Römischer Lastkahn: Eine Göttin auf der Lippe

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Das Team steuerte die Nehalennia über die Lippe. Luftbild: APX
 
Die Archäologen Ingo Martell (l.) und Dr. Gabriele Schmidhuber-Aspöck, und natürlich besonders der Schiffsbaumeister Kees Sars (r.), waren stolz auf ihr Projekt. Foto: Borgwardt
 
15 Meter lang, 260 cm breit und mit einem Tiefgang von nur 50 cm kann das Plattbodenschiff rund 10 Tonnen Last tragen.

Von 2000 Jahre alten Planken im Schlamm hin zum funktionierenden Schiff: Mit der Rekonstruktion eines römischen Lastkahns haben Archäologen und Handwerker ein Stück Geschichte wieder auferstehen lassen. Nun wurde es auf der Lippe getestet - und die Fachwelt war begeistert.

Wasser schwappt zu beiden Seiten des breiten Eichenrumpfes, als Kees Sars breitbeinig stehend mal den einen, dann den anderen Fuß belastet. Eine Woge scheint durch den 15 Meter langen und 260 Zentimeter breiten Rumpf zu gehen, der sich nun elastisch wie eine Schlange auf den Wellen wiegt. Der Stolz des hochgewachsenen Schiffsbauers ist nicht zu übersehen, so breit ist das Lächeln auf seinem Gesicht. "Die Konstruktion ist noch besser, als ich erwartet habe", strahlt der Niederländer. Was hier unter dem 53jährigen auf der Lippe verankert ist, hat man dort seit 2000 Jahren nicht mehr gesehen: Eine römische Fähre, komplett nach Vorbild rekonstruiert, und nach einer Flussgöttin auf den Namen "Nehalennia" getauft.

"Das Original wurde 1991 bei Auskiesungsarbeiten in Xanten entdeckt", doziert Ingo Martell. Der Archäologe, der für die Öffentlichkeitsarbeit im Archäologischen Park Xanten (APX) verantwortlich zeichnet, steht mit neugierigen Besuchern am Ufer der Lippe. Hier verkehrt sonst die stählernde Zugseilfähre "Baldur", die an schönen Tagen Radfahrer und Ausflügler per Muskelkraft auf die andere Seite bringt. Jetzt aber steht Martell vor dem flachen Eichenboot und erklärt einigen Besuchern, was sich hier auf den Fluss verirrt hat. "Die Nehalennia ist das erste Römerschiff in Deutschland, das komplett vor Publikum mit historischen Mitteln nachgebaut wurde", freut sich Martell. Tatsächlich konnte man in Xanten über Monate verfolgen, wie zwischen Februar und November 2014 aus einzelnen Planken ein ganzes Wasserfahrzeug entstand.

Keine Spielerei, sondern sinnvolles Projekt


Aber warum rekonstruiert man ein solches Boot überhaupt? Für Dr. Gabriele Schmidhuber-Aspöck ist die Nehalennia alles andere als eine geisteswissenschaftliche Spielerei. Die promovierte Archäologin leitet das Projekt und ist jetzt schon begeistert von den vielen neuen Erkenntnissen, die sich für die Wissenschaft durch den Nachbau sammeln lassen. "Wir konnten herausfinden, wie die Boote gebaut wurden, wie sie sich steuern lassen und wie groß die Mannschaften sein mussten, um eine solche Fähre zu bedienen", erklärt die junge Expertin des APX.

Und noch mehr: Während des gesamten Baus konnten sich Besucher über den Fortgang der Arbeiten informieren und dadurch sehr anschaulich römische Schiffbaugeschichte lernen. Die Arbeiten wurden mit Hilfe von 40 Jugendlichen und jungen Erwachsenen durchgeführt, die auf dem Arbeitsmarkt nur schwer zu vermitteln sind und nun bei künftigen Bewerbungen auf ein erfolgreiches Projekt verweisen können. Und dazu kommt noch der Wissensgewinn für die Archäologen und Historiker, die anschauliche Vermittlung von Geschichte, und die Sicherung von Arbeitsplätzen im musealen und handwerklichen Bereich. "Das ganze Projekt wurde komplett aus Fördermitteln finanziert", so Schmidhuber-Aspöck. 500.000 Euro standen zur Verfügung - auf den ersten Blick eine große Summe. "Von dem Geld wurden aber neben dem Material, Transport und der Versicherung natürlich auch die Löhne bezahlt", betont die Archäologin. Insofern sei der Umfang des Budgets völlig im Rahmen für ein solches Unternehmen.

Ein großes Puzzle mit 6000 Nägeln


In den richtigen Rahmen mussten natürlich auch die Planken für das Schiff eingepasst werden. Bei der Rekonstruktion stellten die Schiffsbauer schnell fest, dass die rechtwinkligen Spanten nicht über dem Feuer in Form gebracht werden konnten, wie die sonstigen Eichenplanken. "Ich war allein neun Mal jeweils drei Tage lang in Dänemark, um die passenden Eichen für die 45 Spanten zu finden", erklärt Schiffsbaumeister Kees Sars, der schon an vielen renommierten Rekonstruktionen beteiligt war. Die Mühe hat sich gelohnt: Jede Planke und jeder Nagel ist genau an der richtigen Stelle. "Es ist im Grunde ein riesiges Puzzle", so Dr. Schmidhuber-Aspöck. 6000 Nägel wurden von Hand geschmiedet, 20 Kubikmeter Eichenholz verbaut.

In der Praxis gut zu steuern


Und wie fährt sich das fünf Tonnen schwere Gefährt? Überraschend einfach, fanden die Experten heraus - dank der sogenannten Gierseiltechnik. "Wir haben ein Seil stromaufwärts in der Flussmitte verankert", erklärt Sars, "von dort aus läuft das Seil bis kurz vor dem Boot in einem Strang, bevor er sich wie bei einem Ypsilon in zwei Arme spaltet. Jedes der beiden Seile ist an einem Ende des Bootes vertäut. Verkürzen wir jetzt das eine oder das andere Seil, ändern wir den Winkel, in dem das Boot zur Strömung steht - und schon treibt uns der Fluss hinüber." Mit dieser Technik konnten die Römer ganze Ochsenkarren oder viele Soldaten ohne Anstrengung übersetzen. "Erst durch diesen Test wissen wir sicher, dass unsere Theorie von einer Fähre richtig ist", betont Martell. Auch mit Staken und Riemen konnte das Fahrzeug mit einer kleinen Mannschaft bewegt werden. "Wir haben es zu viert gut hinbekommen", freut sich Dr. Schmidhuber-Aspöck, "aber ein eingespieltes Team schafft es vermutlich auch zu zweit."

Als ideal hatte sich dabei auch die ausgesuchte Stelle erwiesen: Wo sonst die Lippefähre Baldur verkehrt, war die Strömung stark genug, um das Gieren zu ermöglichen, und die flachen Ufer ließen die Nehalennia sanft anlanden. Nur beim Ein- und Ausheben des Bootes mittels eines Spezialkrans hielten die Experten noch einmal die Luft an - würde das Schiff die Längsbelastung aushalten? "Ich hatte daran natürlich keinen Zweifel", grinst Kees Sars, ganz der stolze Baumeister.

Zurück in Xanten


Inzwischen ist die Nehalennia wieder in Xanten zu sehen, wo sie zu besonderen Gelegenheiten zu Wasser gelassen werden soll. Die meiste Zeit wird sie aber als Ausstellungsstück auf dem Trockenen liegen. "Die Wartungskosten wären sonst zu hoch", bedauern die Experten. Das nächste Projekt steht aber schon an: Demnächst sollen historische Einbäume rekonstruiert werden, die als einfache Wasserfahrzeuge für den Verkehr auf der Lippe eingesetzt worden waren.
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Monika Wübbe aus Marl | 07.07.2015 | 18:33  
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Eckhard Schlaup aus Gladbeck | 07.07.2015 | 21:16  
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