Sinkende Mitgliederzahlen, steigende Kosten: Probstei St. Lamberti auf dem Prüfstand

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Sehen die Pfarrei St. Lamberti vor einer großen Herausforderung: Probst André Müller (l.) und Pastoralreferent Ludger Schollas.
 
Die St.-Elisabeth-Kirche ist bereits geschlossen worden. Welche weiteren Standorte der Pfarrei St. Lamberti werden folgen? (Foto: Archiv)
Gladbeck: Stadtgebiet | „Wir müssen uns auf eine gewaltige Umwälzung einstellen“, sagt Probst André Müller. Seine Miene ist ernst. „Die Rolle der Kirche ist im Laufe der Jahre eine andere geworden, das merken wir jeden Tag.“

Für die katholische Kirche in Gladbeck wird sich in den kommenden Jahren vieles ändern. Pastoralreferent Ludger Schollas meldet, dass aufgrund sinkender Mitgliederzahlen, des demographischen Wandels, verminderter Zuwendungen aus dem Bistum Essen sowie harter Sparauflagen unsicher ist, welche Kirchenstandorte in Gladbeck langfristig bestehen können. Es wird Schließungen geben. Die Zahlen sprechen hier eine eindeutige Sprache: Waren im Jahr 1995 noch gut 36.000 Gladbecker katholisch, sind es heute noch etwa 28.000. Bis 2030 werden es, glaubt man den internen Prognosen, weniger als 25.000 sein. Auch die Besucherzahlen bei Gottesdiensten sind seit Jahren rückläufig: Im Vergleich zu 1995 gehen 40 Prozent weniger Menschen in die Messen, Taufen gingen in gleichem Maße zurück, bei Trauungen ist sogar ein Einbruch von 50 Prozent zu verzeichnen.

Weitreichende Folgen


Das Bistum Essen verfügte deshalb, dass von den derzeit sechs aktiven Priestern Gladbecks bis 2030 noch zwei hauptamtlich tätig sein werden. „Ich verstehe den Priestermangel als Ausdruck des Gemeindemangels“, sagt Ludger Schollas. Die Folgen sind weitreichend: Die Pfarrei St. Lamberti ist verpflichtet, ihre Ausgaben bis 2030 zu halbieren. In Anbetracht dieser Herausforderung sei es für André Müller „selbstverständlich, dass Gläubige und ihre Vertreter umfassend informiert und beratend einbezogen werden“. Der Pastoralplan aus dem Jahr 2013, an dem in Hinblick auf aktuelle Probleme mehr als 1.000 Menschen gearbeitet haben, sieht vor allem eines vor: „Die Kirche der Zukunft soll in Gladbeck eine Kirche in allen Stadtteilen sein und bleiben. Es soll eine Kirche aus lebenden Steinen bleiben.“

Neue Wege finden


Dass dafür der Bestand an unbelebten Steinen zurückgehen wird, ist beschlossene Sache. Das bedeute aber keineswegs, dass einzelne Gemeinden auf der Strecke bleiben werden. „Wir müssen nach Wegen suchen, wie wir die kirchliche Gemeinschaft vor Ort erhalten können“, meint Probst André Müller. „Der Anzug ist uns im Laufe der Zeit nicht nur eine Nummer zu groß geworden.“
In Zahlen bedeutet das: Allein 51.000 Euro kostet die Instandhaltung einer großen historischen Kirche jährlich, bei kleineren historischen Kirchen sind es je 31.000 Euro, Nachkriegskirchen erfordern immer noch je 21.000 Euro Aufwand pro Jahr. Hinzu kommt neben steigenden Personal- und Energiekosten ein erheblicher Investitionsstau aus Kirchensanierungen.

Dabei ist die Pfarrei im Vergleich zu anderen aus dem Bistum Essen verhältnismäßig gut aufgestellt, bezieht sie doch derzeit jährlich etwa 439.000 Euro aus Erbbaurechten, die sich im Jahr 2015 zusammen mit Gewinnen aus Vermietung und Fonds zu einer Summe von rund 540.000 Euro addieren werden. Dem gegenüber steht ein Aufwand von etwa 1.185.000 Euro für pastorale Handlungsfelder wie unter anderem Gottesdienst, Seelsorge, Verwaltung oder Gemeindeleben. Zuwendungen seitens des Bistums und eigene Gewinne mit den Ausgaben verrechnet ergeben ein Defizit von voraussichtlich 207.000 Euro im Jahr 2015, Tendenz steigend.

"Tropfen auf heißen Stein"


Auch der Verkauf von Kircheneigentum wäre für Ludger Schollas nur ein Tropfen auf dem heißen Stein: „Nach den derzeitigen Entwicklungen reichen unsere Rücklagen bis 2020. Bis dahin werden wir unser Defizit ausgleichen können. Wenn wir sprichwörtlich das Tafelsilber verkaufen würden, brächte uns das vier, fünf Jahre Aufschub. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist das mehr als unvernünftig.“

Eine Arbeitsgruppe aus administrativen Kreisen der Pfarrei soll daher bis zum Sommer 2015 in enger Zusammenarbeit mit Gemeindemitgliedern erwägen, welche Kirchen unentbehrlich und welche verzichtbar sind. Auch Gespräche mit potentiellen Investoren aus der Wirtschaft sind demnach nicht ausgeschlossen.
„Es gibt in dieser Hinsicht keine Tabus, auch denkmalgeschützte Gebäude genießen da keine Immunität“, erläutert Probst Müller. „Höchste Priorität hat die pastorale Wirksamkeit eines Standortes, aber schließlich müssen auch wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt werden.“

Entscheidung liegt beim Bischof


Zur Mitberatung des Votums für den Bischof sollen die Gemeinderäte in den nächsten Wochen für die jeweiligen Stadtteile prüfen, welche Aufgaben die katholische Kirche vor Ort übernehmen kann und auf welche Weise qualitativ hochwertige Gottesdienste vor Ort möglich gemacht werden können. Nachdem diese Perspektiven im ersten Quartal 2015 eingeholt sein werden, sollen in Arbeitsgruppen verschiedene Szenarien erarbeitet und schließlich eine Position gefunden werden, die Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck nach den Sommerferien vorgelegt werden kann. Sicher ist bis dahin nichts, und auch dann gilt für jeden Dialog und alle sorgfältigen Erwägungen: Der Bischof entscheidet.
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