Warum Tilly vor 100 Jahren Schlagzeilen machte

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Das Haus Gudden, Ostseite am Markt, im Jahre 1913. Zeigt das Foto auch Mathilde (Tilly) Cahn? Fotos: privat
 
Das Haus Gudden am Markt im Jahre 1910
Vor 100 Jahren war es in Goch nur Jungen möglich, das Abitur zu erlangen. Mädchen bereiteten sich derweil auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter vor. Bis Tilly kam.


Vier junge Damen posieren im Jahre 1913 für ein Foto des Guddenschen Hauses am Markplatz in Goch. Eine von ihnen mag womöglich die seinerzeit 18-jährige Tilly gewesen sein. Die junge Gocherin sorgte zwei Jahre nach Entstehung des Schnappschusses in ihrer Heimatstadt für Schlagzeilen. Am 9. März 1915 jubilierte das Niederrheinische Volksblatt: „Ein weiblicher Abiturient“! Das „Fräulein Tilly Gudden“ habe am Kaiserin Auguste-Gymnasium in Köln ihr Abiturienten-Examen mit Auszeichnung bestanden, triumphierte die Zeitung und fuhr fort: „Wie wir hören, beabsichtigt die junge Dame, sich dem medizinischen Studium zu widmen“, verriet das Blatt und wünschte: „Dem ersten weiblichen Gocher Abiturient unseren besten Glückwunsch.“ Diese Nachricht war seinerzeit selbstverständlich eine sogenannte „Top-News“, wie man heutzutage sagen würde, denn: „Erst ab dem Jahre 1937 durften in Goch auch Mädchen das Realprogymnasium besuchen“ erzählt Archivar Hans-Joachim Knoepp und ergänzt: „Bis es soweit war, konnten Schülerinnen an der hiesigen Mädchenmittelschule einen Realschulabschluss erwerben, während die Jungen das Realprogymnasium besuchen konnten. Die Abiturprüfungen mussten die männlichen Schüler seinerzeit jedoch noch in Kleve ablegen.“Dazu muss man wissen, dass bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts auf eine fundierte Ausbildung junger Mädchen weder die eigenen Familien noch die Öffentlichkeit großen Wert legten.

Auf Rolle als zukünftige Ehefrau und Mutter


Junge Frauen wurden auf ihre Rolle als zukünftige Ehefrau und Mutter vorbereitet. Der Besuch einer Schule für „höhere Töchter“, in der Handarbeit und Hauswirtschaft unterrichtet wurden, war für junge Mädchen aus bürgerlichem Hause passend und ausreichend. In Deutschland, dass bei weiblichen Studenten eines der Schlusslichter in Europa bildete, argumentierten Gegner weiblicher Bildung, dass Frauen aufgrund ihres kleineren Gehirns nur eingeschränkte geistige Fähigkeiten besäßen. Nun aber zurück zur Abiturientin Tilly: Mathilde Wilhelmine Maria Huberta, auch Tilly genannt, war die Tochter des Gocher Zigarrenfabrikanten Robert Gudden. Die alte Ansichtskarte (s.o.), bedruckt mit dem Foto des Guddenschen Hauses, ist eine der wenigen Verweise auf Tilly: Auch die Vorderseite hatte sie beschrieben, weil die Rückseite nicht ausgereicht hatte („Für heute Schluss und herzliche Grüße und Kuss“). Nachforschungen von Ruth Warrener zufolge, Lehrerin an der Gesamtschule Mittelkreis und Mitglied der Stolpersteininitiative Goch, studierte die junge Frau nach ihrem Abitur also tatsächlich Medizin. Im späteren Verlauf arbeitete sie als Assistenzärztin in Berlin. Im Jahre 1921 heiratete die junge Ärztin den jüdischstämmigen Kinderarzt Robert Cahn, der einer traditionsreichen Bankiersfamilie aus Bonn entstammte.

Das Ehepaar lebte in Berlin und bekam mehrere Kinder, unter anderem in den Jahren 1928 und 1934. Noch gerade rechtzeitig vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten schaffte die Familie im Jahre 1935 den „Sprung“ über den Atlantik und emigirierte in die USA. Dort änderten die Cahns ihren Nachnamen und lebten fortan als Familie Cane in Berkeley, Kalifornien. Tilly Gudden starb am 25. Januar 1948. Wie der Grabstein auf einem Friedhof in San Francisco belegt, ruht sie dort mit ihrem Gatten Dr. Robert Cane. Nachkommen in Goch gäbe es keine, so Archivar Hans-Joachim Koepp.

Info:

- Dr. med. Mathilde Wilhelmine Huberta Cahn/Cane (1895 -1948), geborene Gudden, war die Tochter des Gocher Zigarren-Fabrikanten Robert Gudden und seiner Gattin Maria-Theresia, geborene Bergrath sowie die Enkelin von Dr. Peter Bergrath und Dorothea Huberta Ebben, Tochter des Gocher Kaufmanns Ebben. Dr. Peter Bergrath leitete von 1849 bis 1861 das Gocher Hospital, war Schöffe in Goch, Heimatforscher und ehrenamtlicher Archivar. Um 1930 wurde die „Bergrathstraße“ nach ihm benannt.

- Hierzulande legten Mädchen erstmals 1896 in Berlin nach dreijährigem Gymnasium das Abitur ab. 1899 folgten weitere Städte. Die preußische Schulreform 1908 ermöglichte Mädchen eine reguläre Ausbildung und die Zulassung zu Abitur und Studium. Abitur für Mädchen war erst in den 20er Jahren flächendeckend möglich. Am Realprogymnasium Goch konnten Mädchen ab etwa den 50er Jahren Abitur machen. 1960 erlangte am Städtischen Gymnasium Goch auch Mädchen das Abitur.
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Willi Heuvens aus Kalkar | 30.01.2015 | 17:35  
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Marjana Križnik aus Essen-Nord | 02.02.2015 | 11:22  
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Willi Heuvens aus Kalkar | 02.02.2015 | 12:49  
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