Theaterspielen als Türöffner in die Arbeit

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Sie lernen Deutsch beim Theaterspiel: Hacer Altay, Marina Mohammadkhabir, Ruth Kussauer, Ioannis Mytafis und Robert Fitzner (v. l. n.r.) sind fünf von 18 Teilnehmern des mund:ART-Projektes. (Foto: Gerd Kaemper)
  Gelsenkirchen: Alfred Zingler Haus | 18 langzeitarbeitslose Gelsenkirchener bekommen über das mund:ART Projekt eine neue Zukunftschance

Sie leben in Gelsenkirchen. Einige von ihnen erst seit kurzem, andere haben schon seit Jahren ihrem Geburtsland den Rücken gekehrt. Dennoch suchen sie hier noch ihren Platz . Es hapert an der Sprache und es fehlt vor allem die Arbeit. Doch jetzt sehen 18 Arbeitssuchende wieder eine Chance für die Zukunft: Sie spielen Theater bei mund:ART – Theater, das mehr ist als Spielen.

Die Tür zum Theaterraum im Alfred-Zingler-Haus im Margaretenhof öffnet sich und buntgekleidete Männer und Frauen mit weißen Tüten in der Hand spazieren selbstbewusst herein, umrunden das Ensemble aus Stühlen und einer Bank, stellen sich vor und setzen sich. Bald schon weiß der Zuschauer, dass es sich hier um eine fiktive Reisegruppe handelt, die von Deutschland nach Mombasa fliegt und auf ihrem Weg in die kenianische Hauptstadt mit allerlei Willkür zu kämpfen hat. Die Szenen sind Teil eines großen biografischen Theaterstücks, das die 18 Teilnehmer des Arbeitsmarktprojektes mund:ART erarbeiten, um es im Juli aufführen zu können.

Hoffnung auf Neueinstieg und Integration

Anfang Januar ist das Projekt in Gelsenkirchen an den Start gegangen. Für die Arbeitssuchenden zwischen 20 und 50 Jahren verbindet sich mit diesem künstlerisch fundierten Arbeitsmarktprojekt die Hoffnung auf einen Neueinstieg oder den Erst-einstieg in die Arbeitswelt. Ursprünglich kamen sie aus Indien, dem Irak, Kenia, Sri Lanka, der Türkei, Griechenland, Polen und Afghanistan in den Ruhrpott als Flüchtlinge, EU-Migranten oder weil sie hier einen deutschen Partner geheiratet haben.

Partner des Jobcenters ist beim mund:ART-Projekt die defakto GmbH, ein bundesweit agierender Bildungsträger, dessen Arbeit sich auf drei Säulen stützt: Theaterarbeit, Sprachtraining und Jobcoaching.
„Dabei wollen wir niemanden zum Schauspieler ausbilden“, erklärt Alexandros Nikolaidis von defakto. Er zeigt sich in Gelsenkirchen für das Projekt verantwortlich und hat mit TheaterpädagogenThorsten Eisentraut, Sprechtrainerin Wiebke Andres erfahrene Fachleute an der Seite. „In erster Linie geht es darum, Sprachkenntnisse zu vermitteln“, sagt Alessa Kaysers, Maßnahmekoordinator vom Integrationscenter. Das Selbstbewusstsein zu stärken und zu lernen sich zu präsentieren sind weitere Ziele. Dafür ist das Theaterspiel ein geeignetes Mittel.

Anfängliche Skepsis nicht nur bei Teilnehmern

„Es ist gut hier“, sagt Ruth aus Kenia. „Wir sprechen in der Gruppe nur deutsch.“ Zu Hause bei ihren Kindern fällt sie immer noch ins Englisch, ihre Muttersprache, zurück, aber sie weiß, dass sie damit bei der Suche nach Arbeit nicht weiterkommt.
Obwohl keiner der mund:ART Teilnehmer jemals Theater gespielt hat und manche von ihnen anfangs skeptisch waren, macht es ihnen jetzt großen Spaß, das Stück selbst zu entwickeln, die Kostüme und die Requisiten anzufertigen. „Unsere Gemeinschaft ist wie eine große Familie. Da lernt sich die Sprache leichter“, sagt Ruth und schaut ihre Mitstreiter an. Viele nicken. Gemeinschaft ist wichtig, vor allem für diejenigen, die wegen der fehlenden Integration kaum mehr aus ihrer Wohnung kommen. Ein schöner Nebeneffekt: „Wir lernen auch was über die anderen Länder“, sagt Ruth.

Die Teilnehmer haben neben ihrem Migrationshintergrund ganz unterschiedliche Bildungsniveaus, „vom Akademiker bis ohne Schulabschluss“ (Kaysers). Daher hat das Jobcoaching bei mund:ART einen genauso großen Stellenwert wie die krativen Inhalte. Ab Mai absolvieren die Teilnehmer Orientierungspraktika in verschiedenen Unternehmen. Ab August gehen sie dann in Langzeitpraktika. Einige Teilnehmer wissen schon jetzt, was sie gern arbeiten möchten: Fatma aus der Türkei würde in eine Apotheke gehen. Der Grieche Ioannis arbeitet auf eine Anstellung als Maler und Lakierer hin und der 20-jährige Ethem sieht sich zukünftig als Friseur. Da muss man auf Menschen zugehen können.

„Ich war immer sehr schüchtern“, erzählt Azime, die zwar in Deutschland geboren ist, aber türkische Wurzeln hat. „Hier bin ich sehr viel selbstbewusster geworden.“ Dass nicht nur die 18-Jährige diesen Entwicklungsprozess vollzogen hat, zeigt der Auftritt der anderen teilnehmer während der Kurzvorstellung ihres Stücks. Laut und deutlich, mit sichtlichem Stolz nennen sie ihren Namen.

Zweite Auflage

Das Projekt mund:ART ist bereits die zweite Auflage in Gelsenkirchen. „Die erste Staffel lief vom 5. Mai 2014 bis 22. Januar 2015“, sagt Alissa Kaysers. Zum Abschluss könne man eine gute Bilanz ziehen: „Ein Drittel der Teilnehmer wurde in Arbeit vermittelt, einige werden eine Ausbildung oder das Freiwillige Soziale Jahr absolvieren. Dabei sei diese Art des Coachings von Langzeitarbeitslosen auch bei ihren Kollegen nicht gleich auf Begeisterung gestoßen. Der Erfolg der ersten Staffel gibt Kaysers als Verfechterin des Projektes aber Recht. Und für die zweite Auflage ist nicht nur sie sich des Erfolgs sicher.
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