Gewitzte Äbtissinen auf Kloster Graefental

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Von wegen „trockene Urkunden“ (vl): Autor Hans-Georg Steiffert, Michael Urban (Vizevorsitzender des Fördervereins Kloster Graefenthal) und Camiel Engelen (Pächter des Klosters und Beisitzer im Förderverein) mit dem neuen Band, der die Geschichte des Klosters beleuchtet. Foto: Cora
Goch: Kloster Graefenthal |

Dass die Äbtissinen des Klosters Graefenthal gewitzt waren und sich des Instrumentariums des Kirchenrechts zu bedienen wussten, beweisen die Papsturkunden, die im Archiv des Klosters liegen.

Von C. Denzer-Schmidt

In einem 112-seitigen Buch mit Glossar und geschichtlichem Hintergrund stellt Hans-Georg Steiffert für den Förderverein des Klosters Graefenthal die wissenschaftliche Untersuchung dieser Urkunden vor, die von 1250 bis 1560 reichen.
„Sie zeigen eben nicht das Interesse des Papstes am Kloster“, erklärt Steiffert, „sondern eine Äbtissin hatte ein Problem, das sie vor Ort nicht alleine lösen konnte. So wandte sie sich an den Papst als ,Hebel‘, der mit der Urkunde das Problem löste. Es ging um die Frage: Wie kann ich die Kurie bewegen, mir zu helfen?“

Auslegung der Klosterregeln


Ein Beispiel für diese erfolgreiche Politik der Graefenthaler Nonnen ist die Urkunde von 1507, unterzeichnet von Papst Julius II. Es ging darum, dass der Abt von Kamp-Lintfort der Äbtissin Beatrix de Honseler das Recht streitig machen wollte, in der Umgebung des Klosters die Pfarrer zu bestellen, das so genannte Patronatsrecht. Hier ging es um Macht und Geld, aber auch um die Auslegung der Klosterregeln. Tatsächlich bekam die Äbtissin ihr Recht zurück.
Im Zuge seiner Arbeit hat Hans-Georg-Steiffert bei dieser Urkunde übrigens einen schweren Übersetzungsfehler im 1899 erschienenen Werk von Robert Scholten über das Kloster gefunden. Hier wurde übersetzt, dass dem Abt von Kamp-Lintfort das Vorgehen durch den Propst von St. Kunibert und den Dechanten von St. Severin (beide Köln) untersagt werden solle. Tatsächlich aber sollten diese Beiden ein kirchenrechtliches Verfahren anstrengen, den Fall untersuchen und dann erst entscheiden.

Strenger Verzicht und spartanische Bedingungen


„Das Graefenthaler Archiv ist eines der interessantesten am Niederrhein“, sagt Hans-Georg-Steiffert, „und ein ähnliches Vorgehen wie das der Äbtissinen ist mit Urkunden von Mönchsklöstern aus der Gegend nicht zu belegen.“ Außerdem spiegeln die Urkunden auch die geschichtliche Entwicklung wider. Prägten zu Beginn noch strenger Verzicht und spartanische Bedingungen das Klosterleben der Zisterzienserinnen, war 1390 bereits die Aufhebung des Verbotes Fleisch zu essen, ein Thema. Denn, so die Äbtissin Beatrix van Suylen, eine Nonne, die mit Wissen und Erlaubnis, außerhalb des Klosters tätig war, um zum Beispiel Pacht und Steuern einzutreiben, könne doch nicht immer „nein“ sagen, wenn sie von Eltern oder Freunden zum Essen geladen werde.

Die "richtige" Antwort


„Und damit sie die ,richtige‘, ihr genehme Antwort bekam, wandte sie sich eben nicht an das Generalkapitel des Ordens, sondern direkt an den Papst“, erklärt Steiffert. Was auch klappte! „Die Nonnen kannten die Verhältnisse der Kirche ganz genau.“
Die spannende GeschichtsLektüre, in 500er-Auflage erschienen, gibt es für zehn Euro im Klostercafé, bei allen Mitgliedern des Fördervereins und bei der Buchhandlung Völcker in Goch. Weitere Informationen bekommt man hier: www.kloster-graefenthal.de

Hintergrund

Das Kloster Graefenthal wurde 1248 von Graf Otto II. von Geldern und seiner Frau Margarethe von Kleve gegründet.

Die Digitalisierungsgruppe hat in den vergangenen drei Jahren das Archiv des Klosters gesichtet und geordnet.

20.000 Schriften wurden transkribiert, 650 Urkunden übersetzt und archiviert.
Im nächsten Buch des Fördervereins soll es um das Hochgrab für Graf Otto II. gehen.
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1 Kommentar
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Lothar Dierkes aus Goch | 13.10.2014 | 18:53  
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