Untermieter ...

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  Vor einigen Jahren hatten sie ihre „Wohnungen“ in der Garage gebaut. Als sie ausgezogen waren, hatte ich den Lüftungsschlitz über der Seitentür geschlossen. Es war zu gefährlich, die Ein- und Ausflugsschneise so dicht über der Tür zu haben, allein schon wegen der Enkelkinder. Eine wilde Bewegung, und die harmlosen Tierchen hätten sich bedroht fühlen können. Und dann – nur dann – können sie eben auch richtig biestig werden.

Die verlassenen Wespennester, die an dünnen „Stielen“ an der rauen Holzdecke der Garage hingen, habe ich später vorsichtig abgenommen. Sie dienten meinen Enkelkindern zum Teil als „Forschungsobjekte“, wurden vorsichtig aufgeschnitten, um auch den Innenausbau in Augenschein nehmen zu können. Andere sind einfach irgendwann dem Staubtuch zum Opfer gefallen ...

Später bewohnten Wespen mehrmals und an unterschiedlichsten Stellen den Speicher. Auch in den Hohlräumen der Terrassenüberdachungen fühlten sie sich sichtlich wohl. Und da das Haus eine durchgehende Holzdecke hat, konnte man ihr Summen deutlich in der entsprechenden Ecke des Zimmers hören. Andere Leute haben ja auch Haustiere – warum wir denn nicht auch …

Vor einigen Tagen fand ich wieder eine dieser kunstfertig gebauten „Wohnungen“. Unter dem kleinen Dachvorsprung des Gartenhäuschens, in dem Sonnenschirme, Gartenmöbel, Fahrräder, Grill und andere Sachen in der Winterzeit ihren Platz haben. Es steht gut getarnt im hinteren Teil des möglichst naturbelassenen Gartens. Eine große Buche spendet hier Schatten – und an besonders heißen Tagen sitzt man hier unter ihrem kühlen Blätterdach wie in Abrahams Schoß.

Da hing es also, dieses Wunderwerk aus Pappmaché. Ja, eigentlich ist es nichts anderes als Papier. So wie feinstes Japanpapier ist es gefertigt: Zernagtes Holz mit Speichel vermengt, Schicht für Schicht aufgetragen. Struktur und wechselnde Farben, bedingt durch andere Hölzer, ähneln verblüffend einem kostbaren, handgeschöpften Büttenpapier. Schicht um Schicht wird die äußere Hülle um die eigentliche Wabe des Wespennestes gebaut. Je nach Witterung und Temperatur wird eine Hülle teilweise abgebaut oder eine zusätzliche Schale dazu gebaut. Sogar Lüftungsschlitze nimmt man bei genauerem Hinsehen war. Modernste Architektur, wenn man so will – und das schon seit Tausenden Jahren.

Auch die innere Struktur, die Wabe, die aus sechseckigen Einzelwaben (Röhren) aufgebaut ist, in denen die Larven heranwachsen, sind längst Vorbild für „menschliche“ Materialien und Bauformen geworden. Nehmen wir als naheliegendes Beispiel die Wellpappe. Kaum ein zerbrechliches Gut, das nicht in Wellpappe zum Versand gebracht wird. Oder bestimmte Bauplatten, bei denen ein wabenförmiger Hohlkern vorder- und rückseitig mit Holzfurnier kaschiert wird, um der leichten Platte so eine große Stabilität zu geben . Selbst wabenförmige Grundrisse haben in Gebäuden und Städteplanung Einzug gehalten und für ein platzsparendes, organisches, ökologisches und ökonomisches Design gesorgt.

Ein Wespennest – Gestaltung vom Feinsten. Ein kleines Wunderwerk.
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9 Kommentare
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Christiane Bienemann aus Kleve | 08.06.2013 | 19:50  
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Volker H. Glücks aus Neukirchen-Vluyn | 08.06.2013 | 20:24  
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Hanni Borzel aus Arnsberg | 08.06.2013 | 23:08  
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Gottfried (Mac) Lambert aus Goch | 09.06.2013 | 10:42  
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Hanni Borzel aus Arnsberg | 09.06.2013 | 11:45  
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Siglinde Goertz aus Uedem | 09.06.2013 | 19:51  
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Michael (Micky) Peters aus Goch | 09.06.2013 | 21:20  
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Gerda Bruske aus Goch | 11.06.2013 | 23:00  
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Petra Oeßelmann aus Goch | 15.06.2013 | 09:42  
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