der Begegnung zwischen Jung und Alt übernahmen.
Die Hauptschule Grillostraße ist seit einigen Jahren der Projektpartner von „Bildung-aller-Sinne“ und hier wählen die Lehrer der achten Jahrgänge gezielt Schüler aus, die sie auf ihr Interesse an dem Workshop ansprechen. „Es geht am Ende ja nicht darum, dass die jungen Leute sich tatsächlich für einen Pflegeberuf entscheiden. Vielmehr werden Schlüsselkompetenzen vermittelt, die den Schülern auch bei ihrem bald anstehenden Praktikum nützlich sein können“, schildert Petra Lemke.

Der erste Besuch im Pflegeheim

Für manch einen der Schüler war es der erste Besuch in einem Pflegeheim und er musste sich erst an die älteren Herrschaften gewöhnen, die ungewöhnlichen Gerüche, die Gehöreinschränkungen, aber auch die Begeisterung für die Begegnung mit den jungen Leuten. „Wenn am Ende dann doch einer der Schüler zu einem Besuch zurückkehrt, wäre das schon eine tolle Sache. Durch die Begegnung mit den Senioren kann ja auch eine persönliche Bindung entstehen“, wünscht sich Petra Lemke.
Jeder der drei Tage beginnt für die Schüler mit einer Vorbereitung. Dabei geht es darum das Thema für den Tag abzustecken, sich zu überlegen, wie man es mit und für die Senioren angehen kann und in Gruppen die Ideen einzuüben. Im Anschluss kommen die Heimbewohner dazu und das zuvor Abgesprochene wird mit Leben gefüllt. Wenn die älteren Leute sich dann zum Mittagessen zurückziehen, bleibt für die Schüler noch Zeit zur Nachbereitung und Reflexion des Erlebten.
Beim Besuch des Stadtspiegel am zweiten Tag des Workshops stand das Thema „Team“ auf dem Programm. Denn im Umgang mit den Senioren ist es wichtig, dass man im Team denkt und das fängt damit an, dass die Schüler die Senioren auf ihren Stationen abholen und sie mit Rollstuhl und Rollator in den Gruppenraum begleiten. Denn manch einer der älteren Mitbürger würde diesen Weg nicht ohne Hilfe durch das Team des Hauses schaffen.

Schüler präsentieren kleine Pantomimen

In der Runde präsentierten die Schüler einige Pantomimen, die sie vorher eingeübt hatten, und die demonstrieren sollten, dass vieles im Team einfacher ist. So spielte zum Thema Wohlbefinden ein Schüler seine Morgentoilette durch mit Duschen, Rasieren und Eincremen, allein und selbstständig, wie es für sein Alter üblich ist. In der zweiten Szene standen ihm dann zwei Mitschüler zur Seite und halfen ihm bei diesen ganz alltäglichen Dingen, weil sie ihm durch Krankheit oder Alter nicht mehr allein möglich waren.
Alt und Jung waren sich einig, dass die morgendliche Toilette zum Wohlbefinden beiträgt. Ähnlich verhält es sich mit dem guten Schlaf. Doch wie zur Ruhe kommen, wenn im Kopf noch die Zahnräder rotieren?
Frau Friedmann schwärmte von der Stillen Stunde, die es im Seniorenstift gibt und die mit dem Singen von Abendliedern und einer Erzählrunde beim Herunterkommen hilft und so das Einschlafen erleichtert. Die jungen Leute benötigen ähnliche Rituale, nur, dass sie sie Chillout nennen und dazu Youtube-Videos anschauen, um sanft in Schlaf zu fallen.
Chillen? Youtube? Fremdwörter ohne Inhalt für die zum Teil hochbetagten Bewohner des Stifts. „Man kann auf Youtube Musik hören, aber auch Videos schauen. Da gibt es sogar Filme, die einem bei irgendwelchen Problemen helfen und zeigen wie es geht. Das macht man dann auf dem Computer oder dem Smartphone“, erklärt ein Schüler den älteren Herrschaften die Begrifflichkeit.

Ein Gesellenstück aus Kriegstagen

Im Gegenzug präsentiert Frau Latz den jungen Leuten ihr Gesellenstück in der Schneiderausbildung aus dem Jahr 1941. Mit Hilfe von Nähmaschine und Handarbeit hatte sie eine Woche Zeit um ein kleines Kunstwerk zu kreieren, das viele Details des Schneiderhandwerks beinhaltete. Da gab es Knopfleisten und Knöpfe, einen Reißverschluss, Hosentaschen, Bünde und Nähte, eine Bordüre und vieles mehr.
Das Highlight für alle Beteiligten dürfte an diesem Tag die Luftballonaktion gewesen sein. Auch wenn beim Aufpusten schon der ein oder andere explodierte, so wurden noch genügend hübsch kugelrund und konnten weiterverarbeitet werden. Denn die jungen Leute suchten sich unter den Heimbewohnern jeweils einen aus und schrieben dessen Namen auf den Luftballon. Am Ende hatte manch einer sogar mehrere bunte Ballons und hütete sie wie einen Schatz.

Musik aus dem Ghettoblaster im Seniorenheim

Als dann noch Musik aus dem Ghettoblaster dazu kam, natürlich mit Oldies but Goldies, wurde es richtig lebendig im Saal. Denn passend zur Musik spielten sich Jung und Alt die Ballons zu und es entstand ein buntes Durcheinander der Generationen und Ballons.
Am Ende zeigten sich junge wie ältere Leute gleichermaßen begeistert und eine Bewohnerin erklärte: „So einen schönen Tag hatten wir schon Jahre nicht mehr.“ Das stimmt so wohl nicht, denn das Projekt gastiert seit mindestens vier Jahren einmal pro Schuljahr in dem Stift, aber den älteren Leuten kommt es vermutlich länger vor.
Auf dem Weg zurück in ihre Wohnbereiche übernahmen die Schüler wieder die Rollstühle und Rollatoren und Mike Becker schoss von jedem Team ein Foto, das die alten Herrschaften am Ende als kleines Präsent erhalten. „Viele von ihnen bewahren das Foto wie den Luftballon als Erinnerungsstücke auf. Auch wenn aus dem Ballon schon alle Luft raus ist, so erinnert er sie an einen schönen und unterhaltsamen Tag“, schildert Mike Becker, der viele der älteren Herrschaften schon seit einigen Jahren kennt und schätzt. 
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