Alte Heimat, neue Heimat: Spurensuche in Kasachstan

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Recherche in kasachischen Wohnstuben: Xenia Weber öffneten sich Archive und Herzen.
Vor rund einem Jahr ist Xenia Weber (26) in ihre Heimat Kasachstan aufgebrochen, um sich auf Spurensuche zu begeben. Ihr Ziel war, mehr über ihre Mutter herauszufinden, die starb, als sie selbst noch ein Kind war. „1998, als ich an der Hand meiner Mutter das Flugzeug verließ, das uns nach Deutschland brachte, konnte ich nicht ahnen, dass ihre Hand mich nicht mehr lange halten wird“, schrieb sie in ihrer Bewerbung auf das Pfad.finder-Stipendium der Universität Witten/Herdecke.

Sie bekam die Förderung, mithin ein Jahr Zeit an einem Roman über ihre Mutter und ihre Familie zu arbeiten. „Ich möchte noch nicht zu viel verraten“, sagt sie nun. „Aber ich habe viel über meine Mutter herausgefunden, das mir bisher immer anders erzählt wurde.“
So habe sie vor ihrer Recherche den Eindruck gehabt, dass ihre Mutter als jüngstes Kind sehr behütet und umsorgt worden sei und dadurch einen eher schwachen Charakter gehabt habe. „Das kann aber so nicht stimmen“, sagt Xenia Weber. „Immerhin hat sie als Einzige in unserer Familie den Mut aufgebracht, in ein anderes Land zu gehen, das ihr vollkommen unbekannt war und in dem sie die Sprache nicht verstand.“ Ein Grund dafür sei die Liebe zu ihrem Mann gewesen, der nach Deutschland gehen wollte. „Der andere Grund war ich“, sagt Xenia Weber heute. „Sie wollte, dass ich ein besseres Leben führen kann, als es in Kasachstan möglich war. Das rechne ich ihr sehr hoch an und bin ihr dafür dankbar. Mein Leben in Deutschland hat sich ja noch recht positiv entwickelt. Und so einen Schritt zu wagen ist für mich auf jeden Fall das Gegenteil von Schwäche.“
Die Recherche verlief ganz anders als geplant. „Ich habe gemerkt, dass ich, wenn die Geschichte vollständig sein soll, nicht bei meiner Mutter anfangen kann“, erzählt Xenia Weber. „Mir schien, als würde ein entscheidender Teil fehlen, wenn ich nicht zunächst über meine Großeltern schriebe.“

Verklärte Erinnerungen an die Sowjetunion

Also sprach sie nicht nur mit ihren Großeltern, sondern auch mit einer über 90 Jahre alten Cousine ihrer Großmutter und mit ihr völlig fremden Menschen aus ihrem Heimatdorf. Problematisch fand sie oft die Verklärung der Zeit vor dem Zerfall der Sowjetunion. „Für viele Leute dort war das die Zeit, in der noch alles in Ordnung war“, sagt sie. „Ich bin da anderer Meinung und habe dann über die Gulags, Vertreibungen und Menschenrechtsverletzungen gesprochen. Diese Diskussionen hatten für mich oft einen bitteren Beigeschmack.“
Persönlich habe sie das Jahr als erste Pfad.finder-Stipendiatin der UW/H auf jeden Fall weitergebracht. „Ich habe von Anfang an gewusst, dass es ein hartes, arbeitsintensives Jahr werden wird“, erzählt sie. „Und so ist es dann auch gekommen. Aber genau das wollte ich ja auch.“ Die Bewerbung auf das Stipendium empfiehlt sie „allen Leuten, die gerade zwischen zwei Lebensabschnitten stecken.“ Xenia Weber: „Wer ein gutes Projekt hat, an dem er mit Herzblut arbeiten kann, sollte sich bewerben und die Zeit produktiv nutzen. Das Pfad.finder-Stipendium ist eine hervorragende Möglichkeit, zu wachsen und seinem Ziel näherzukommen.“
Besonders spannend fand sie es, die Geschichte ihres Heimatlandes anhand des Stammbaums ihrer Familie nachzuvollziehen. „Dass mein Ur-Ur-Großvater enteignet und nach Sibirien vertrieben wurde, habe ich zum Beispiel nicht gewusst.“ Zudem haben sich im vergangenen Jahr weitere Veränderungen für sie ergeben. So beantragte und erhielt sie einen deutschen Pass und ließ im Zuge dessen auch ihren Namen eindeutschen. „Das ist aber nicht als Distanzierung zu Kasachstan zu sehen“, erklärt sie, „sondern mehr eine Formalie, zu der ich nun endlich die Zeit gefunden habe.“ Zudem traute sie sich „endlich“, sich am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig zu bewerben. „Dafür brauchte ich einfach einen guten Text, mit dem ich vollkommen zufrieden war. Den konnte ich in diesem Jahr schreiben. Ich bin dann auch zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden und habe tatsächlich einen Studienplatz bekommen“, freut sie sich. Am 1. Oktober wird sie dort beginnen.
Die Arbeit an ihrem Buch soll weitergehen. „Ich würde es gerne irgendwann veröffentlichen“, sagt sie. Der Titel steht schon fest: Auch der Schnee schmeckt anders.

Hintergrund:
Mit dem Pfad.finder-Stipendium möchte die StudierendenGesellschaft der UW/H ein Zeichen zur Entschleunigung des Bildungssystems setzen und jungen Menschen ein Jahr Zeit geben.
Diese Zeit sollen sie nutzen, um persönlich zu reifen und ein Projekt, das ihnen am Herzen liegt, umzusetzen.
Die Stipendiaten erhalten dazu monatlich 700 Euro. Das Stipendium ist nicht an ein späteres Studium an der Uni Witten/Herdecke gebunden.
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