Schlossspiele: Hexenjagd in Holibu

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Proben an der Volme für die Vorstellungen an der Lenne: Der aktuelle Oberspielleiter und sein Vorgänger: Dass Dr. Peter Schütze Dario Wegberg hier mit dem Stock droht, hat ausschließlich dramaturgische Gründe.
 
John Proctor (Lars Lienen, r.) ist zum Tode verurteilt. Können seine Frau Elizabeth (Indra Janorschke) und Pastor John Hale (Simon Jakobi) noch etwas für ihn tun?
 
Intendant Dario Weberg versteht die Schlossspiele in Hohenlimburg als Volksfest.
Hagen: Schloss Hohenlimburg |

Da musste die altehrwürdige Höhenburg erst über 700 jahre alt werden, um einmal Hexen in ihren Gemäuern gefangen zu halten. Am 15. August steht nämlich zum Auftakt der Schlossspiele Arthur Millers berühmtes Drama „Hexenjagd“ auf dem Spielplan. Der neue Intendant Dario Weberg inszeniert das Stück ohne Mätzchen. Seine Botschaft sei nämlich topaktuell: „Der Mensch ist nicht gut!“. Shitstorms, religiöser Wahn, Egomanie und Massenhysterie, das seien die zentralen Themen und deswegen fiel auch die Wahl auf diesen nicht allzu leichten Stoff, den der Leiter des Theaters an der Volme schon vor über 20 Jahren als Schauspieler kennen und schätzen lernte. Damit zur Premiere an der Lenne alles sitzt, läuft der Probenbetrieb an der Volme auf Hochtouren. Wir durften Mäuschen spielen und uns mit dem Theatermacher unterhalten.



Behutsam aber merklich möchte Dario Weberg sein ganz persönliches Abenteuer Schlossspiele Hohenlimburg in Angriff nehmen. Seit 2011 leitet er mit dem Theater an der Volme eine der charmantesten und zugleich markantesten Spielstätten. Sein Engagement am alten Adelssitz stellt er unter das Motto „Alles bleibt anders“.
„Die Schlossspiele sind eine ganz andere Nummer als das hier.“ Weberg versinkt fast in seinem schwarzen Ledersessel. Er sitzt im ersten Stock des ehemaligen Pumphauses auf dem Elbersgelände. Unter sich das schwarze Polster, noch ein Stückchen tiefer der Zuschauerraum. „Wir müssen uns mit der Tradition auseinandersetzen, aber dürfen nicht vergessen, dass wir es mit einem Volksfest zu tun haben.“
Ist Theater machen eine Dienstleistung? Ist der zahlende Kunde mit Blick auf die Rampe immer König? Müßige Fragen sind das, denn ihr Adressat ist Unternehmer, der zwischen zwei Risiken arbeitet, von denen jedes einzelne durchschnittlich mit Leidenschaft begabte Menschen verzweifeln ließe. Die Formel lautet: Je schlechter die Auslastung, desto größer die Gefahr des Totalverlusts.
„Als Indra Janorschke und ich vor vier Jahren anfingen, wurde uns ganz schnell bewusst, mit welcher Art von Stücken wir den Geschmack des Publikums treffen. Der Wurm muss dem Fisch schmecken. So einfach ist das.“ Geangelt hat sich das Theater an der Volme einen Zuschauerkreis, den Weberg auch loben würde, wenn seine wirtschaftliche Existenz nicht von ihm abhinge. „Die Leute sind sagenhaft treu, einfach toll.“
Komödien, Boulevard, populäre Musik, Soloabende mit Humorgut aus dem kollektiven Gedächtnis: Manchmal ist Heinz Erhardts Made der köstlichste Köder.

Seicht ist hier nur
das Flüsschen


Das kleine Haus am seichten Flüsschen steht für perfekt in Szene gesetzte Alltagskultur, die bei aller Leichtigkeit nie belanglos sein darf. Wenn das kein Anspruch ist? Allein die Existenz dieser Spielstätte habe für einen positiven Imagewandel der gesamten Umgebung gesorgt. Was Kleinkunst nicht alles bewirken kann? Der Wohnküchenphilosoph Hanns Dieter Hüsch hätte seinen Segen erteilt.
Auch die Schlossspiele locken nicht in erster Linie die Stadttheater-Abonnenten. „Mein Vorgänger Peter Schütze hat sein Programm in den letzten Jahren schon niederschwellig angelegt“, erklärt der Kaufmann, Dramaturg, Schauspieler und Regisseur. „Diesen Umstand nutzen wir für einen sanften Übergang.“ Was bleibt, das sind am augenfälligsten etliche Ensemblemitglieder, allen voran Schütze, den Weberg in Arthur Millers „Hexenjagd“ als Thomas Danforth besetzte. Treu bleibt sich der 59-Jährige dem bestens erprobten Personalschlüssel: Profis und Amateure stehen gemeinsam auf der Bühne. Dabei tragen die ausgebildeten Schauspieler eine besondere Verantwortung. Ihre Umgangsformen müssen stimmen. Keine Chance für Zicken und Egomanen.
Dass das 1953 uraufgeführte Stück des amerikanischen Dramatikers im Zentrum seiner Premierensaison stehen würde, war Weberg lange nicht klar. „Es sollte ein Klassiker sein, also dachte ich an Henrik Ibsens Nora und auch an den Faust. Den hat aber gerade erst das Stadttheater gespielt. Zwar als Oper, doch für mich schloss sich das aus.“
Bei einem seiner langen Spaziergänge durch den Lake District im Nordwesten Englands fiel der Groschen. „Da dachte ich über aktuelle politische und gesellschaftliche Aspekte im Theater nach und kam sofort auf die Hexenjagd.“ Fast springt der alerte Herr aus seinem Sessel: „Da steckt alles drin, was uns gerade beschäftigt. Egomanie, Denunziation, Shitstorms, die Existenzen vernichten, religiöse Hysterie, Fremdenhass.“
Der Stoff spreche für sich selbst, und zwar so vollständig, dass man ihn nicht mit fragwürdigen inszenatorischen Klimmzügen modernisieren müsste. „Wenn Arthur Müller die Atmosphäre der paranoiden Kommunistenangst in den 1950er Jahren in Neuengland des späten 17. Jahrhunderts zeigt, sehe ich keinen Grund, daran etwas zu ändern.“
Lediglich in der Kostümfrage erlaubt er sich eine symbolische Überhöhung.

Ganz in Weiß: Hysterische
Mädchenmeute


Die hysterische Mädchenmeute um Abigal Williams trägt zu Anfang unschuldiges Weiß, auf dem nach und nach immer mehr Schmutz zu sehen ist. Das Schwarz der Honoratioren soll an Richterroben und Pastorentalare erinnern.
„Hexenjagd“, da ist sich der gebürtige Hagener, der schon 1991 als Schauspieler an einer Inszenierung mitgewirkt hat, sicher, zeige unter unter den Laborbedingungen einer Kleinstadt, in der jeder jedes anderen Makel und Tugenden kennt, was den Menschen ausmacht. „Wir sind nicht gut“, stellt er fest, „sondern getrieben von Eigennutz und Selbstsucht. Niemand handelt freiwillig für den anderen. Deutlicher als Arthur Miller kann man das nicht darstellen.“ Hinzu kommt das suggestiv-hypnotische Gefühl, einer Masse anzugehören, deren schiere Größe Widerstand unmöglich macht. „Dieses Gefühl kenne ich aus dem Fußballstadion“, bekennt der BVB-Fan. „Und natürlich habe ich mich schon ertappt, wie ich den Schiedsrichter beschimpfe. Es ist ein grässliches Gefühl, wenn man erkennt, dass man sich seiner Individualität beraubt.“
Er spricht es nicht aus, aber Weberg scheint sich einem größtmöglichen Zuschauerkreis diese Selbsterkenntnis zu wünschen. Die Möglichkeit bietet er ab dem 15. August mit einem Theatererlebnis, das eindringlich und aufrüttelnd aber auch verflixt unterhaltsam zu werden verspricht.


Das Stück
Arthur Miller schrieb „Hexenjagd“ als Kommentar zur Kommunistenjagd in der McCarthy-Ära.
Das Stück basiert auf tatsächlichen Ereignissen in der Puritaner-Siedlung Salem.
In dem Ostküstendorf wurden Ende des 17. Jahrhunderts 30 Männer, Frauen und Kinder wegen angeblicher Hexerei zum Tode verurteilt, die meisten starben am Galgen.
In der Verfilmung vom 1996 spielten Winona Ryder und Daniel Day-Lewis die Hauptrollen.

Programm Schlossspiele
Vom 14. bis zum 30. August stehen das Theaterstück „Hexenjagd“, Rock und Pop mit der Band „Fernsucht“, bitterböse Satire mit Lars Lienen, kabarettistische Anleitungen zum Glücklichsein von Lioba Albus, das Theater Mummpitz mit „Männerhort“ und eine Revue über Frank Sinatra „Sein Leben – Seine Musik“ von und mit Dario Weberg auf dem Programm.
Auch auf einen exklusiven Konzert-Genuss werden die Gäste nicht verzichten müssen.
Natürlich fehlen nicht die Schlossspiele-Klassiker wie der ökumenische Gottesdienst, der Lesewettbewerb, das Kinder- und Jugendballett sowie Theaterstücke für Kinder und Jugendliche und zum Abschluss der Sommerspiele der traditionelle Jazzfrühschoppen.
Premiere feiert „Hexenjagd“ am Samstag, 15. August, um 20 Uhr im Lindenhof des Schlosses. Der Innenhof steht wegen Sanierungsarbeiten nicht zur Verfügung. Bei schlechtem Wetter findet die Vorstellung im Hohenlimburger Ratssaal statt.
Weitere Informationen und Karten: www.schlossspiele.de.
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