Wie man in Gelsenkirchen zum „bunten Hund“ wird

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Gemeinsam mit der Dekra konnte die Task Force in dieser Woche Flüchtlingskinder in der Gemeinschaftsunterkunft Wildenbruchhalle mit Warnwesten ausstatten. Foto: Gerd Kaemper
 
In ihrer letzten Sitzung hat sich die Task Force zum Ziel gesetzt, ein Verein zu werden, um mehr Rechte und auch Versicherungsschutz zu haben. Foto: Gerd Kaemper
 
Jürgen Hansen ist ein Gelsenkirchener, der nicht nur redet, sondern auch direkt anpackt und hilft, wo Hilfe benötigt wird. Foto: Gerd Kaemper
Gelsenkirchen: Wildenbruchhalle |

Am Anfang war einfach die Idee da, sich ein Bild davon zu machen, wie die Flüchtlinge in Gelsenkirchen untergebracht werden. Das war im Februar lange bevor die „richtige“ Flüchtlingswelle über die Stadt hereinbrach. Aus damals acht Unterkünften wurden inzwischen 33, ein Ende ist nicht abzusehen und ohne ehrenamtliches Engagement würde in Gelsenkirchen wie in vielen anderen bundesdeutschen Städten nichts mehr gehen in Sachen Flüchtlinge.

Jürgen Hansen und der Weg zur Task Force für Flüchtlinge


Und darum traf es sich gut, dass Jürgen Hansen, Stadtverordneter und alleiniger Vertreter der Piraten im Rat der Stadt, gemeinsam mit Vertretern der Gelsenkirchener Grünen drei der damals bestehenden acht Flüchtlingsunterkünfte aufsuchte. Denn inzwischen wurde aus dem „Einzelkämpfer ohne Fraktionsstatus“ im Rat der Stadt ein echter bunter Hund in der Stadt Gelsenkirchen, der von beinahe jedem Bürger erkannt wird.
Aber zurück zum Februar: Damals kamen die Flüchtlinge noch vorwiegend aus den Balkanstaaten und es waren bei weitem nicht die Zahlen, mit denen heute gearbeitet werden muss, aber es waren auch Kinder dabei.

"Lasst uns ein Fest für die Kinder machen"


„Es tat mir einfach Leid mit anzusehen, wie die Kinder mit einer Pocke Fußball spielten, die gar keine Luft mehr hatte. Darum habe ich für mich beschlossen, dass man den Kindern eine Abwechslung bieten muss in Form eines Festes“, erzählt Hansen rückblickend.
Mit seinem Freund und Mitstreiter Uwe Bestmann hatte er schnell einen Befürworter seiner Idee, einen Grillnachmittag für die rund 30 Kinder zu veranstalten, die man in den drei Flüchtlingsunterkünften angetroffen hatte. „Wir dachten an so eine Feier wie einen Kindergeburtstag mit Grillwürstchen, Limonade und ein paar Spielchen“, lacht Hansen.
Bei seinem Versuch dafür auch andere Ratsfraktionen zu begeistern, stieß er zunächst auf wenig Zustimmung. Dafür gab es den zarten Hinweis, dass doch nicht nur die Kinder aus drei Unterkünften bei so etwas berücksichtigt werden könnten. Nun stand die Zahl von 157 Kindern im Raum und Hansen und Bestmann machten sich auf die Suche nach Sponsoren und Unterstützern. Die fanden sie in der Stauder Brauerei, der Fleischerei Thelen, der Gelsenkirchener Tafel, der Metro und dank des Einsatzes des Oberbürgermeisters auch in der Bogestra, die die Kinder und ihre Mütter mit dem Bus zum Hof Holz transportierte.
Doch Jürgen Hansen wäre nicht Jürgen Hansen, wenn er nicht schon eine Idee weiter gedacht hätte: „Wenn die Schokolade aufgegessen ist, bleibt nichts außer der Erinnerung an einen schönen Tag. Da musste einfach etwas Bleibendes auf den Weg gebracht werden, dachte ich mir.“

Ein Fest ist schnell vergessen - Etwas Bleibendes sollte her


Gemeinsam mit Patrick Jedamski von den Grünen ließ er noch einmal den Besuch in den Unterkünften Revue passieren und beide erinnerten sich daran, dass es keine Kinderzimmer gab, wie man sie kennt. Also schrieb Hansen einen Bittbrief an den Vorstandsvorsitzenden des FC Schalke 04, Clemens Tönnies. Den Unternehmer kannte er zu diesem Zeitpunkt nur aus dem Fernsehen, aber es war ihm einen Versuch wert. Zu seiner eigenen Überraschung erhielt er eine prompte Zusage, dass Tönnies zehn Kinderzimmer-Einrichtungen sponsern würde. Mit diesem Schreiben machte sich Hansen auf den Weg zu Roller SB und der Möbeldiscounter ließ sich nicht lumpen und legte noch fünf Kinderzimmer drauf.

Kinderzimmer für Flüchtlingsfamilien


Zur Übergabe kam Clemens Tönnies persönlich vorbei, Bürgermeisterin Martina Rudowitz war in Vertretung des im Urlaub befindlichen Oberbürgermeisters zugegen und Sozialdezernentin Karin Welge freute sich für die Kinder.
Diese Aktion bescherte Hansen die Anerkennung vieler Menschen in der Stadt, die mit einem Mal merkten, dass da nicht einer ist, der nur erzählt, sondern der auch macht, was er sagt.

Gemeinsam sind wir stark


Als im August die Flüchtlingswelle Gelsenkirchen in vollem Umfang erreichte, waren Hansen und seine Bürgerinitiative „Help-Team“ von Anfang an im Boot und gründeten Anfang September die „Task Force für Flüchtlingshilfe“.
„Der Begriff stammt wohl aus dem Fernsehen, wo eine Task Force eine schnell eingreifende Polizeigruppe ist. Ich fand den Namen nicht so glücklich, andererseits wollten wir ja schnell und unbürokratisch helfen. Also beließen wir es dabei“, erklärt Jürgen Hansen.

Umverteilung der stetig wachsenden Aufgaben


Mit den Flüchtlingszahlen wuchsen aber auch die Aufgaben. „Ich war teilweise acht Stunden für meine eigene Firma auf Baustellen unterwegs und dann noch sechs Stunden in Sachen „Task Force“ aktiv. Inzwischen haben wir eine Regelung gefunden und ich werde von Andreas Jordan und Uwe Bestmann unterstützt, die innerhalb der „Task Force“ eigene Aufgabenfelder beackern“, erinnert sich Hansen an eine extrem stressige Zeit.
Inzwischen kümmert sich Andreas Jordan um die Homepage der „Task Force“ und betreut den Facebook-Auftritt, auf dem ständig aktualisiert wird, was und in welchen Mengen gerade benötigt und wo es gesammelt wird. Durch diese gezielten Aufrufe kann die Initiative auch einen schnellen Erfolg verzeichnen.
Uwe Bestmann, der Mitstreiter der ersten Stunde, ist der Mann für die Logistik, Umzüge und Patenschaften. Er koordiniert den Transport von Möbeln in die den Flüchtlingen, die in Gelsenkirchen bleiben, zugewiesenen Wohnungen. Natürlich mit gemieteten Anhängern, die an private Autos gehängt werden und am Wochenende gern auch dem Transporter der Firma Hansen. Wenn es eine Wohnung einzurichten gilt, weiß er, dass er sich an den Kanuclub wenden kann, der Hausstandspakete packt, in denen alles enthalten ist, was zur Erstausstattung einer Küche an Geschirr und Besteck gehört.

Deutschkurse wie "Täglich grüßt das Murmeltier"

Hansen selbst ist für Bildung zuständig, aber auch den Help-Laden in Buer und dient als Schnittstelle zum Rat der Stadt und der Verwaltung. Auch wenn er heute Deutschkurse nicht mehr in seiner eigenen Küche abhalten muss, so kann er sich über Langeweile nicht beklagen.
„Man darf nicht vergessen, dass die meisten der hier gestrandeten Flüchtlinge nicht lange in der Stadt bleiben. Da fängt man bei den niederschwelligen Deutschkursen immer wieder aufs Neue bei „A“ an, weil es ein fliegender Wechsel ist in den Erstaufnahmestellen wie der Mehringstraße oder der Emcher-Lippe-Halle“, erklärt er die Problematik, die sich den Ehrenamtlern stellt.

Hansen wird zum bunten Hund


Doch sein Engagement hat sich inzwischen in der Stadt dermaßen herumgesprochen, dass die Menschen direkt auf ihn zukommen. Nur so konnte mit Hilfe der Buerschen Kirchengemeinden an der Horster Straße der Help-Laden eingerichtet werden. Und diesem ersten werden schon bald weitere folgen.

Ein Help-Laden für die Gelsenkirchener City


In der Gelsenkirchener City hat Hansen an der Ahstraße 3 ein leerstehendes Ladenlokal angeboten bekommen mit 120 Quadratmetern Fläche, das ab dem 1. Januar für ein Jahr gesichert ist, dank einer großzügigen Spende. „Über die Jahresmiete hinaus wird es uns dadurch sogar noch möglich, einen gebrauchten Transporter anzuschaffen, um Möbel und andere Dinge transportieren zu können. Das Kommunale Integrationszentrum Gelsenkirchen hilft uns bei der Ausstattung der Räume, in denen es ein Büro, einen Schulungsraum und auch fünf Computerplätze geben soll. Diese aber nicht, um daran zu arbeiten, sondern um den Flüchtlingen die Möglichkeit zu geben mit ihren Angehörigen in der Heimat zu skypen“, erklärt der engagierte Helfer.
Spätestens zum 1. Februar soll dieser Help-Laden eröffnet werden, nachdem er von Ehrenamtlern renoviert wurde. Und schon plant Hansen weiter und ist mit der Diakonie in Gesprächen, die in Erle einen Raum bereit stellen könnte, der als Help-Laden fungieren soll.

Die Task Force soll ein Verein werden


Neben all diesen Dingen hat derzeit die Gründung eines Vereins oberste Priorität, weil das der „Task Force“ in vielerlei Hinsicht dienlich wäre. Erstens könnte sie als Verein Spenden entgegen nehmen und Zuwendungsbescheinigungen ausstellen. Dann könnte sie ein Konto bei der Sparkasse einrichten, auf dem Spenden eingehen könnten. Und die Helfer wären über einen Verein versichert, wenn ihnen bei ihrem Ehrenamt etwas passiert. „Dazu muss auch niemand Mitglied werden“, versichert Hansen, der aber auch keinen Hehl daraus macht, dass sich der Beitrag auf 2 Euro beschränken wird, weil ja alle Beteiligten ehrenamtlich aktiv sind.

Ehemalige Lehrer lassen sich zertifizieren und bieten Deutschkurse an


Unter seiner Regie haben die Task Forcler die „Voraussetzung erfüllt für die kommunalen Leitlinien zur Qualitätssicherung des Spracherwerbs für Zuwanderer“, das heißt die ehemaligen Lehrer in den Reihen der „Task Force“ dürfen Deutschkurse für Flüchtlinge anbieten und das sogar zertifiziert. Und nicht zu vergessen: Sie bieten ihre Dienste kostenlos an!

Hansen hat seine Geschichte nicht vergessen


Jürgen Hansen kam 1986 als Flüchtling aus der DDR mit zwei Koffern und zwei kleinen Kindern mit seiner Frau nach Gelsenkirchen. Er hat auch beinahe 30 Jahre später noch viele Erinnerungen an seine erste Zeit nach der Flucht und ist von Herzen froh, dass er damals der gleichen Sprache mächtig war, wie die Menschen in seiner neuen Heimat.
Heute sagt er: „Wenn ich die Menschen sehe, die heute hier bei uns ankommen, könnte ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, die Hände in den Schoß zu legen.“
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1 Kommentar
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Manuela Burbach-Lips aus Dortmund-City | 20.12.2015 | 11:38  
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