Appell von 20 europäischen Rotkreuz-Gesellschaften zur Flüchtlingspolitik

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Appell von 20 europäischen Rotkreuz-Gesellschaften zur Flüchtlingspolitik(13. Mai 2015):

„Menschen werden weiterhin vor hoffnungslosen Situationen fliehen“

Es ist richtig, dass die Opfer des Erdbebens in Nepal so viel der weltweiten Aufmerksamkeit undSympathie erhalten. Es ist aber auch wichtig, dass
wir nicht die humanitäre Krise aus den Augen verlieren, die unsere Aufmerksamkeit in den Tagen vor dem Erdbeben auf sich gezogen hat:
Die der ertrunkenen Migrantinnen und Migranten im Mittelmeer.
Beide Krisen sind tragisch und haben Tausende von Leben gekostet. Dessen ungeachtet macht der plötzliche Ausbruch einer Naturkatastrophe einen großen Unterschied bei der Art und Weise, wie wir als Beobachter und Beobachterinnen reagieren. Anhaltende und komplexe Krisen, die über
einen langen Zeitraum hinweg Opfer fordern, rufen nicht in der gleichen Art und Weise Unterstützung hervor, wie dies Erdbeben oder ein Taifun tun.
Wir müssen diese Reaktion in Frage stellen und anerkennen, dass die Not der Migrantinnen und Migranten eine humanitäre Katastrophe darstellt.
Es ist davon auszugehen, dass mehr als 5.000 Menschen in den letzten 18 Monaten gestorben sind bei dem Versuch, Europa über das Mittelmeer zu erreichen. Das macht diese Gewässer zu den gefährlichsten Grenzen weltweit. Dies sollte Taten, Selbstverpflichtung und Unterstützung auslösen.
Wir, die Europäischen Rotkreuz-Gesellschaften, wissen, dass sich größte Bemühungen auf die Entstehungsorte dieser humanitären Katastrophe fokussieren sollten – auf die Leistung humanitärer Hilfe und auf diplomatische Bemühungen, um die Bedingungen in Konfliktgebieten, Flüchtlingslagern und verarmten Ländern, aus denen die Menschen fliehen, zu verbessern. Dies
sollte im Zentrum einer jeden Strategie stehen. Gleichzeitig dürfen wir uns aber keinen falschen Vorstellungen hingeben über die Fähigkeit, unmittelbare Erfolge herbeizuführen. Viele der weltweit gewaltsamsten Konflikte, wie etwa der in Syrien, im Irak oder im Süd-Sudan, sind weit von einer Lösung entfernt. Etliche der weltweit schwierigsten politischen Kontexte, wie in Ostafrika, werden
sich nicht durch humanitäre Hilfe ändern lassen. Wir wissen, dass auch dort, wo die Grundversorgung gewährleistet ist, wie etwa in Flüchtlingscamps, Zelte, Decken und Nahrungsmitteldas Leben zwar etwas erträglicher machen, aber Entbehrung, Demütigung und Frustration eines Lebens im Flüchtlingslager nicht verringern. Es ist nur natürlich, dass Menschen mehr wollen und brauchen, als durch Hilfe „am Leben erhalten“ zu werden.
Die Verzweifeltsten und Entschlossensten werden daher weiterhin alles riskieren für die Chance auf eine bessere Zukunft.
Jeder Versuch, dieses Ziel zu unterdrücken, wird fehlschlagen.
Eingedenk des Terrors und der extremen Armut, vor denen Menschen fliehen, und der Anzahl der Menschen auf der Flucht wäre in solcher Versuch in vielen Fällen moralisch auch nicht zu rechtfertigen.
Im Jahr 2014 stieg die Zahl der weltweiten Flüchtlinge zum ersten Mal seit
Ende des Zweiten Weltkriegs auf über 50 Millionen. Menschen werden weiterhin vor hoffnungslosen Situationen fliehen, und eine Tatenlosigkeit der EU und ihrer Mitgliedstaaten wird nur zu noch mehr Leid führen. Sie wird noch mehr erschütternde Berichte über Ausbeutung und Missbrauch bedeuten, die in schreckenerregenden und tödlichen Reisen wie über das Mittelmeer gipfeln.
Viele haben vor dem Hintergrund auf Untätigkeit gedrängt, dass alle Möglichkeiten zur Erleichterung der Überfahrt als Fluchtanreize angesehen werden könnten.
Wir im Roten Kreuz mahnen unsere Regierungen, diesen Impuls zu überwinden, anzuerkennen, dass Migration eine unabänderliche Tatsache ist, und ihren Verpflichtungen nach internationalem Recht nachzukommen. Wir müssen humane und effektive Wege finden, um diese als internationale Gemeinschaft zu regeln. Am 23. April trafen sich die europäischen Staats- und Regierungschef zu einem EU-Sondergipfel in Brüssel und verpflichteten sich, die Such- und Seenotrettungskapazitäten im Mittelmeer auszubauen.
Eine Verbesserung von Such- und Seenotrettungskapazitäten ist wesentlich, sollte aber nur ein Baustein einer breiter angelegten Strategie sein.
Der Sondergipfel war erst ein Anfang. Wir müssen darauf aufbauen, um eine vorausschauende Migrations- und Asylpolitik zu entwickeln, die auf den Grundsätzen der Humanität, Solidarität und auf der Achtung der Menschenrechte basiert. Diese Politik muss sowohl an den zugrundliegenden
Problematiken ansetzen als auch rechtlichen Schutz und essentielle humanitäre Hilfe entlang der bekannten Migrationsrouten sicherstellen.
Obwohl kontrovers debattiert wird es entscheidend sein, sowohl die Anstrengungen zur Schaffung sicherer und rechtmäßiger Wege bei der Asylbeantragung in Europa zu erhöhen als auch gleichzeitig diese Verantwortung im Verhältnis und fair zu verteilen.
Wir sollten dies beachten, bevor wir Verantwortlichkeiten in dieser Krise negieren. Migration und Asylantragsverfahren sind Bestandteil unserer modernen Welt und wir müssen, in der internationalen Zusammenarbeit zwischen Herkunfts-, Transit und Zielländern proaktiv sein, um das Recht zur Inanspruchnahme internationalen Schutzes zu gewährleisten.

Dies wird nicht überall populär sein, aber es wird das Richtige sein.

Werner Kerschbaum – Secretary General, Austrian RedCross
Philippe Vandekerckhove - CEO, Belgian Red Cross-FL
Prof. Danièle Sondag-Thull – CEO, Belgian Red Cross- FR
Michael Adamson – CEO, British Red Cross
Mag. Pharm. Hristo Grigorov Dr. H.C. – President, Bulgarian Red Cross
Robert Markt – Executive President, Croatian Red Cross
Takis Neophytou - Director General, Cyprus Red Cross Society
Anders Laderkarl – Secretary General, Danish Red Cross
Kristiina Kumpula – Secretary General, Finnish RedCross
Stephane Mantion - Director General, French Red Cross
Dr. Rudolf Seiters – President, German Red Cross
Dr. Zsigmond Göndöcs - President, Hungarian Red Cross
Elhadj As Sy - Secretary General, International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies
John Roche & Sandra Stanley – Interim Secretaries General, Irish Red Cross
Francesco Rocca – President, Italian Red Cross
Grazina Jevgrafoviene - Secretary General, Lithuani an Red Cross
Michel Simonis – Director General, Luxembourg Red Cross
Paulette Fenech – Director General, Malta Red Cross
Gijs de Vries – CEO, Netherlands Red Cross
Asne Havnelid – Secretary General – Norwegian Red Cross
Leopoldo Perez Suarez – Secretary General, Spanish Red Cross
Ulrika Årehed Kågström – Secretary General, Swedish Red Cross
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