Pionierarbeit in Goch geleistet - Reisebüro am Steintor schließt für immer

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  Goch: Steintor |

Im kleinen Reisebüro am Steintor war der Umzug in den vergangenen Tagen nicht mehr zu übersehen, an den Wänden stapelten sich die Kataloge und Prospekte der Reiseanbieter teilweise mannshoch. "Das geht weg. Kollegen nehmen die gerne an", sagt Gustav Kräussl, der sich am heutigen Samstag, 29. Oktober, gemeinsam mit Frau Karin aus Goch verabschiedet. Eine Institution geht ...

VON FRANZ GEIB

Goch.Als Gustav Kräussl, gelernter Reiseverkehrskaufmann mit besten Referenzen 1982 nach Goch kam, waren Reisen nach Übersee für die Kunden noch Abenteuer pur und darum selten gefragt. Die Bahnfahrt war noch stark angesagt und wenn es mal weiter weg gehen sollte, standen allenfalls die Balearen oder das nicht mehr existierende Jugoslawien auf dem Plan. "Nicht nur das hat sich geändert, auch computermäßig ist vieles anders als damals", so Kräussl, den es vor 30 Jahren aus Leer/Emden an den Niederrhein zog.
Begonnen hatte seine Karriere noch zu Zeiten eines Kanzlers Kiesinger im Jahr 1967. In der Schule noch "faul wie die Sünde" (O-Ton Gustav Kräussl) wurde hier schnell klar, dass die Touristikbranche sein Metier werden sollte. Schon im zweiten Ausbildungsjahr machte er als stellvertretender Büroleiter des städtischen Reiseverkehrsbüros in Leer auf sich aufmerksam. Und so ging es munter weiter. "Ich gehörte zu denen, die jeden Linienflug auf die Mark genau berechnen konnten und in Sachen Bundesbahn machte mir eh keiner was vor", sagte er ohne dabei hochmütig zu wirken.
Unmittelbar nach der Lehre folgte ein Engagement bei Hapag Lloyd, später auch Kios West in Moers wo er es bereits zum Handlungsbevollmächtigten der Gruppe schaffte. In Rheine übernahm Gustav Kräussl 1977 das örtliche Reisebüro bei einem Umsatz von 3 Millionen im Jahr, und erhöhte diesen innerhalb von drei Jahren auf über neun Millionen. Beim Schulungsprogramm der DER-Reisekademie erreichte Kräussl mit 493 von 500 möglichen Punkten das Finale in New Orleans und behauptete sich auch dort mit Bravour. Seine Fachlichkeit und seine ordentliche Führung brachte dereinst sogar die Rechnungsprüfer ins Grübeln. Als wieder einer der unangemeldeten Besuche bevorstand, soll der Prüfer beim Anblick von Gustav Kräussl nur gemeint haben: "Wenn ich gewusst hätte, dass sie hier sind, wäre ich gar nicht erst gekommen!"
Sein beruflicher Eifer trieb ihn auch in Goch an: "Ich wollte damals immer die drei wichtigsten Lizenzen, DB, DER und IATA, innehaben." Und das war kein Pappenstiel, wie er am Beispiel der Lizenz für die Internationale Luftverkehrs-Vereinigung beschrieb: "Bei den Schulungen musste man rund 7000 Seiten Stoff verinnerlichen und im Kopf behalten." Sämtliche deutschen, europäischen und schließlich weltweit agierenden Fluglinien plus deren Verbindungen standen auf dem Stundenplan. Das alles beherrschte Kräussl schließlich so gut, dass die großen und größten Airlines plötzlich über das "kleine Reisebüro am Niederrhein" redeten.
Der Schlüssel zum Erfolg in Goch war allerdings alles andere als international: "Als ich nach Goch kam, habe ich erstmal eine Bahnhofs-Entfernungstabelle geschrieben. Denn damals wurden die nationalen Verbindungen ab Bahnhof Emmerich berechnet, obwohl das wegen des Umsteigens sehr umständlich für die Fahrgäste war." Eine Strecke Kleve - Krefeld wurde offiziell gar nicht gelistet, und sollte sogar, wegen des mangelnden Personenaufkommens eingestellt werden. "Ich habe schließlich dafür gesorgt, dass diese Strecke bis heute aufrecht erhalten blieb."
Auch das Reisen in ferne Länder machte der Reiseprofi in Goch salonfähig, zum Verdruss der Mitbewerber aus der Kreisstadt wie er anmerkt: "Denn bis dahin buchten die Gocher ihre Reisen meist in Kleve, hier gab es ja kaum was." Doch als die Gocher merkten, dass sie ihren Urlaub quasi an der nächsten Straßenecke am Steintor buchen konnten, wurde es bitter für die Reisevermittler in der Kreisstadt, wie Kräussl sagt: "Die Gocher kamen nicht mehr!" Dafür aber andere Reisebüros nach Goch ... "Ich habe in Goch wirklich Pionierarbeit geleistet", meint Kräussl.
Doch die Zeiten haben sich geändert und das nicht nur zum Vorteil, sagt er: "Der Massentourismus, diese All-inclusive-Touren sind nicht überall gut." Der Wirtschaftskreislauf der Reiseländer geht kaputt, denn die Leute bleiben in den Hotels und lernen nicht mehr Land und Leute kennen." Bitter für einen, dessen Kunden-Betreuung nicht aufhört, wenn die Reise gebucht ist: "Mir ging es auch immer um das Menschliche, das soziale. Ich wollte bei meinen Kunden stets wissen, wen ich wie erreiche." Dann verzichtete er auch darauf einem Kunden nur der Provision wegen ein Vier-Sterne-Hotel zu vermitteln, wenn das Drei-Sterne-Haus einfach besser war.
Sein nächstes Ziel heißt Hameln, wo er und Ehefrau Karin ein großes Haus erworben haben. Platz für ein Reisebüro ist da auch ...
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Elisabeth Knechten aus Goch | 29.10.2016 | 11:34  
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