Der Marsch für ADALET (Gerechtigkeit) und Hungerstreik der Akademiker in der Türkei

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    Mit der Inhaftierung des Abgeordneten der sozialdemokratischen CHP, Enis Berberoğlu, hat der Vorsitzende der CHP Kemal Kılıçdaroğlu vor 18 Tagen in der Türkei einen Marsch für ADALET = Gerechtigkeit von Ankara bis Istanbul vor das Gefängnis begonnen, wo der Abgeordnete sitzt. Eine Strecke von etwa 490 km soll zurückgelegt werden. Die Marschierer haben inzwischen fast 300 km hinter sich. Leider hat die CHP zu spät gemerkt, wohin das Regime von Erdoğan das Land führt, denn sie hat selbst im Mai 2016 bei "Terrorverdacht" für die Aufhebung der Immunität von Abgeordneten gestimmt. Nach dem Putschversuch waren die führenden Köpfe der kurdischen Partei HDP die ersten, die dann wegen angeblicher Unterstützung des Terrorismus inhaftiert wurden. Aber als nun der eigene Abgeordnete und ehemalige Journalist Berberoglu auch wegen Unterstützung des Terrorismus abgeholt wurde, erinnerte sich die CHP Führung an die Worte des evangelischen Theologen Martin Niemöller:

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Aber, besser spät als gar nicht!

Regierungsmitglieder versuchen den Marsch abzuqualifizieren

Regierungsmitglieder und Erdoğan selbst versuchen nun mit Äußerungen den Marsch und ihre Initiatoren zur Zielscheibe zu machen und diesen als uneffektiv, staatsfeindlich und Terror unterstützend zu verunglimpfen und abzuqualifizieren. Aber eigentlich haben sie Angst, dass die Massen ihrem Thron gefährlich werden könnten.

Während die regierungsnahe Presse diesen Marsch für Gerechtigkeit in ihren Schlagzeilen und Berichten verteufelt, berichtet die regierungskritische Presse wie die Zeitung Cumhuriyet oder SÖZCÜ, deren Pressevertreter z. T. auch verhaftet sind, ausführlich, sachlich und objektiv über ihn. Viele Menschen, die daran teilnehmen, berichten von befreienden Gefühlen und Solidarität.

Bilder aus der Fotogalerie der Cumhuriyet: http://www.cumhuriyet.com.tr/foto/foto_galeri/7715...

Die erste Reaktion der Regierung kam vom Justizminister Bekir Bozdağ. Er sagte unter anderem: „Die türkische Justiz ist unabhängig. Gerechtigkeit sucht man nicht auf der Straße. Kılıçdaroğlu bringt die Gesellschaft gegen die Justiz auf.“

Erdoğans Äußerungen sind z. T. folgende:

„Ihr könnt nicht Glauben machen, dass Euer Ziel die Gerechtigkeit ist.“
„Wundert euch nicht, wenn die Justiz euch auch einlädt.“
„Der Weg, den ihr geht, ist der Weg nach Kandil und Pennsylvania“ (Gemeint sind die Kandil-Berge im Irak, wo die Terrororganisation PKK sitzt und Fethullah Gülen, der in Pennsylvania lebt, dessen Bewegung auch zur Terrororganisation erklärt wurde)
Der Minister für Zollangelegenheiten, Bülent Tüfekçi, erklärte aktuell:
“Wir haben diese Straßen nicht gebaut, damit Terroristen darauf laufen.”

Regierungskritiker aus allen gesellschaftlichen Schichten können insbesondere seit dem Putschversuch mit diesen in Verbindung gebracht und entlassen oder verhaftet werden.

Die Teilnahme nimmt zu

Aber der CHP Vorsitzende ruft die Teilnehmenden immer wieder dazu auf, sich nicht provozieren zu lassen. Der Marsch sei kein Marsch einer Partei, sondern eine Partei und gesellschaftlich übergreifender Marsch für Gerechtigkeit. Und tatsächlich, die Teilnahme am Marsch wird von Tag zu Tag, je mehr man sich der Metropole Istanbul nähert, mehr. Zuletzt wurden 16 tausend gezählt. Zum Teil unterstützen die Menschen oder verschiedene Berufsgruppen diesen auch in Teilstücken. Die unter Auflagen aus der Haft entlassene bekannte Schriftstellerin und Fürsprecherin der kurdischen Minderheit Aslı Erdoğan gehört ebenso dazu wie ehemalige AKP Leute, Ärztekammern, Anwaltskammern, Vertreter der kurdischen Partei HDP oder Frauenorganisationen. 15 – 20 km sind bei der Hitze (ca. 45 °C), die zurzeit in der Türkei herrscht, das Tagespensum, wo dann eine Pause eingelegt und übernachtet wird. Auf der Strecke übernehmen die Kommunen uner CHP Führung die Verpflegung der Menschen.

Hungerstreik der Akademiker

Gleichzeitig bewegt das Schicksal von zwei Akademikern, die sich seit 116 Tagen im Hungerstreik befinden, viele Menschen in der Türkei.
Nuriye Gülmen und ihr Kollege Semih Özakça wurden wie etwa 150.000 weitere Staatsbedienstete an den Unis, im Sicherheits-, Verwaltungs- und Justizapparat seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 per Dekret entlassen. Gülmen war Literaturdozentin an einer Uni in Konya in Mittelanatolien, Özakça war Lehrer an einer Grundschule in Mardin, im Südosten der Türkei. Diesen Entlassenen wird allgemein unterstellt, Verbindungen zu den mutmaßlichen Putschisten zu haben.

Wenige Tage nach ihrer Entlassung setzte sich Nuriye Gülmen mit einigen Kollegen vor das Menschenrechtsdenkmal im Herzen von Ankara (es zeigt eine Frau, die die universelle Erklärung der Menschenrechte liest; hier finden häufig regierungskritische Kundgebungen statt). Sie hängte Plakate auf, auf denen stand: "Ich wurde entlassen. Ich will meine Arbeit zurück." Seitdem stand und saß sie dort jeden Tag. Aber ihre Arbeit bekam die 35-Jährige nicht zurück.
Seit dem 11. März 2017 befinden sich Gülmen und Özakça im Hungerstreik. Zunächst öffentlich, jeden Tag vor dem Menschenrechtsdenkmal. Später wurden sie verhaftet und setzen ihren Hungerstreik inzwischen den 116 Tag weiter und sind völlig geschwächt. Appelle an die Regierung bleiben unerhört.

Auftritt Erdoğan in Deutschland

Gut, dass die Meinung über einen Auftritt von Erdoğan vor seinen Anhängern in Deutschland im Rahmen des G20 Gipfels parteiübergreifend einhellig ist. Einhelligkeit muss in Zukunft auch darüber herrschen, wen wir hier unterstützen und wen nicht; wem wir eine Plattform der Darstellung bieten und wem nicht. Nach Außen von Demokratie und Zusammenleben hier reden, aber intern ein Unrechtsregime unterstützen spaltet auch das Miteinander unter uns. In diesem Fall kann man nicht das Verbindende suchen und das trennende untern Teppich kehren. Damit tun wir all den Menschen in der Türkei Unrecht, die ihr Leben für die Demokratie einsetzen. Wie der neue Ministerpräsident von NRW, Armin Laschet, sagte, können bestimmte Dachverbände kein Partner sein, wenn sie nicht unabhängig vom Herkunftsland und ihrem politischen Einfluss werden.
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5 Kommentare
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Wolfgang Kill aus Gladbeck | 02.07.2017 | 16:31  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 02.07.2017 | 17:51  
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Müzeyyen Dreessen aus Gladbeck | 03.07.2017 | 21:51  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 04.07.2017 | 22:20  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 07.07.2017 | 22:36  
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