Iranisch-arabisch-deutsches Familientreffen – Wenn Grenzen verschwimmen

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Wer ist Flüchtling? Wer ist alteingesessen? Wer ist neu hier und wessen Erfahrungen helfen eigentlich wem weiter?
Diese Fragen stellen sich mir momentan beim ersten Treffen meiner über den ganzen Erdball verstreuten Familie nach über zwanzig Jahren!


Meine Nichten Nassim und Ava aus dem Iran, die ich seit Kindertagen in Shiraz nicht mehr gesehen habe, sind überraschend zu Besuch in Haltern am See. Die beiden studieren seit fünf Jahren Jura bzw. Design in Stockholm. Nassim hatte ihr Studium in der Heimatstadt Shiraz bereits abgeschlossen und als Rechtsanwältin gearbeitet. Die Laufbahn als Richterin blieb ihr verwehrt. Der Grund: Nassim ist „nur“ eine Frau.

Anlass genug für die junge Frau nach Schweden auszuwandern, wo seit den achtziger Jahren schon ihr Onkel lebt. Die jüngere Schwester nahm sie gleich mit. Auch sie soll als Frau ihre Talente und Fähigkeiten beruflich umsetzen dürfen. Nach dem erfolgreich abgeschlossenen Sprachlehrgang konnten sie sich in der Uni einschreiben. Dass beide ihr Studium eigentlich längst hinter sich haben ist manchmal deprimierend, manchmal hilfreich.
Im vergangenen Jahr gelang auch ihren Eltern und Brüdern endlich die Ausreise aus dem Iran. In Stockholm warten sie nun auf ihre Anhörung als Asylbewerber.

Für meine in Nordafrika aufgewachsenen Töchter ist es das erste Treffen mit ihren Cousinen. Dementsprechend viel haben sie sich zu erzählen. Die Verständigung kommt manchmal ins Stocken und ich muss immer wieder zwischen ihnen hin und her übersetzten – aber die Chemie stimmt sofort! Begeistert stellen alle die große familiäre Ähnlichkeit fest und tauschen eifrig Fotos auf ihren Handys aus. Auch Studientipps stehen neben dem Austausch von landestypischen Kochrezepten groß auf dem Programm. Als meine Eltern zum Kaffee kommen und sich dann noch per Handy Onkel, Tante und Cousins aus Schweden zuschalten ist das Familientreffen perfekt.

Für die nächsten Tage stehen neben weiteren Verwandtenbesuchen Stadtbummel und Sightseeing an. Die beiden sind begeistert von der Altstadt und der Schönheit unserer Natur. Als eingefleischte Fußballfans darf natürlich auch die Teilnahme am Public-Viewing des Deutschland-Polen-Spiels nicht fehlen.

Dieser Besuch ist sicher nicht der einzige, sondern erst der Anfang einer Bindung, die sich meinen Töchtern und Nichten erst durch die „Flüchtlingskrise“ erschlossen hat. Es zeigt einmal mehr, dass das Fremde nur so lange fremd ist wie wir es nicht kennen. Dass mich die Flüchtlingskrise ganz persönlich betrifft, empfinde ich selbst nun als Glücksfall.
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