Was Recht ist, hängt vom System ab

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Vor einiger Zeit entdeckte ich das Gedicht „Der Gefangene“ von Erich Kurt Mühsam. Er war ein politischer Aktivist, Anarchist, Publizist und Schriftsteller und wurde 1934 vom Naziregime in Oranienburg ermordet.

Darf man die Nazizeit mit der heutigen Zeit vergleichen? Ich denke, wenn man die Menschen mit ihrem Verhalten und Obrigkeitsgehorsam analysiert, ist es wohl zwingend notwendig.

Es werden Menschen beim Jobcenter anonym angezeigt, weil der Anzeiger glaubt, der ALG-II-Empfänger hat was Unrechtes getan. In einem System der Armut werden Menschen kriminalisiert, weil sie versuchen, zurechtzukommen? Nicht nur, dass auch ich zu Unrecht angezeigt wurde, es begegneten mir (Un)Menschen, die damit prahlen, es bei anderen getan zu haben. Anzeigen, Aushorchen, damit prahlen – ein Verhalten von Menschen, die ein totalitäres System bedienen oder es zu einem machen wollen. Es sind nicht nur Politiker, welche die Umstände schaffen. Es sind wir selbst.

Was schleichend zu Recht und Ordnung wird, muss nicht unbedingt Recht sein. Ein System hat Interessen. Bei den Nazis ging es um die Vernichtung der Juden und Andersdenkenden. Und jetzt? Geht es um Flüchtlinge, Andersdenkende und ALG-II-Bezieher. Wie weit wir gehen werden, liegt an uns.

Wenn Menschen in ihrer Existenzgrundlage durch Sanktionen gemaßregelt werden, hat das Folgen. Wer hat dieses System der Maßregelung geschaffen? Wer hat ein Interesse daran, Menschen gefügig zu machen? Denn nichts Anderes ist das, was im Bereich Arbeit- Soziales und Wirtschaft passiert.

Wenn Hass gegen Fremde geschürt wird, sind es nicht die Politiker. Es sind wir selbst.

Parallel dazu werden Ängste geschürt. Ängste die gar nicht real sind. Aber diese Ängste werden genutzt, um mehr Kontrolle über die Menschen zu erlangen. Kontrolle, um sie gefügiger zu machen. Und die Gesellschaft schafft sich ihr eigenes System. Sie lässt es zu und schreit gar danach. Und jetzt kommt das Gedicht ins Spiel. Sich fügen heißt lügen!

Der Gefangene

Ich hab´mein Lebtag nicht gelernt
mich fremden Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen:
Sich fügen heißt lügen!

Ich soll? Ich muss? – Doch ich will nicht
nach jeder Herrn Vergnügen.
Ich tu nicht, was ein Fronvogt spricht.
Rebellen kennen beßre Pflicht,
als sich ins Joch zu fügen:
Sich fügen heißt lügen!

Der Staat, der mir die Freiheit nahm,
der folgt, mich zu betrügen,
mir in den Kerker ohne Scham.
Ich soll dem Paragraphenkram
mich noch in Fesseln fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Doch brich die Kette einst entzwei,
darf ich in vollen Zügen
die Sonne atmen – Tyrannei!
Dann ruf ich in das Volk: Seid frei!
Verlern es dich zu fügen!
Sich fügen heißt lügen!

August 1919
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