Gedanken zum 20. Juli (2017)

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Goch: Helmut Rother |

Was habt ihr getan, um diese Katastrophe einer menschenverachtenden Diktatur, welche uns in einen Weltkrieg und einer rassistischen Politik der menschenverachtenden Vernichtung fast eines ganzen Volkes geführt hat, zu verhindern?

Diese oder eine ähnliche Fragestellung, die von meiner Generation an unsere Eltern und den Rest der WWII-Kriegsgeneration gerichtet wurden, gewinnen für mich durch derzeitige politische Entwicklungen irgendwie wieder an Aktualität.
Zunehmende ungebremste Abwendung und opportunistische Beugung von rechtsstaatlichen und demokratischen Grundprinzipien, bei gleichzeitiger rigoroser Anwendung autokratischer Verhaltensmustern von Staatsoberhäuptern und demokratisch gewählter Regierungen auch in unserem unmittelbaren Umfeld sind beängstigend.
Gesellschaftliche Solidarität und der Grundkonsens ethisch, moralischer Werte im gesellschaftlichen Umgang miteinander geraten in eine Schieflage bzw. bleiben auf der Strecke. Demokratisch etablierte und bewährte Grundprinzipien und Grundwerte werden nur so lange propagiert, wie sie eigenem egoistischen Machtstreben nicht entgegenstehen.
Ein erschreckend hohes Mass an gesellschaftlicher Entsolidarisierung bricht sich die Bahn. Konsequenzen kann man gut daran ablesen, wie rasend schnell sich z.B. in den USA diese gefährliche Entsolidarisierung in eine fast unversöhnliche Polarisierung in einer Gesellschaft entwickelt hat.
Das St. Florians Prinzip breitet sich in der Gesellschaft aus. Jeder hat seinen eigenen Vorteil im Fokus, die Politik lässt sich instrumentalisieren und vermittelt den Eindruck, dass man sich bevorzugt nur für die eine oder andere elitäre Klientel verantwortlich sieht? Eine zunehmend nationalistische Ausrichtung und Abschottung werden zu praktikablen Szenarien stilisiert, die perspektivisch jedoch nur als Scheinlösungen angesehen werden können.
Staaten verlassen mit einer solchen Ausrichtung ihres politischen Systems und Regierungshandeln den Grundkonsens allgemeingültiger und vereinbarter ethisch moralischer Werte und Ziele im zwischenstaatlichen und -menschlichen Zusammenleben.
Die Beteiligung an überstaatlichen Organisationen und Bündnissen wird nur dort nachhaltig aufrecht erhalten, wo es dem eigenen Nutzen dient. Die Effizienz der eigentlich notwendigen solidarischen Regulativfunktionen solcher Organisationen werden geschwächt - wie man an der politischen Blockade der UNO beobachten kann.
Wohin führt uns diese Entwicklung insbesondere vor dem Hintergrund einer Welt des ungebremsten Globalismus?
Welche realistischen Spielräume hat eine nationalstaatliche Politik überhaupt noch gegenüber den wirtschaftlichen Interessen global agierender Konzerne und Kapitalflüsse?
Kann man ein Land und eine Gesellschaft konsequent und ausschließlich mit den gewinnstrebenden Prämissen eines der Dividende verpflichteten "Aufsichtsratsvorsitzenden" bzw. "Chief Excutive Officer" und den einhergehenden Konsequenzen aus den entsprechenden Kosten-Nutzen Rechnungen und Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen erfolgreich führen und regieren? Dies zu Ende gedacht, wohin führt uns dieser Weg langfristig?
Der Antwortansatz fällt bei mir eher pessimistisch aus. Zukünftig gilt dann wohl endgültig sowohl nach innen als auch im Bereich der Außenbeziehungen eines Staates nur noch das gnadenlose Recht des Stärkeren?
Erschreckend in diesem Zusammenhang sind auch die mit einher gehenden zunehmend hanebüchend opportunistischen Politikpositionen, bei deren Entwicklung sogar valide aber unliebsame Gesetze der Physik und allgemein anerkannte Errungenschaften wissenschaftlicher Forschung geleugnet und in unverantwortlicher Weise durch einen gefährlichen Mix spiritueller und fanatisch religiöser Postulate ersetzt werden.
Diese pervertierte Entwicklung einer grundsätzlich abzusehenden weil verfehlten und langfristig zum Scheitern verurteilten Politik gegen die Natur, unter Negierung der Evolution und Ignorierung der Klimaproblematik, wird uns eher früher als später einholen und mit fatalen Folgen auf die Füße fallen.
Wo bleiben bei diesem gefährlichen Cocktail bedrohlicher Entwicklungen, die oft beschworenen und prägnanten Lehren aus den tragischen und katastrophalen Beispielen in unserer Vergangenheit? Wo bleibt der Blick für das Ganze und eine nachhaltige positive Perspektive von Handlungsoptionen zur Bewältigung der akuten, offensichtlichen und überall erkannten gegenwärtigen globalen Probleme.
Der reflexartige Ruf nach starker Führung und starken Führungspersönlichkeiten in vielen Staaten hat sich mit den Trumps, Putins, Kim Jongs, Erdogans, Orbans, Kazcinkis dieser Welt offensichtlich in eine gefährliche Sackgasse bewegt. Wie weit soll dieses gefährliche Spiel mit dem Feuer eigentlich noch gehen und eskalieren und wie kommen wir ohne eine weitere globale Katastrophe aus dieser Sackgasse wieder heraus?
Das Vertrauen in die Politik ist grundlegend erschüttert und bietet extremistischen Gruppen mit ihren radikalen einfachen aber untauglichen Lösungen für komplexe Probleme einen idealen Nährboden.
Der Normalbürger zeigt sich zudem überfordert mit der Masse an medialen Informationen, die auf ihn einprasseln und die eine notwendige Differenzierung und Verifikation nahezu unmöglich machen.
Der "Volksempfänger" der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts ist nicht minder gefährlich ersetzt worden durch die unübersichtliche und unstrukturierte Vielfalt der Informationen in den sozialen Medien. Es werden zu oft nur noch Überschriften zur Kenntnis genommen. Aktualität und Verfallszeit der ständigen Nachrichtenflut ist in Stunden zu bemessen. Recherche und Verifikation mit anschließender Korrektur gehen unter bzw. finden überhaupt nicht mehr statt.
All diese Darstellungen sind meine persönliche Wahrnehmungen, Wertungen und Schlussfolgerungen.
Damit kann ich auch komplett falsch liegen und einigermaßen isoliert dastehen. Ich kann damit leben, möchte jedoch meine Gedanken ganz bewusst zur Diskussion stellen.
Ich ertappe mich in letzter Zeit regelmässiger dabei, meinen inneren Kompass des gesunden Menschenverstandes zu hinterfragen und stoße dabei immer häufiger auf Fragen, auf die ich für mich nur schwer rationale Erklärungen und noch schwerer spontan erfolgversprechende Antworten finde.
Als Kind der Generation „Kalter Krieg“, dass auch dessen scheinbare Überwindung im Zusammenhang mit Glasnost und der Wiedervereinigung mit Aussicht und der Chance auf einen Neubeginn in einer halbwegs „heilen" Welt in Frieden erlebt hat, stehe ich heute eher ernüchtert vor dem Scherbenhaufen einer politischen Entwicklung, die von noch mehr existenzbedrohenden globalen Risiken und mehr kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt ist und deren wahre Auswirkungen - fürchte ich - meine Kinder und Enkelkinder noch massiver zu spüren bekommen und bewältigen müssen.
Ich könnte wie Viele auch „Vogel Strauß“ machen und versuchen in den Tag hinein zu leben. Ich fürchte nur, dass mir dann irgendwann meine Enkelkinder - zu Recht - die Frage stellen werden - „Du hast gesehen was kommt - was hast du getan um diese katastrophale gesellschaftliche Entwicklung zu verhindern?“ Was war dein Beitrag für eine solidarische Gesellschaft und ein friedliches gesellschaftliches Leben im gegenseitigen Respekt?
Ich fürchte, nach derzeitigem Stand werde auch ich Ihnen bisher nur eine unbefriedigende Antwort geben können.
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