Wider den Vorurteilen

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Wieder einmal wird eine ganze Gemeinschaft, bestehend aus ca. 300.000 Menschen, undifferenziert in einen Topf mit Kriminellen geworfen, die diese katastrophalen und unverzeihlichen Übergriffe und Vergewaltigungen von Frauen nicht nur in deutschen Städten, sondern wie es sich herausstellte, in ganz Europa zu verantworten haben. Die Mehrheit der hier lebenden Nordafrikanern, deren Eltern als Gastarbeitern in den 60er und 70er Jahren nach Deutschland kamen, haben sich in dieser Gesellschaft gut integrieren können. Die meisten gehen ihrem Beruf nach und kümmern sich um ihre Familien. Doch wie lassen sich diese Ereignisse wie in Köln erklären? Hierfür gibt es verschiedene Ursachen.
Zum einen lebt die nordafrikanische Community in Deutschland zurückgezogen. Der Kontakt zu den Einheimischen ist marginal. Obwohl diese Menschen seit Jahrzehnten in Deutschland leben durchlaufen sie eine andere Sozialisation, die weiterhin sehr stark von der Tradition Nordafrikas geprägt und bestimmt wird. Eine Tradition, die wiederum sehr stark religiös dominiert wird und durchaus im Wiederspruch zu den hier geltenden Gesellschaftsregeln steht. Insbesondere die Jugendlichen geraten in einen kulturellen Konflikt einerseits sich den deutschen Gepflogenheiten anzupassen, andererseits die von den Eltern mitgebrachten und weitergegebenen Traditionen der Herkunftsländer gerecht zu werden. In diesem Spannungsfeld zwischen der westlichen Lebensweise, die diesen Jugendlichen tagtäglich begegnet und dem Verantwortungsgefühl, ja sogar dem Pflichtgefühl gegenüber den Anforderungen und Wünschen der Eltern, die für die Einhaltung der ursprünglichen Tradition, gepaart mit Religiosität stehen, leben die meisten Jugendlichen. Diese ambivalente Haltung führt nicht selten zu Identitätskrisen, einhergehend mit Wiederständen gegenüber den hier geltenden Gesellschaftsregeln oder sie mündet sogar nicht selten in schulischen und beruflichen Scheitern. Bei einigen führt sie direkt in die Kriminalität.
Die Dichotomie, das heißt zwischen zwei Kulturen zu stehen, bedeutet, auf jede Frage der Gesellschaft mindestens zwei Antworten zu haben, die jeweils kulturell unterschiedlich geprägt sind. So existiert in vielen nordafrikanischen Familien nach wie vor eine gewisse Hierarchie, die eine männliche Dominanz vorsieht und die eine andere Frauenrolle zur Folge hat, als die Frauenrolle die die deutsche Gesellschaft kennt. Es ist kein Geheimnis, dass die Gleichberechtigung in vielen dieser Familien anders bewertet wird, als es die deutsche Gesellschaft kennt. Die Rolle der Frau in nordafrikanischen Familien wird anders definiert. Hier spielen weiterhin Kindererziehung und Familienfürsorge eine wesentlich größere Rolle als die Integration der Frau in den Beruf. Gleichzeitig erzwingt die hiesige Gesellschaft eine Anpassung, die zwangsläufig bei diesen Menschen zu schweren Gewissenskonflikten führen. Sich der deutschen Gesellschaft in allen Bereichen anzupassen bedeutet für sie die Aufgabe ihrer eigenen Traditionen und Werte. In ihren Augen ist das Verrat nicht nur an den eigenen Traditionen und Werten, sondern insbesondere an den eigenen Eltern. Dieser innere Konflikt mündet nicht selten in aggressivem Verhalten und in der Verweigerung, die hier geltenden gesellschaftlichen Spielregeln anzuerkennen und zu akzeptieren.
Diesen Menschen jedoch alleine für diese Entwicklung verantwortlich zu machen ist grundlegend falsch. Denn weder innerhalb der nordafrikanischen Community in Deutschland noch durch deutsche Behörden gibt es Bewegungen, die in diesen Bereichen ernsthaft und glaubwürdig aktiv sind. Vielmehr fühlen sich diese Jugendlichen in ihrer Haltung und in ihrer Unsicherheit durch Gruppierungen verstanden, die scheinbar diese Problematik verstanden haben und Lösungen anbieten können, die diese Jugendlichen aus Ihrem Gewissenskonflikt befreit. Daher fühlen sie sich durch radikal-religiöse Gruppierungen und Prediger, die die deutsche Lebensweise als unislamisch bezeichnen, verstanden und angenommen. Diese Entwicklung führt zu einer zunehmenden Radikalisierung der hier lebenden nordafrikanischen Jugendlichen und zur Verschärfung der Auseinandersetzung zwischen den Werten ihrer Eltern, die durch sogenannte Hassprediger und anderen islamistischen Bewegungen bewusst zugespitzt wird. Kurzum, man kann nicht verleugnen, dass es innerhalb der nordafrikanischen Community in Deutschland zu einer straken Rückbesinnung auf die eigenen Werte in den letzten Jahren gekommen ist. Sowohl die Mehrheit der hier friedlich lebenden Nordafrikanern als auch die deutschen Behörden haben diese Entwicklung unterschätzt. Die Moscheegemeinden sind aufgrund ihrer defizitären Strukturen und ihrer Konzeptlosigkeit hinsichtlich Jugendarbeit, Aufklärung, Seelsorge sowie Extremismusbekämpfung gescheitert. Einige von diesen Gemeinden fördern sogar diesen Prozess. Die gleiche Problematik finden wir bei den islamischen Verbänden. Diese Verbände sind entweder nationalistisch ausgerichtet oder vertreten Ideologien, die eine solche Entwicklung indirekt fördern. Es gibt keinen Verband, keine Institution, die sich dieser Problematik mit entsprechender Expertise angenommen hat.
Hierunter leiden insbesondere die Nordafrikaner, die sich hier heimisch fühlen und gerne in diesem Lande leben und eine Bereicherung für diese, unsere deutsche Gesellschaft sind. Denn die Massenmedien, die die Bevölkerung massiv beeinflussen, neigen zu Verallgemeinerungen, auch weil sich unreflektierte Schlagzeilen besser verkaufen lassen.
Diese Randgruppen innerhalb der nordafrikanischen Community dominieren das Bild des in Deutschland lebenden Nordafrikaners in den Massenmedien und prägen so ein Bild in der deutschen Bevölkerung, die nur zum Teil der Realität entspricht. Der hier friedlich lebende und im Beruf sehr erfolgreich lebende Nordafrikaner geraten in den Hintergrund und werden konsekutiv stigmatisiert.
Diese Entwicklung ist Besorgnis erregend. Daher ist es erforderlich, dass diese Problematik offen, ehrlich und kritisch diskutiert wird. Wir müssen zum Diskurs zurückkehren, um die Defizite zu erkennen, um gemeinsam adäquate Lösungen zu erarbeiten und umzusetzen. Hierzu gehört aber auch die Professionalisierung der Moscheegemeinden. Zudem ist der Aufbau einer effizienten Jugendarbeit erforderlich. Ferner muss auch im psychosozialen Bereich mehr unternommen werden, um nicht nur bereits vorhandene Konflikte zu lösen, sondern prophylaktisch zu arbeiten. Diese Arbeit kann weder alleine von der nordafrikanischen Community, noch alleine von den Deutschen Behörden bewältigt werden. Vielmehr ist hier eine Zusammenarbeit zwischen den deutschen Behörden und den moderaten Kräften innerhalb der nordafrikanischen Community erforderlich, um die Spirale der Vorurteile, aber auch des zunehmenden Auseinanderdriftens dieser Kulturen zu verhindern.

Dr. Mimoun Azizi, M.A.
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Drs. Pol. (NL) Monika Eskandani aus Essen-Süd | 10.02.2016 | 18:37  
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