Kakao und Söcksken: Die 104 Jahre alte Elisabeth Martens erinnert sich an Weihnachten 1918

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  Die 104 Jahre alte Elisabeth Martens hat die Weihnachtszeit im Schatten zweier Weltkriege erlebt. Die älteste Bürgerin von Goch sprach mit der Redaktion über ihre Erinnerungen an schwere, aber auch an schöne Zeiten.

Es muss an Heiligabend vor gut 95 Jahren gewesen sein, im Jahre 1918 oder 1919. „Ich war damals acht oder neun Jahre alt “, erinnert sich die 104-jährige Elisabeth Martens. Sie habe mit ihren Eltern und ihren fünf Schwestern am Westring gelebt. „Papa und ich sind mit einem Kruiwagen (eine Schubkarre) zum nahe gelegenen Wald aufgebrochen, um Holz zu besorgen. Eine Axt hatten wir nicht und so hat Papa die Zweige aus dem Baum gezogen.“ Elisabeth Martens denkt eine Weile nach und fährt fort: „Ich hatte Seile über die Schultern gespannt, die am Kruiwagen befestigt gewesen waren und zog diesen, der randvoll mit Holz befüllt war, während Papa diesen schob.“ Da sie die älteste von sechs Töchtern gewesen sei, habe sie ihren Eltern häufiger bei Aufgaben und Verrichtungen helfen müssen. Selbstverständlich wurden daheim an Weihnachten auch Plätzchen gebacken. „Von denen haben wir einige auch an den Christbaum gehangen“, erzählt Elisabeth Martens und fährt fort: „Mutter hat auch einen Rodonkuchen gebacken und dann kam die Nachbarin mit ihren Kindern zu Besuch und kochte herrlichen Kakao für uns Kinder.“ Elisabeth Mertens erinnert sich lächelnd an jenen Heiligabend. Aufgrund einer beidseitigen Star-Erkrankung sieht die alte Dame nicht mehr ganz so gut. Sie bedauert sehr, keinerlei Fotos mehr aus jener Zeit zu besitzen: Als sie mit ihren Schwestern voller Vorfreude am Abend zu Bett geschickt worden sei. Aber die Bilder vor ihrem inneren Auge sind nur allzu präsent. „Wir mussten zu Bett gehen, denn das Christkind sollte ja kommen“ erzählt die alte Dame lächelnd. Denn die Weihnachtsgeschenke lagen erst am drauffolgenden Morgen, am ersten Weihnachtstag, unterm Christbaum. „Das war ein Teller mit allerlei Zeug“, erinnert sich Elisabeth Martens und ergänzt: „Dieser war befüllt mit Kuchen, Plätzchen, Spekulatius und Bonbons“ erzählt sie und fügt mit einem feierlichen Unterton hinzu: „ Und jeder bekam eine Tafel Schokolade.“ An der Art und Weise, wie sie diese Information hervorhebt, kann man erahnen, wie kostbar und außergewöhnlich dieses Geschenk in jener Zeit gewesen sein muss. „Vielleicht gab es auch mal ein paar neue, gestrickte Söcksken oder aber Taschentücher“ sagt Elisabeth Martens. Und natürlich habe sie mit ihrer Familie auch Weihnachtslieder gesungen. Das Festtagsmenü bestand aus Rindfleischsuppe, Kappes (Kohl) und Vanille-Pudding. „Manchmal waren auch Rosinen im Pudding“, sagt Elisabeth Martens verschmitzt. Als sie so 13,14 war, habe sie dann schließlich ihre Eltern zur Christmette in die Maria-Magdalena-Kirche begleiten dürfen, die bis nachts um 3 Uhr gegangen sei.
Dann erinnert sich Elisabeth Martens an ein ganz besonderes Geschenk, dass sie im Jahre 1916 vom Christkind bekam: Vor ihrer Einschulung habe sie ihr erstes paar funkelnagelneuer, schwarzer Lederschuhe geschenkt bekommen. „Papa musste dafür schwer in den Margarinewerken arbeiten“ erzählt die alte Dame. „Diese durfte ich aber nur sonntags und in der Schule tragen, in der übrigen Zeit trug ich Klompen “. Mit Schuhen hatte übrigens auch ihr späterer Beruf zu tun: Mit 14 trat sie eine Ausbildung als Stepperin bei Sternefeld am Standort des heutigen Kaufland an. Dort war sie bis 1928 tätig, anschließend bis zur Geburt ihrer Tochter im Jahre 1938 in der Schuhfabrik in Kleve.

Heimatstadt wurde in Schutt und Asche gelegt


Schließlich erinnert sich Elisabeth Martens an die schlimme Zeit während des Zweiten Weltkrieges, als ihre Heimatstadt in Schutt und Asche gelegt wurde: „Goch war ganz abgebrannt und wir mussten raus aus der Stadt aufs Land, wohnten bei einem Bauern und haben dort in der Scheune geschlafen.“ Als sie wieder heimgekehrt seien, sei das heimische Dach kaputt gewesen, außerdem hätten sie auf der Erde schlafen müssen. „Die Kinder haben kein Bett gehabt“, erzählt sie. Sie hätten ein kleines Bäumchen aus dem Wald geholt und in einen Blumentopf gepflanzt. „Dass alles kann man mit heute nicht vergleichen“, sagt Elisabeth Martens und fügt hinzu: „Heutzutage bekommen die Kinder alles, was ihr Herz begehrt, werden überfüllt und sind noch nicht zufrieden“, findet die alte Dame. „Wir haben damals vor allem gelernt, zu teilen. Die Puppe etwa, die ich von meiner Tante bekommen habe, haben auch alle meine Schwestern angezogen“, erinnert sie sich. Oder aber der schöne, blaue Mantel und der helle Filzhut: Den habe nicht nur sie, sondern auch zwei ihrer Schwestern getragen. Trotz alledem resümiert Elisabeth Martens rückblickend: „Ich hatte als Gocher Kind eine schöne Kindheit“.

Die Seniorin lebte bis zu ihrem 102 Lebensjahr in den eigenen vier Wänden. Seit Januar 2012 bewohnt sie ein Zimmer im Josefshaus, nachdem sie an Weihnachten vor drei Jahren gestürzt und anschließend in die Klinik gekommen war. „Hier fühle mich wohl“, sagt sie. Ihre Tochter Anneliese käme jeden Tag zu Besuch. Auf ihrem Nachttisch steht ein Foto: Vor kurzem schaute auch der Nikolaus vorbei. Schließlich wird es Zeit für einen kurzen Spaziergang mit Tochter Johanna. „Ich bin so glücklich, dass ich dich habe“, sagt die alte Dame mit einem Schimmern in den Augen und drückt ganz fest die Hand ihrer Tochter. Weihnachten werden sie gemeinsam verbringen. Wie bereits seit 75 Jahren.
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