Praktikanten als Archäologen bergen römische Funde und Spuren des Militäralltags

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Eine der zahlreichen Gruben, die sich als dunkle Verfärbungen im Boden abzeichnen, werden von den Grabungshelfern und Archäologen dokumentiert. (Foto: LWL/Tremmel)
 
Gemeinsam ran ans Arbeitsgerät: Viele Helfer unterstützten die Archäologen bei ihrer Ausgrabung in Haltern (Foto: LWL/Tremmel)

Haltern. Schuhnägel, Amphorenfragmente, Schlackereste, Holzkohle, Tierknochen, die Spuren der Lagerumwehrung und womöglich die Überreste des Fundaments für einen Turmpfosten: Bei den Vorbereitungen für einen Neubau offenbarte der Boden in Haltern für die Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) jetzt Einblicke in das alltägliche Leben, das sich im Inneren des ehemaligen römischen Hauptlagers abspielte. Eine Kulisse, die für junge Praktikanten wie geschaffen war. Schülerpraktikanten bereichern immer wieder die Ausgrabungen der LWL-Archäologen: Sie interessieren sich für Geschichte und Archäologie und erleben auf diese Weise, wie der Alltag und die Arbeitsmethoden der Forscher aussehen.

Für die Archäologen gehört es zum Alltag, Eingriffe in den Boden auf all jenen Flächen in Haltern mit Ausgrabungen zu begleiten, auf denen die Römer vor mehr als 2.000 Jahren ihren militärischen Stützpunkt für die Eroberung der germanischen Gebiete an der Lippe errichtet hatten. Dort finden sich Spuren des Lagerleben, sso auch an der Varusstraße. Hier waren zunächst die Holzpfosten der drei Meter breiten Lagermauer, die aus einer mit Erde verfüllten Holzverschalung bestand, für die Archäologen deutlich im Boden zu sehen. Die hölzernen Pfosten selbst sind vergangen, sie hinterlassen aber dunkle Spuren in den sogenannten Pfostenlöchern. "Eine dieser Pfostengruben fiel dadurch auf, dass sie größer war als die anderen und eine quadratische Form anstelle der sonst üblichen runden hatte", schildert Grabungsleiterin Bettina Tremmel. Eventuell könnte hier früher ein Zwischenturm gestanden haben.

Dunkle Verfärbungen im Boden


Die Mauer war zudem in der ehemaligen Südostecke des Hauptlagers über älteren Abfallgruben errichtet worden. "Das spricht dafür, dass es sich bei diesem Teil der Lagerumwehrung um eine spätere Erweiterung des Lagers nach Osten handelte", erläutert Tremmel. In den Gruben fanden sich noch Spuren von den Dingen, die von den Römern als Abfall entsorgt wurden. Darunter ein so genannter Belgischer Becher - ein für diese Region seltenes, dunkelrotes Gefäß, das insbesondere in der römischen Provinz Gallia Belgica hergestellt wurde. Von diesem Becher konnten so viele Fragmente von den Archäologen ausgegraben werden, dass sich seine ursprüngliche Form rekonstruieren lässt.
In einer zu römischer Zeit fast zwei Meter tiefen Grube entdeckten die Archäologen die Überreste organischer Abfälle wie einen Schweinekiefer und Röhrenknochen, die Hinweise auf den Speisezettel der Legionäre geben. Außerdem kamen Holzkohle, Schuhnägel, ein großer Brocken von Eisenschlacke als Hinweis auf handwerkliche Tätigkeiten und auch die Scherben von Amphoren als große Transport- und Lagergefäße zum Vorschein. All dies wurde in Abfallgruben in der Via Sagularis entsorgt - der großen Ringstraße, die das Lager im Inneren umrundete. Insgesamt drei Wochen lang haben ehrenamtliche Helfer die Archäologen bei den Ausgrabungen unterstützt, ebenso wie studentische Praktikanten aus Kiel, Berlin und Münster. Hinzu kamen Grabungshelfer, die vom Sozialamt Haltern vermittelt wurden.

Auch Flüchtlinge packten mit an


Zudem packten Flüchtlinge mit an. Auch ungewöhnliche Helfer mit großer Neugierde bereicherten das Ausgrabungsteam. Die elfjährige Isabel beispielsweise konnte im Vorfeld ihres eintägigen Besuches auf der Ausgrabung vor Aufregung nicht schlafen, so sehr freute sie sich darauf, endlich einmal Archäologen aus allernächster Nähe bei der Arbeit zu beobachten. Bei ihrem Tagespraktikum durfte sie selbst mithelfen und ihre eigene Schaufel einsetzen. "Archäologie ist so spannend", erzählt Isabel, "ich möchte unbedingt selbst Archäologin werden." Sie durfte die Funde aus dem Boden hervorholen, in Fundtüten verstauen und anschließend im Grabungshaus die Scherben und weiteren Funde "waschen" und vom Schlamm befreien. "Dabei erkennt man erst genau, um welche Objekte es sich handelt", schildert Isabel. Sie wusste schon vorher alles über die Römer, die in Haltern stationierten Legionen und über die Varusschlacht. Wie sich 2.000 Jahre alte Schlacke anfühlt, wie ein römischer Schuhnagel aussieht und welche wertvollen Informationen für die Datierung in der Holzkohle stecken: Das alles lernte sie an diesem einen Tag. Zum Abschied probiertesie eine römische Sandale an.
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