SPD-Bundestagsabgeordneter Joachim Poß: Politikleidenschaft hört nicht auf

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37 Jahre lang saß Joachim Poß im Bundestag, zunächst in Bonn und ab 1999 in Berlin. Foto: Archiv
 
2013 besuchte Arbeitsministerin Andrea Nahles Gelsenkirchen - und traf dort natürlich auch Joachim Poß. Foto: Gerd Kaemper
 
In Ückendorf begleitete Joachim Poß den damaligen Arbeitsminister Sigmar Gabriel. Foto: Gerd Kaemper

37 Jahre lang ist Joachim Poß für die SPD Gelsenkirchen im Bundestag, er gilt als ausgewiesener Finanzexperte und kennt sich in Steuerfragen genauso gut aus wie in den Finanzfragen der Europäischen Union. Bei der Bundestagswahl am 24. September tritt der 68-Jährige nicht mehr an. Beim Sommerinterview mit dem Stadtspiegel blickt er auf eine lange Politik-Karriere und einen kurzweiligen (Un-)Ruhestand.

1980 wurde der Bergarbeitersohn, der Ende 1948 in Westerholt das Licht der Welt erblickte und 1959 mit seinen Eltern nach Hassel zog, zum ersten Mal in den Bundestag gewählt. „Mein politisches Interesse war eigentlich schon immer da, ich habe mich bereits als Kind für Geschichte und Politik interessiert und jede Zeitung, die mir in die Hände fiel, gelesen“, erinnert sich Joachim Poß. „Als dann in den 60er Jahren die schwarzen Fahnen durch Gelsenkirchen getragen wurden und Demonstrationen für den Bergbau stattfanden, da habe ich mit meinen Ansichten durchaus den Kaplan der Gemeinde, in der ich Obermessdiener war, irritiert.“
Schon mit dem Gang zur Realschule war klar, dass er nicht in die Fußspuren des Vaters treten würde. „Wie so viele andere Väter sagte meiner: Junge, geh‘ nicht unter Tage.“ Der Weg zum Schreibtisch-Job war vorprogrammiert, der Weg in die SPD ergab sich für Poß folgerichtig. „Natürlich gingen an mir die Probleme der Region nicht vorbei, auch wenn ich in der Stadtverwaltung gelernt habe.“ Und so trat er am 1.1.1967 in die SPD ein, hatte sich zuvor schon bei den Jungsozialisten engagiert.
Von Anfang an war Joachim Poß ein streitbarer Mann, jemand, der die Gesellschaft mitgestalten, etwas verändern wollte. Und so zog er 1975 in den Rat der Stadt ein, 27-jährig, und wurde gleich Vorsitzender des neuen Stadtentwicklungsausschusses. „Dessen Gründung überfällig war“, grinst er noch heute. Damals wechselte er auch den Job, verließ die Stadtverwaltung und ging als Verwaltungsleiter zu den Falken. Schon 1972 hatte er über die Landesliste für den Bundestag kandidiert, Franz Müntefering, der einen Platz vor ihm stand, rückte in den Bundestag nach, er nicht mehr. Doch so war es keine Überraschung, dass Joachim Poß ein Bundestagsmandat anstrebt, als er 1980 nominiert und direkt in den Bundestag gewählt wurde.
Begriffe wie „Erststimmenkönig“ sind ihm eher fremd, auch wenn er zehn Mal hintereinander seinen Wahlkreis direkt geholt und dabei immer über 50 Prozent der Stimmen bekommen hat. Als er 1980 - noch in Bonn - anfing, war Helmut Schmidt Bundeskanzler, Willy Brandt Parteivorsitzender und Herbert Wehner Fraktionsvorsitzender. „Wehner hat uns Neue nach und nach alle eingeladen und dann saß ich irgendwann zusammen mit Renate Schmidt, Gerd Schröder und Peter Struck, die auch alle neu waren, bei ihm. Weil ich so aufgeregt war, hatte ich meine Pfeife zwischen den Zähnen und war sehr kurzab. Dazu hat Wehner nur geknurrt. Aber Renate Schmidt plapperte einfach drauflos, das wiederum mochte Wehner sehr“, erinnert sich der Gelsenkirchener, der kein Bueraner ist, aber in Buer wohnt.
Vier Kanzler hat er erlebt: Schmidt, Kohl, Schröder, Merkel. Auf einen Lieblingskanzler lässt er sich keinesfalls festlegen. „Die Zeit mit Schmidt war ja meine Anfangszeit und sehr kurz“, erzählt er. „Kohl hatten wir natürlich viel zu lang. Aber die Einheit und die Diskussionen in der SPD, die sich damals nicht sehr einig war, führten dann zur Verlängerung der Kohl-Zeit...“ Prägend für ihn war aber seine Begegnung und Zusammenarbeit mit Hans-Jochen Vogel. „Schmidt und Brandt wurden mit großer Andacht betrachtet, aber bei Vogel waren auch die Sekundärtugenden gefragt. Da kam man sicher fünf Minuten zu früh zum Termin“, erinnert er sich lächelnd.
Der junge Bundestagsabgeordnete Joachim Poß entschied sich früh, sich auf die Finanzpolitik zu konzentrieren. „Ich war der Auffassung, dass die Finanzierungsfrage in der Politik oft die entscheidende ist“, erklärt er die Wahl. Wie wahr. Und so erinnert er sich an die Zeit der deutschen Einheit als extrem arbeitsreiche Zeit. „Danach war es die Finanzkrise 2008, die uns sehr beschäftigt hat, gefolgt von der Euro-Krise rund um Griechenland. Und die Fragen um die Stabilisierung des Euro sind ja durchaus bis heute Aufgabe“, erzählt er.
Für Gelsenkirchen ist er besonders froh, dass die im Koalitionsvertrag 2013 festgelegten Zuwendungen für die Kommunen gelungen sind. „Oberbürgermeister Frank Baranowski wird sagen, dass die lange nicht reichen, aber diese Gelder gibt es nur, weil die SPD, und zwar ausschließlich die SPD, sie eingefordert hat. Von der CDU hatte niemand die Kommunen auch nur auf dem Zettel.“ Natürlich gibt es in 37 Jahren Amtszeit viele kleine Erfolge, die man gar nicht alle aufzählen kann. „Einmal haben wir bei einer Unternehmenssteuerreform verhindert, dass die Gewerbesteuer abgeschafft wird“, berichtet er. „Die Gewerbesteuer ist wichtig als Einnahmequelle für die Kommunen.“
Joachim Poß hat viel erlebt in seiner politischen Zeit, sah Franz-Josef Strauß sogar in Buer „der bekam damals in den 70ern eine ganze Seite Interview in der Buerschen Zeitung“ an sich vorüberziehen, war länger im Bundestag als Helmut Kohl und warf jahrelang die Stimmkarten des CDU-Kollegen Schäuble in die Wahlurne. „Diese Aufgabe habe ich mir mit Gregor Gysi geteilt“, grinst er. Jetzt droht der Ruhestand.
„Das politische Interesse hört ja nicht auf, nur weil ich nicht mehr Mitglied des Bundestags bin“, versichert er. „Ich werde mich weiterhin vor allem mit den Finanzfragen in Europa beschäftigen.“ Aber Sie sehen Ihre Frau schon häufiger als bisher? „Ja, mit Sicherheit. Und das wird ein gewisses Training erfordern, diese Herausforderung anzunehmen, das haben wir jetzt schon gemerkt“, schmunzelt er. Da er aber neben der nicht endenden Leidenschaft für Politik auch bekennende Leseratte ist - zur Zeit liest er neben politischen Werken „Der Club“ von Takis Würger und empfiehlt die Werke des Historikers Andreas Kossert über Ostpreußen - wird sicher keine Langeweile aufkommen.
Mit welchen politischen Weggefährten er noch privat Kontakt halten wird, mag er nicht absehen. „Es gibt aber zum Beispiel eine Vereinigung der ehemaligen MdBs, die viele Veranstaltungen organisiert, bei denen man Gelegenheit für ein Wiedersehen hat“, verrät er. „Nach allem, was ich jetzt weiß, werde ich mich nicht in die Schar der Lobbyisten einreihen“, verspricht er. Fürsprecher fürs Ruhrgebiet werde er aber immer bleiben. Glück auf, Joachim Poß! 
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