Innehalten - Nachdenken - Reflektieren

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Goch: Gocher Wochenblatt |

Einsicht ist der erste Weg zu Besserung. Unser gesellschaftliches Miteinander ist in einem beklagenswerten Zustand. Ein Versuch persönlicher Reflektion.

Widme ich mich seit geraumer Zeit den Informationen und der Kommunikation im Netz und in sozialen Medien, so muss ich zugeben dass mich ein zunehmend ungutes Gefühl beschleicht. Ich sehe mich mit einer zunehmend polarisierten, unübersichtlichen und komplexen Situation und Sicht der Dinge konfrontiert.

Mediale Berichterstattung über Katastrophen, Krisen und Kriege und den Auswirkungen von Hass im menschlichen Umgang/Miteinander hat es immer schon gegeben. Was mich jedoch seit geraumer Zeit umtreibt, ist die tägliche pausenlose Konfrontation mit fragwürdigen Informationen und Kommentaren zu gesellschaftlichen und politischen Brandherden und eine schier endlose, zu oft perspektivlose und wenig objektive Berichterstattung. Hinzu kommt die stetig ansteigende Ausprägung z.T. menschenverachtender Verrohung im Umgang Miteinander und einer geradezu hemmungslosen Präsenz und Darstellung physischer und psychischer Gewalt in den Medien.

Früher respektierte Grenzen und Hemmschwellen werden hier regelmäßig überschritten. Rhetorischen Auseinandersetzungen werden auf plakative Schlagwortlänge und Parolen verkürzt, nicht mehr rational sondern zunehmend emotional aggressiv ausgetragen. Ein geordneter faktenbasierender auch für die breite Masse verständlicher Diskurs und Meinungsaustausch findet kaum mehr statt.

Die Dimension von latenter Gewalt, die ich in dieser Ausprägung im gesellschaftlichen Umgang früher eigentlich so nicht wahrgenommen habe, sind wohl nicht nur das Ergebnis ausgelebter Phantasien vereinzelter kleingeistiger Individuen oder Gruppen, sondern finden zunehmend auf allen Ebenen des menschlichen Miteinanders Eingang und sind nicht zuletzt auch aufgrund einer stillen Duldung durch breite Bevölkerungsschichten quasi schleichend „hoffähig“ geworden.

Erfolgreiche Versuche dem nachhaltig entgegenzuwirken, sind in den z.T. hilflosen, vielfach untauglichen und oft einfach nur aktionistischen Ansätzen der formellen und informellen gesellschaftlichen und politischen Instanzen und Meinungsführer nicht wirklich erkennbar. Menschen laufen noch immer Lemmingen gleich und für mich unbegreiflich in Scharen politischen Scharlatanen und Rattenfängern wie der PEGIDA oder AFD hinterher.

Hinzu kommt auch, dass wir uns in eine zunehmend äußerst komplexe, gewaltbereite und nur schwer kontrollierbare internationale Bedrohungslage zurück entwickelt haben. Gegenseitiger zwischenstaatlicher Respekt, Respektierung gemeinsam vereinbarter Beschlüsse und Verträge, Solidarität mit den Schwachen und der zivilisierte Umgang miteinander auf Grundlage bisher einvernehmlich akzeptierter moralischer und ethischer Regeln, geraten dabei zunehmend in Gefahr.

Sicherheitsdienstleistungen haben Konjunktur, Sicherheitsgesetze werden zu Lasten von Freiheitsrechten verschärft, zwischenstaatliche und bündnisrelevante Konflikte eskalieren. Eine zunehmende Polarisierung und ein stetig ansteigender aggressiver Diskurs innerhalb und außerhalb der eigenen Gesellschaft, sind an der Tagesordnung.

Die Rückkehr zu Nationalstaatlichkeit und egoistische Machtpolitik sind zu beobachten und man bekommt zudem das Gefühl, dass die verantwortlich handelnden Personen an den entscheidenden Schaltstellen der Macht aus der Geschichte nichts gelernt haben, vielfach korrumpiert sind und orientierungslos agieren. Orientierung und Vorbilder sind für viele Menschen nicht mehr erkennbar und oft wird eine falsche Orientierung gewählt.

Die Vorstellung in einer Welt zu leben, die beeinflusst wird von den machtpolitischen Vorstellungen und Plänen der Putins und Trumps, bei den die Möglichkeit besteht, dass sie zeitgleich auf gegnerischen Seiten an den Schalthebeln wichtiger Großmächte sitzen könnten, gibt - um es mal sehr vorsichtig auszudrücken – mir nicht unbedingt das Gefühl in eine friedvolle und sichere Zukunft zu gehen.

Kommt es mir nur so vor, oder liegt es an meinem Alter, dass ich immer mehr Déjà-vus aus einer Vergangenheit habe, die vom Kaltem Krieg geprägt war, in der aber für das zwischenstaatliche Miteinander aus schmerzhaften Lehren Regeln erarbeitet wurden, die Gott sei Dank zur Einsicht geführt haben, von den vermeintlich machbaren Endzeitszenarien des Atomzeitalters Abstand zu nehmen.

Wenn ich Politikern wie Putin oder Trump in ihrer z.T. erschreckenden und gruden Argumentation zu folgen versuche und dabei heraushöre, dass man diese atomaren Szenarien doch nochmal auf Relevanz und Machbarkeit überprüfen möchte, beschleicht mich für die Zukunft mehr als ein äußerst ungutes Gefühl.

Ich wurde schon immer zutiefst misstrauisch, wenn man mir oberflächlich opportunistische und vordergründig eigennützige einfache Lösungen zu komplexen Problemen angeboten hat. Wenn ich andererseits beobachten muss, wie oberflächlich heutzutage in der breiten Masse das komplexe gesellschaftliche und politische Geschehen zur Kenntnis genommen, analysiert und bewertet wird, bin ich geneigt zu verstehen, dass Bildung und Intellekt bei uns nach wie vor viel zu sehr vernachlässigt werden.

Diese meine sehr persönliche Sicht der Dinge und viele immer wiederkehrenden Bilder haben den Ursprung in einem Lebensweg, der einer anderen Generation entstammt und der wesentlich geprägt wurde durch ein Elternhaus mit Kriegserfahrung und Flüchtlingsgeschichte, durch die Jugendzeit im Nachkriegsdeutschland in einem Ort der nur 50 m von der Innerdeutschen Grenze entfernt war, durch ein Weltbild des ständig präsenten Kalten Krieg, durch Krisen wie die Kuba Krise, die RAF Morde und den dazugehörenden Terror, durch direktes Erleben der Geschehnisse von München 1972, durch die Kriege im mittleren Osten usw.. Auf der anderen Seite waren da aber auch die bleibenden Eindrücke der deutschen Wiedervereinigung mit dem Wiedersehen mit dem ostdeutschen Teil der Familie nach 30jähriger Trennung durch den eisernen Vorhang.

All das und noch Vieles mehr hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin. Es hat meine Wertschätzung zum Leben und meinen moralisch ethischen Wertekompass geprägt, der mich im Umgang im Miteinander und in meiner grundsätzlichen Sicht und persönlichen Bewertung der Dinge, ausmacht.

Ich fühle jedoch, dass ich diesen Wertekompass und meine Sicht der Dinge zunehmend nicht mehr mit den aktuellen Geschehnissen in unserer Gesellschaft und in der Welt reibungslos in Einklang bringen kann. Einfache Anpassungen und Nachjustierungen, die in der Vergangenheit immer wieder durch einschneidende Ereignisse ausgelöst und möglich waren, reichen hier nicht mehr aus.

Als einfacher gesellschaftspolitisch interessierter Bürger fällt es mir zunehmend schwerer, die aus meiner Sicht beklagenswerten Tendenzen in unserer Gesellschaft und in der Welt nachzuvollziehen und zu akzeptieren. Ich verstehe das Handeln und Agieren vieler Mitmenschen einfach nicht mehr.
Ich erkenne derzeit auch noch keinen wirklichen Ansatz für einen gesellschaftlichen Konsens, nachhaltige und perspektivisch positive Handlungsalternative auf der Grundlage allgemein akzeptierter ethischer und moralischer Werte umzusetzen.

Eine gewisse Art von Hilflosigkeit, Resignation und Verunsicherung macht sich breit. Ich hoffe und gehe davon aus, dass dies vorübergehend ist, denn diese Attribute waren und sind im Leben aus Erfahrung immer schlechte Ratgeber gewesen.
Vielleicht sehe ich das Alles auch zu kritisch - wie geht es Ihnen?
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1 Kommentar
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 09.10.2016 | 12:51  
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