Türkisch-Deutsche Beziehungen - Es macht sprachlos

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Geboren und bis zur zweiten Klasse aufgewachsen in einem Dorf in den Bergen der türkischen Schwarzmeerküste holte uns unser Vater 1969 nach Duisburg. Trotz seiner Arbeit in der Stadt als Bäckergeselle ließ er sich 1967 als Gastarbeiter nach Deutschland anwerben und hatte meiner Mutter versprochen, nach sechs Monaten genug Geld zu verdienen und wieder zurück zu kommen. Aber das Geld lag auch in Deutschland nicht auf der Straße und das Alleinsein ohne Familie war nicht auszuhalten. Als wir drei Kinder und unsere Mutter mit meinem Vater das Dorf verließen, mussten drei Männer meine Großmutter festhalten, so groß waren ihr Schmerz und ihre Tränen, die ich beim Wegfahren vom hinteren Autositz noch erkennen konnte. Danach habe ich sie nicht wieder gesehen. Sie kam später bei einem Busunfall ums Leben. Wir konnten aus Deutschland nicht einmal zu ihrer Beerdigung fliegen, weil im Islam sehr schnell beerdigt wird. So haben wir in drei tausend Kilometer Entfernung viele Trauer- und Freudenzeiten unserer Familienangehörigen nicht miterleben können.
Meine Berge; die Großfamilie mit Onkel, Tante, Cousins und Cousinen, Großmutter; die Dorfgemeinschaft sind als Erinnerungen an eine schöne Kindheit geblieben. Die späteren Fahrten mit der Familie in die Türkei, die Gemeinschaft mit den Angehörigen, die Ferien am Schwarzen Meer, die eigenen Reisen durch das gesamte Land, die entstandenen Freundschaften und das Wahrnehmen einer vielfältigen und jahrtausendealten Geschichte haben mich mit ihr verbunden und gehören zu mir wie mein zu Hause Gladbeck, wie Deutschland. Ja, es ist auch die Türkei, wo mein Herz spricht. Und zwar nicht in irgendeiner Sprache, sondern in der meiner Mutter, die auch nicht mehr lebt und in den Bergen der Schwarzmeerküste begraben ist.

Hier in Deutschland bin ich zur Schule gegangen; hier habe ich Lehrerinnen und Nachbarn, deutsche „Omas und Opas“ gehabt, die mich unterstützt haben; hier war „Heidi“ als Kind meine Lieblingsserie, weil sie mich an meine Berge erinnerte; hier habe ich eine Ausbildung abgeschlossen, ein Studium absolviert, einen deutschen Mann geheiratet. Hier habe ich auch meine Familie und Freunde. Hier bin ich zu Hause. Ich kann mit zwei Kulturen, zwei Sprachen, mit unterschiedlich angeschlagenen Saiten meines Innern mich nicht nur mit einem, sondern mit zwei Ländern verbunden fühlen und einen immensen Reichtum mein Eigen nennen. Unzählige Erinnerungen, das Sich-zu-Hause-Fühlen in zwei Sprachen, in zwei Landschaften, manchmal sehr ähnlich, dann wieder sehr verschieden, ist ein großer Schatz für viele von uns Zuwanderern.

Unverständlich all die Diener nur eines Herrn, all die leichtfertigen Fahnenschwenker im Poltern und Pöbeln versunken, das Religiöse mit dem Nationalismus verschmolzen. Es gibt nur Schwarz und Weiß. Jedes Zögern, jede Skepsis, jede Kritik zu der eingeforderten uneingeschränkten Loyalität wird als Vaterlandsverrat verortet.

Nazivergleiche machen die Unwissenheit über Lebensumstände in Deutschland deutlich

Bei aller Kritik an struktureller Benachteiligung von Muslimen oder türkeistämmigen Menschen in Deutschland: Nazivergleiche machen doch lediglich deutlich, wie wenig Wissen zu historischen Zusammenhängen, zu den Lebensumständen in Deutschland und zu dem Phänomen der Holocaust-Relativierung bei manchen Verantwortlichen in der Türkei präsent ist.
Auch wir Kritiker haben eine emotionale Bindung zu unserem Herkunftsland; auch wir Kritiker haben Ausgrenzung- und Diskriminierungserfahrungen in diesem Deutschland gemacht; auch wir sind auf die Hauptschule geschickt worden; auch wir mussten uns gegen Widerstände durchsetzen; auch wir sind als Ausländer beschimpft worden; mein deutscher Mann neben mir sogar als Rassenschänder. Diese können aber nicht als Begründung für die unhinterfragte Begeisterung für den „Reis“, den Führer, dienen. Ich bezweifele diesen Kausalzusammenhang, wenn gleichzeitig bei vielen von uns trotz dieser Erfahrungen das Rechtsempfinden so gut ausgeprägt ist, dass wir Despotie von Demokratie unterscheiden können. Wir kritisieren nicht das Land und ihre Menschen, sondern die Politik. Mehrheiten führen leider nicht immer zu einer Demokratie. Gerade Politiker, die populistisch die Massen begeistern, sind mit Vorsicht zu genießen, lehrt uns die Vergangenheit.

Minderwertigkeiskomplex wird durch Allmachtsfantasien kompensiert

Neben dem, dass wir in Deutschland die Chancengleichheit verbessern müssen, müssen wir uns fragen, wie geht die offizielle Türkei mit ihrem historischen Erbe sowie historischer Schuld um, wie mit dem Völkermord an den Armeniern? Hat sie sich, einst aus den Trümmern des großen Osmanischen Reiches entstanden, mit dem Bedeutungs- und Machtverlust abfinden können oder leidet sie immer noch an einem Minderwertigkeitskomplex. Denn genau dieser Minderwertigkeitskomplex wird durch Allmachtfantasien kompensiert, die Erdoğan für seine Anhänger hierzulande und in der Türkei erfüllt. Man besinnt sich wieder stark der Osmanischen Traditionen, der Sprache, der Größe. Selbstkritik wird mit Schwäche und Schuldeingeständnis gleichgesetzt.

Ob beim Referendum ein Ja oder Nein herauskommt ist irrelevant

Trotz vergangener Militärputsche und schwieriger Regierungen war die Situation weder im Land so gefährlich gespalten und explosiv wie heute, noch das Image der Türkei so schlecht wie heute. Ob beim Referendum ein „Ja“ oder „Nein“ herauskommt, ist inzwischen eigentlich irrelevant. Eine Reparatur dieser Spaltung wird es mit Erdoğan nach all der Polarisierung und Hetze nicht geben. Die Vehemenz, mit der er für ein „Ja“ Wahlkampf gemacht hat, wird ein „Nein“ nicht akzeptieren. Hunderttausende sind kriminalisiert, zu Terroristen erklärt oder gedemütigt worden. Akademiker, Juristen und Journalisten sitzen im Gefängnis oder sind ins Ausland geflüchtet. Die Verhaftungen gehen täglich weiter. Das Erstarken von Nationalismus gepaart mit Islamismus nimmt Minderheiten die Luft zum Atmen. Bei einem „Nein“ wird er noch mehr Kritiker in Gesellschaft und Politik ausschalten und durch Neuwahlen versuchen, die Zweidrittelmehrheit für eine Verfassungsänderung im Parlament zu erreichen. Bei einem "Ja" hätte er sein Ziel erreicht, aber das Land geht verloren in eine Diktatur. Das Land geht so oder so keinen friedlichen Zeiten entgegen und die türkisch-deutschen Beziehungen auch nicht. Zumindest sind sie einer großen Belastungsprobe ausgesetzt. Otto von Bismarck soll gesagt haben: „Die Liebe der Türken und der Deutschen zueinander ist so alt, dass sie niemals zerbrechen wird.“ Ich hoffe, er behält Recht. Es würde mich wirklich freuen, wenn ich mich irren sollte.
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Wolfgang Kill aus Gladbeck | 15.04.2017 | 09:57  
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