„Ich lebe meinen Wunsch“

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Die Europa-Abgeordnete Gabriele Preuß besuchte den Stadtspiegel und berichtete über ihre spannende Tätigkeit in Brüssel und Strassbourg. Foto: SiSo

Vielen Gelsenkirchenern ist Gabriele Preuß noch als erste Bürgermeisterin der Stadt wohlbekannt. Zehn Jahre vertrat sie in dieser Funktion Oberbürgermeister Frank Baranowski bei offiziellen Anlässen. Seit beinahe zwei Jahren ist die Gelsenkirchenerin nun schon Abgeordnete im Europa-Parlament und vertritt einen großen Wahlkreis, der Gelsenkirchen, Bottrop und Herne sowie die Kreise Recklinghausen, Borken, Coesfeld und Steinfurt einschließt. Um „ihre“ Region zu vertreten pendelt sie zwischen Brüssel, Straßbourg und Gelsenkirchen.

Warum einfach, wenn es auch aufregend geht?


Das Leben der Gelsenkirchenerin könnte sich einfacher gestalten, aber Gabriele Preuß sagt selbst: „Es war mein Wunsch ins EU-Parlament zu gehn und ich lebe nun meinen Wunsch. Als Bürgermeisterin war ich es gewohnt viel unterwegs zu sein und auch am Wochenende zu arbeiten. Nun habe ich eine tolle Aufgabe und kann auf die viele Erfahrungen während meiner Zeit als Kommunalpolitikerin zurückgreifen. Das kommt nun auch meiner Arbeit für die Kommune zugute.“
Im Gespräch mit der Wahl-Brüsselerin, denn dort hat sie ihren zweiten Wohnsitz, wird schnell deutlich, dass Gabriele Preuß ihre Tätigkeit schätzt und auch genießt. Und das obwohl, sie ihr einen Zehn- bis Vierzehn-Stunden-Tag abverlangt und eben die Pendelei zwischen den Sitzen des Parlaments in Brüssel und Straßbourg und den Besuchen im Wahlkreis oder besser ihrer Heimat.

Ein langer Weg zum Pendeln


„Ich fahre inzwischen mit dem Auto, weil ich mich nicht darauf verlassen möchte, dass die Bahn auch fährt. Derzeit zum Beispiel streiken die Bahnbediensteten in Belgien. Darum ist das Auto das sicherere Verkehrsmittel“, erzählt Preuß. Die dafür aber auch in Kauf nimmt erst am Freitagmorgen die 250 Kilometer nach Gelsenkirchen reisen zu können, weil sie nach der letzten Sitzung donnerstags in Brüssel in den schlimmsten Feierabendverkehr geraten würde.
Ihr Leben besteht drei Wochen im Monat aus vier arbeitsreichen Tagen in Brüssel und einer Woche mit ebenfallsvier Arbeitstagen in Straßbourg. Ihre Wohnung in Brüssel wird inzwischen mehr frequentiert als die in Gelsenkirchen, wenn sie in Straßbourg tätig ist, übernachtet sie im Hotel und zwar im deutschen Kehl, von dort geht es dann vier Tage die Woche rüber nach Straßbourg und das derzeit auch durch Grenzkontrollen.

Eine kleine Wohnung zum Abschalten


„Es gibt viele Singles, die auch in Brüssel im Hotel leben, aber das wäre keine Alternative für mich. Zum einen finde ich, dass man sich auch wohl fühlen muss, wenn man so viele Wochen im Jahr fern der Heimat verbringt und zum anderen sind die Hotelpreise horrent. Die Miete ist zwar auch nicht billig, aber so ein Hotel in Straßbourg kann schon mal 250 Euro die Nacht kosten und das Essen kommt noch dazu“, schildert die Gelsenkirchenerin. Und appropos Essen: Das gibt es quasi immer nur so zwischendurch. Mal ein Baguette hier oder ein Sandwich dort und dann kurz vor dem Zubettgehen noch etwas richtiges. „Gesund ist das nicht, aber anders geht es auch nicht“, lacht Gabriele Preuß.

Die Spannung und Abwechlung macht alles wett


Aber sie will sich nicht beklagen, dafür ist ihre Arbeit einfach zu abwechslungsreich, spannend und erfüllend. Im Ausschuss für Verkehr und Fremdenverkehr teilt sie sich die Arbeit mit einem Parteikollegen, der für die Bereiche Eisenbahn- und Straßenverkehr zuständig ist, während ihr Fokus mehr auf der Luftfahrt und Binnenschifffahrt liegt und letzteres auch aus gutem Grund.
Denn auch Gelsenkirchen verfügt über einen Binnenhafen, was vielen Bürgern gar nicht präsent ist. „Dabei haben wir dort viele Unternehmen ansässig, die auch viele Arbeitsplätze für die Stadt bedeuten. Ich war kürzlich zu einem Besuch dort und der gute Austausch hat beiden Seiten einiges gebracht“, erinnert sich Gabriele Preuß.

Wiedersehen mit einem guten alten Bekannten


Mit dem ehemaligen Gelsenkirchener Baudezernenten und heutigen Staatssekretär im NRW-Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr, Michael von der Mühlen, hat Preuß nun einen guten alten Bekannten als rechte Hand des NRW-Ministers Michael Groschek als Gesprächspartner für ihren Bereich. „Das ermöglicht uns kurze Wege und schnelle Absprachen“, freut sich die Abgeordnete.
In Sachen Flugverkehr ist Gabriele Preuß im Februar bei der Flugaufsicht-Sicherungsbehörde der EU, der Easa in Köln, vor Ort. „Die Europäische Flugsicherheit sollte mehr im Fokus stehen. Nicht zuletzt weil die Kommunikation in Sachen Flugverkehr zwischen den Staaten nicht unproblematisch ist. Hier sollte besser die Easa eine stärkere europäische Koordination übernehmen“, ist sich die Politikerin sicher.

Spannende Themen und nicht ganz einfache Aufgaben


Einen weiteren Teil ihrer Zeit widmet sie dem Petitionsausschuss und dem Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Außerdem gehört sie zur Delegation des Europäischen Parlaments mit der Türkei. Hierbei geht es natürlich auch um die Beziehungen zwischen der EU und der Türkei und dessen möglichen Beitritt in die EU. Dazu erklärt Preuß: „Die bisherigen Signale, die nach der Wahl Erdogans aus der Türkei kamen, sind nicht zufriedenstellend. Aber ich versuche trotzdem abzuwägen und nicht wie Kollegen anderer Fraktionen strikt einen EU-Beitritt der Türkei abzulehnen. Mit Blick auf die Bevölkerung hat die SPD sich immer für den Beitritt ausgesprchen, aber mit der derzeitigen politischen Bewegung geht das nicht.Insgesamt ist die Beziehung ja nicht ganz einfach. Nicht für das EU-Parlament und auch nicht für die Bundesregierung. Denn die Türkei ist Nato-Partner und nun auch Verbündeter in der Flüchtlingsproblematik, das macht die Sache nicht einfacher.“

Eine Baustelle jagt die nächste


Aber einfach kann ja jeder und so ist es nicht verwunderlich, wenn Gabriele Preuß gleich mehrere „Baustellen“ einfallen, die das EU-Parlament beschäftigen. „Cameron verlangt mehr Vergünstigungen, damit Großbritannien in der EU bleibt. Polen, Ungarn, Slowenien und andere Staaten verfolgen andere Ziele in der Flüchtlingsproblematik. Österreich nimmt nur wenige Flüchtlinge auf und ist vor allem Transitland. Die Skandinavier schotten sich nun auch zunehmend ab. Die Stimmung ist nicht gut. Und man darf nicht vergessen, dass die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge nur ein erster Schritt sind. Als nächstes steht deren Integration an und das schaffen die Kommunen nicht allein. Dazu fehlt die Mann- und Frauenpower. Wären derzeit nicht schon so viele Ehrenamtler aktiv, wären die Kommunen schon jetzt überfordert mit der Problematik. Das darf man nicht vergessen“, gibt die Politikerin zu bedenken.
Sie führt an, dass das Problem aber auch nicht neu ist, denn bereits im Wahlkampf 2014 hat der SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz gefordert, dass den Grenzstaaten zu den Flüchtlingsgebieten wie Italien oder Griechenland mehr Mittel bereit gestellt werden müssen für den Erstauffang. Denn schon damals war Lampedusa ein Gesprächsthema. „Der Etat des EU-Parlamentes müsste dazu, aber auch für andere Dinge aufgestockt werden. Aber die Zahlungsmoral der Mitgliedsstaaten ist nicht die beste“, wie Preuß anmerkt und dabei auch an Bundesfinanzminister Schäuble denkt.

Der VW-Skandal beschäftigt das EU-Parlament


Die deutsche Gruppe ist im EU-Parlament nach Italien die zweitgrößte Gruppe. Und auch bei nationalen Interessen gibt es parteiübergreifende harte Diskussionen. Als Beispiel nannte sie den VW-Skandal, der bei den anderen Mitgliedern für Oberwasser sorgte, weil Deutschland betroffen ist, aber auch unter den deutschen Fraktionen für Diskussionen sorgte. Denn derzeit wird überprüft, ob die Kommission, die auf wichtigen Positionen liberal besetzt war und ist, nicht schon lange bevor die Öffentlichkeit informiert wurde Kenntnis von der Problematik hatte. „Zum Schutz der Arbeitnehmer und Verbraucher hätte die Kommission in diesem Fall schon sehr viel früher eingreifen müssen“, erklärt Preuß dazu.
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