Mehr Wohnungen für den Kreis: Experten warnen vor Engpass

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Der Schlüssel zum Erfolg: Wohnungen neu bauen. Und leerstehende Wohnungen sanieren. Andernfalls drohe im Kreis Recklinghausen eine Wohnungskrise, warnt das Pestel-Institut. (Foto: Archiv)
 
Wohncontainer stellen bestenfalls eine mittelfristige Lösung dar. In Folge des großen Zustroms an Menschen in den Kreis Recklinghausen appellieren Mieterbund und das Pestel-Institut zum Wohnungsbau. (Foto: Robenek)
Gladbeck: Stadtgebiet | Der Kreis Recklinghausen auf dem „Wohn-Prüfstand“: Im Kreis Recklinghausen werden rund 2.950 Wohnungen für die Flüchtlinge, die in diesem Jahr kommen, zusätzlich gebraucht. Das geht aus einer aktuellen Wohnungsmarkt-Analyse des Pestel-Instituts hervor. Nach Berechnungen der Wissenschaftler steigt der Gesamt-Wohnungsbedarf für den Kreis Recklinghausen in 2015 damit auf rund 3.160 Wohnungen.

Um diesen zu erreichen, sei es in erster Linie notwendig, das Sanieren von leerstehenden Wohnungen enorm zu forcieren. Aber auch beim Neubau von Wohnungen müsse mehr getan werden. Im Schnitt wurden in den vergangenen Jahren im Kreis Recklinghausen lediglich rund 1.050 Wohnungen pro Jahr fertig gestellt. Deshalb warnt das Pestel-Institut jetzt vor einem „Weiter so“: „Wenn es bei einem starken Flüchtlingszuzug bleibt, muss sich der Kreis Recklinghausen auch in den kommenden Jahren darauf einstellen, dass noch mehr Wohnungen gebraucht werden“, sagt Pestel-Institutsleiter Matthias Günther.

Zwei „Mangelerscheinungen“ diagnostizieren die Wissenschaftler bei der Wohnungsmarkt-Analyse für den Kreis Recklinghausen: „Es fehlen bezahlbare Wohnungen. Vor allem aber Sozialwohnungen. Also vier Wände für die Menschen, die sich teure Wohnungen in der Regel nicht leisten können: Rentner, Alleinerziehende, junge Menschen in der Ausbildung, einkommensschwache Haushalte und eben auch Flüchtlinge“, macht Matthias Günther deutlich.

Wohnungsbau ankurbeln


Hinter der Untersuchung steht die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt. Die IG BAU hat gemeinsam mit dem Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB), der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau (DGfM) und dem Bund Deutscher Baumeister, Architekten und Ingenieure (BDB) die Wohnungsmarkt-Analyse in Auftrag gegeben. Gemeinsam sprechen sich die Vertreter der Baubranche für eine Offensive bei der Sanierung leerstehender Wohnungen und für eine Ankurbelung vom Wohnungsneubau aus. Ebenso für einen Neustart des sozialen Wohnungsbaus. Erreicht werden könne dies, so das Pestel-Institut, durch zinslose Darlehen und Investitionszulagen für genossenschaftliche und kommunale Wohnungsunternehmen.

"Geld wird nicht reichen"


Die vom Bund jetzt bereitgestellten 500 Millionen Euro, die die Länder bis 2020 jährlich für den sozialen Wohnungsbau bekommen sollen, sieht das Pestel-Institut kritisch. „Das wird hinten und vorne nicht reichen. Bundesweit werden dadurch bestenfalls zwischen 10.000 und 12.000 Wohnungen neu entstehen. Das ist eine Kapazität, die eine Großstadt nur so wegschluckt. Der Kreis Recklinghausen wird davon nicht wirklich spürbar profitieren“, sagt Matthias Günther. An die Adresse der heimischen Bundestagsabgeordneten gerichtet, fügt der Wissenschaftler hinzu: „Es muss dringend etwas passieren. Andernfalls droht eine Wohnungskrise, die das Potenzial hat, an vielen Orten zu erheblichen sozialen Spannungen zu führen.“

Politisch müsse der Neubau und das Sanieren von Wohnungen als Konjunkturmotor neu entdeckt werden. „Denn, was als Anreiz vom Staat investiert wird, fließt beim Wohnungsbau zu einem Großteil über Steuereinnahmen und Sozialabgaben in öffentliche Kassen zurück“, macht Institutschef Günther klar. Das Pestel-Institut in Hannover geht bei seiner Wohn-Prognose von rund 7.380 Flüchtlingen aus, die im Laufe dieses Jahres in den Kreis Recklinghausen kommen werden.

Mieterbund sieht Daueraufgabe


Auch der Deutsche Mieterbund schließt sich den Bedenkenträgern an: „Es ist damit zu rechnen, dass die Unterbringung, Wohnraumversorgung und Integration einer hohen Anzahl von Flüchtlingen und Migranten und Migrantinnen zu einer Daueraufgabe wird.“ So beginnt eine Pressemitteilung des Deutschen Mieterbundes Nordrhein-Westfalen, der weiterhin angibt, seinen Beitrag leisten zu wollen, um diese Herausforderung zu meistern. Auf seiner letzten Delegiertenversammlung sei daher die Einrichtung einer Kommission für Wohnraumversorgung und Migration beschlossen worden. Ihre Aufgabe sei es, die wohnungspolitischen Positionen des Verbandes in Bezug auf Flucht und Migration weiterzuentwickeln, die Unterbringungspolitik in den Kommunen und auf Landesebene zu begleiten und zu hinterfragen und praktische Handlungsmöglichkeiten der Mietervereine vor Ort zu erstellen. In einer Entschließung bekennt sich der Deutsche Mieterbund NRW zu der Verpflichtung Deutschlands und der Europäischen Union, Kriegsflüchtlingen und Verfolgten Zuflucht und Asyl zu gewähren.

Erhöhte Nachfrage


Er bekennt sich weiterhin zu der Aufgabe, „NRW als ein soziales Einwanderungsland zu gestalten, in dem alle Menschen das gleiche Recht auf eine angemessene Wohnung zu bezahlbaren Mieten haben.“ Er lehne rechtliche Verschärfungen, die zu Obdachlosigkeit von Asylbewerbern führen, ab. Damit es nicht dauerhaft zu menschenunwürdigen Lagerunterbringungen kommt, fordert der Mieterbund, dass diese Menschen schnell eine normale Wohnung bekommen. Dies führe zu erhöhtem Nachfragedruck auch auf Wohnungsmärkten, die bisher als entspannt galten, und verschärfe die Lage in Regionen, in denen es bereits heute erhebliche Engpässe gibt.

Reserven mobilisieren, neue Wohnungen bauen


Damit sich daraus keine allgemeine Wohnungsnot entwickelt, fordert der Mieterbund ein wohnungspolitisches Programm zur Mobilisierung der Versorgungsreserven im Wohnungsbestand und zum Bau von genügend sozialen Mietwohnungen. Ansätze der Landesregierung, die soziale Wohnraumförderung mit der Schaffung vorübergehender Flüchtlingswohnungen zu kombinieren und so zu einem sozialen Wohnungsneubau zu kommen, begrüßte die Kommission des Mieterbundes. Zugleich müssen geeignete Maßnahmen ergriffen werden, um dem Missbrauch von zu erwartenden Wohnraummangelsituationen entgegenzuwirken, heißt es abschließend.
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