Zauberhafter Ziegelstein

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Besserer Service, ein bisschen mehr Gemütlichkeit: Daniel Sullivan verfolgt klare Ziele. Fotos: hfs, Agentur
Hagen: Kulturzentrum Haspe |

Ausgerechnet Großburgwedel! Jener wenig ansehnliche Flecken in der norddeutschen Tiefebene, der durch das Einfamilienhaus eines kurzzeitigen Bundespräsidenten traurige Berühmtheit erlangte, war Daniel Sullivans erste Station in Deutschland. Damals stand Wulffs Ziegelklause noch nicht und der Schüleraustausch dauerte nicht ewig. Wahrscheinlich nur deshalb hegt der Mann aus einem Vorort von Minneapolis keinen Groll gegen die Bundesrepublik.

Das Gegenteil sei der Fall, versichert er beflissen. Einiges halte er sogar für vorbildlich. Bei einem Begriff wie „kommunale Kulturförderung“ findet das Lächeln kaum noch Platz in diesem an sich schon überdurchschnittlich freundlich dreinschauenden Gesicht.
Seit August steht der Mittvierziger der Lachfabrik am Hasper Bach vor. „Seitdem habe ich keinen Arbeitstag erlebt, der wie der davor war“, erzählt er im Plauderton. „Das ist spannend, lässt mir aber auch meine wenigen Resthaare ausfallen.“ Nun war es nicht so, dass er vor Kraft nicht laufen konnte, als er den Job antrat (das bestätigen alle, die mit ihm zusammenarbeiten), aber dieser Kulturmanager wusste schon ziemlich genau, was er erreichen möchte. Und wieviel Zeit das kosten würde.
Etliche Punkte auf dem, was nur in Deutschland „To-Do-Liste“ genannt wird, sind abgehakt. Darunter finden sich vermeintliche Nebensächlichkeiten wie „mehr Gemütlichkeit“ im Kundenbüro aber auch die Plackerei mit der Buchhaltung. „Die ist umgestellt“, bei dieser Vollzugsmeldung klingt Erschöpfung mit. Selbstverständlich aber war es keine Aufgabe für einen Mann und seine Ärmelschoner. Auch dem Kassenprüfer und dem Steuerberater gebühren Verdienste.
Erreicht ist, was Sullivan als „transparente Struktur“ bezeichnet. Auf einen Blick sei zum Beispiel nun ersichtlich, welcher Gast sich (zumindest mutmaßlich) bei welchem Kabarettisten amüsierte. Der nächste Auftritt dieses Künstlers sollte nicht unbemerkt stattfinden. Kundenbindung bei Kleinkunst.
Achtung, Vorurteile: Haben wir es mit einem typischen Amerikaner zu tun? Nein, denn er fährt Bahn und keinen Achtzylinder. Doch, schließlich versteht er (trotzdem?) etwas von Service. Der muss auch im Netz erstklassig funktionieren, weshalb die Homepage des Hasper Hammers einer sehr, sehr gründlichen Revision unterzogen wird. Die Programmierer wissen Bescheid, worauf es ankommt. „Sicherheit beim Online-Bezahlen geht vor Design!“ hat Sullivan oben aufs Lastenheft geschrieben. Dieser Aufgabe nehmen sich Profis an, daran führt kein Weg vorbei. Für (fast) alles andere kann sich der Bühnenmensch auf ehrenamtliche Mitarbeiter verlassen. Mit dieser Mischform kommt er gut zurecht, auch wenn er sich erst eingewöhnen musste. „Ich habe mich ganz zu Anfang auf die Basisarbeit hinter den Kulissen konzentriert.“ Die Belegschaft dankt es mit angenehmem Betriebsklima.
Sullivan arbeitet seit 2004 in Deutschland. Bevor er sich in Haspe bewarb, war er am Tanzhaus NRW in Düsseldorf und anschließend sechs Jahre als Disponent am Musiktheater Dortmund tätig. Den Einstieg in die Kulturwelt ermöglichte dem Studenten das Minnesota Orchestra. Später wurde er Assistent der Geschäftsführung am Grand 1894 Opera House in Galveston (Texas). Und wenn wir noch weiter in die Vergangenheit vorstoßen, sehen wir ihn blutjung und mit vollem Haar in einem frisch renovierten Altbau.
Sullivan hat nämlich Architektur studiert. Er entwickelte die Geschäftsidee, entkernte Industriebauten mit eigener Hände Arbeit zu sanieren und mit bescheidenem Gewinn zu verkaufen. Damit kein falscher Eindruck aufkommt: Die Baustellen dienten gleichzeitig als Behausung. „Das ging eine Zeit lang recht gut, aber es war furchtbar anstrengend.“
Vielleicht auch prägend, die schrundige Fabrikästhetik scheint ihn nicht loszulassen. An der derzeitigen Wirkungsstätte nicht, wo alles noch so nach Maloche aussieht und auch riecht, auch wenn kein Hasper Gold mehr in der Luft liegt. Interessanterweise aber auch in der mondänen Landeshauptstadt, die ihrem Tanzpalast ein altes, ziegelrotes Straßenbahndepot zuwies. Backstein, wie bei Wulffs dann doch einwandfrei finanziertem Eigenheim.
Gewisse Ähnlichkeiten mögen die Häuser durchaus aufweisen. Was sich in ihnen abspielt, ist grundverschieden. Kernfrage: Wie steht der Amerikaner zur deutschesten aller Künste? „Meine Beziehung zum politischen Kabarett“, sagt Sullivan und fährt ohne Denkpause fort, „ist eine rein technische. Unsere Bühne eignet sich eben nicht für große Musical-Produktionen.“
Dass der linksliberale Frontalunterricht eines Volker Pispers aber keineswegs die einzige Darreichungsform dieser Art von Theater ist, erfüllt den Hauschef, der eben kein Programmdirektor sein will, mit Dankbarkeit. „Ich habe mich sehr gefreut, dass ich meinen Job mit einem Auftritt von Nessi Tausendschön beginnen durfte.“
Was die Auswahl der Künstler angeht, vertraut er seinem Beirat. Vor jedem Gastspiel verschafft er sich einen Eindruck auf Youtube. Das gilt aber nur für gebuchte Humorfacharbeiter. Bewerbungen muss er schon aus zeitlichen Gründen ignorieren. „Sie glauben ja nicht, wieviele stolze Eltern es da draußen gibt, die meinen, ihr Kind müsse unbedingt eine Chance bei uns bekommen!“
Sullivan ist viel zu wissbegierig, intellektuell und emotional zu aufgeschlossen, um dem Phänomen Kleinkunst rein pragmatisch zu begegnen. „Ich bin sehr neugierig und lasse mich gern überraschen und begeistern. Ich bin sehr gespannt, was es mit dieser Travestie-Show Ham & Egg auf sich hat. Die spielen hier schon seit Jahren immer kurz vor Weihnachten und die Vorstellungen sind im Handumdrehen ausverkauft. Ich habe das Gefühl, das ist ein spezieller Hasper Adventsbrauch.“ Die Niederkasseler Beamten Dilthey und Schmitz, die Peter Frankenfeld, selig zu seinen besten Zeiten als „Paradiesvögel“ angesagt hätte, dürfen auf Sullivans ungeteilte Aufmerksamkeit hoffen, und sei es nur aus ethnologischem Interesse.
Das pekuniäre ist ja befriedigt. Und bitte nicht nur an diesen drei Abenden, möchte man Sullivan und dem Hammer wünschen.
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