In Haltern zu Hause, in Herat daheim

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Latifa Seljukis autobiographischer Roman "Nazow" in zwei Teilen.
 
In einer Bibliothek in Herat werden Saljukis Bücher ausgegeben.
 
Bombenanschlag in Kabul Anfang Juni 2017
 
Latifa Seljuki zuhause un Afghanistan
Latifa Seljuki setzt sich ein für die Rechte afghanischer Frauen und Männer. Mit ihrem Buch "Nazow" berichtet sie über das Leben in zwei Welten und möchte damit aufklären und Mut machen.

Seit 26 Jahren lebt Latifa Seljuki in Haltern am See. Anfang der neunziger Jahre floh die heute 62jährige mit ihrer Familie aus dem kriegsgebeutelten Afghanistan. Über die Möglichkeit, hier in Frieden und relativem Wohlstand zu leben, ist sie sehr glücklich. Sie fühlt sich wohl hier, ist bestens integriert. Dennoch hat sie oft Heimweh. Eine dauerhafte Rückkehr nach Afghanistan ist ausgeschlossen. Die derzeitigen Debatten Afghanistan zu einem sicheren Herkunftsland zu erklären, erfüllen Sie mit Entsetzen.

Dabei ist Latifa eigentlich nie ein politischer Mensch gewesen. Aufgewachsen in Herat, im Nordwesten Afghanistans, in einer liebevollen und für afghanische Verhältnisse offenen Familie, spielten auch die strengen, religiösen Vorstellungen ihres Heimatlandes keine große Rolle für sie. Bis der Krieg alles veränderte.

Von der afghanischen Großstadt gelangte die Familie auf Umwegen ins ländlich-beschauliche Haltern. Die Umstellung hätte krasser nicht sein können. In einer zur Asylunterkunft umfunktionierten Grundschule fanden sie eine erste, geräumige Bleibe. Zwar bestand das Problem der Unterbringung der Flüchtlinge schon damals für die Kommunen, mit der Situation heute aber war sie nicht zu vergleichen, erzählt Latifa. Raumnot bestand für die Familie nicht, dennoch war die Zeit der Eingewöhnung nicht immer leicht. Mit dem Willen sich schnell zu integrieren, anzukommen in der neuen Heimat und akzeptiert zu werden, gelangen ihr die ersten Schritte in ein neues Leben. Heute setzt sie sich mit ihrer Erfahrung ein für ihre Landsleute in Deutschland und in der fernen Heimat.

Not macht Menschen verführbar

Mit der derzeitigen Flüchtlingswelle kamen erneut Tausende Afghanen nach Europa - überwiegend junge Männer. Beseelt von der Hoffnung hier schnellstmöglich Fuß zu fassen und die Familie nachzuholen, leben viele von ihnen in Behausungen, die diese Bezeichnung oftmals nicht verdienen. Latifa besucht ihr Landsleute vor Ort und übersetzt bei Behördengängen. Was sie hier sieht, erschreckt sie. Ihr selbst ist es bei ihrer Ankunft besser ergangen. Zusammengepfercht teilen sich heute oft über 100 Menschen verschiedenster Herkunft, Kulturen, Religionen und Sprachen den engen Raum. Da sind selbst bei Kleinigkeiten Auseinandersetzungen vorprogrammiert.

Latifa erklärt: "Nach dem ersten Schock wollen viele zurück. Gefragt warum sie sich überhaupt auf den beschwerlichen und gefährlichen Weg gemacht haben, antworten sie, die Wirklichkeit decke sich nicht im geringsten mit den Aussichten, die ihnen die teuer bezahlten Schlepper versprochen hätten. Die Not macht viele leichtgläubig.

Dabei gilt Afghanistan nicht einmal als wirkliches Krisengebiet - in einigen Regionen ist es relativ ruhig. Wer es tatsächlich bis in den goldenen Westen schafft, hat geringe Chancen auf dauerhaftes Asyl. Die Rückkehrer, egal ob freiwillig oder abgeschoben, haben kaum Möglichkeiten in ein halbwegs normales Leben zurückzukehren. Arbeitslosigkeit droht, die argwöhnische Beobachtung durch die Taliban und nicht selten auch eine gewisse Verachtung der eigenen Familie. Rückkehrer aus Europa gelten in vielen Ländern als Versager. Die Aussichtslosigkeit treibt viele in die Hände der Taliban. Der psychische Druck ist enorm hoch und macht krank." Befürworter der Abschiebung erhoffen sich mit dieser Maßnahme, der AFD ein Stück weit das Wasser abzugraben.
Menschenrechtsorganisationen warnen vehement davor. Viele Afghanen sterben im Bürgerkrieg, durch Folter, durch Terroranschläge oder in Gefängnissen. Eine Besserung der Lage ist nicht in Sicht.

Roman als Aufklärung gegen Unterdrückung und Gewalt

Ihre Erlebnisse, gute wie schlechte, schöne wie todtraurige, hat Latifa Seljuki auf ihre Weise verarbeitet. Sie begann schon früh zu schreiben, so wie es in Herat, der "Stadt der Poesie", viele Menschen machen und damit der oft grausamen Wirklichkeit für eine Weile entfliehen. Bei Latifa ist ein Roman in zwei Teilen daraus geworden, aufgelockert mit eigenen Gedichten. Er erzählt stellvertretend für sie selbst, die Geschichte von Nasow, einem afghanischen Mädchen. Die bürgerliche Enge stört sie schon in jungen Jahren. Als sie sich unglücklich verliebt, wird die erzwungene Geheimhaltung zur Qual. In ihrer Verzweiflung vertraut sie sich einer Freundin an und fliegt auf. Für Nasow ist dies der Punkt, Gesellschaft, Kultur und Tradition infrage zu stellen. Das junge Mädchen beginnt zu rebellieren. Überall dem tobt der Krieg. Von allen Seiten erfährt das junge Mädchen die unbarmherzige Härte des Lebens in Afghanistan.

Nazows Bestimmung scheint vorgegeben. Sie ist die schicksalhafte Bestimmung vieler Mädchen und Frauen in Afghanistan. Aber Nazow widersetzt sich und so macht ihr Werdegang trotz aller Anstrengungen und Rückschläge, die sie erlebt, auch Hoffnung. Und Mut! Nazow ist es gelungen sich zu befreien aus dem engen Korsett gesellschaftlicher Konventionen, religiöser Verpflichtungen und aus dem Elend des Krieges, in dem Tausende ihrer Landsleute fest verstrickt sind. Zugegeben - Nazows Schicksal hat es gut mit ihr gemeint, trotz aller Widrigkeiten. Für die überwiegende Zahl ihrer Landsleute wird diese Form der Befreiung ein Traum bleiben.

Für Latifa ist ihr Buch ihr Beitrag, Emazipation und Bildung für alle zu ermöglichen und auch der Armut damit entgegen zu treten. Das Buch kommt bei afghanischen Frauen gut an. Die aus deutscher Sicht harmlos beschriebenen Liebesszenen, sind in dem islamischen Land durchaus ungewöhnlich - vor allem deshalb, weil die Initiative von einer Frau ausgeht. Aber es wird gekauft und gelesen. Es stellt Konventionen in Frage und räumt auf einfühlsame Weise mit alten Tabus auf. Der Erlös fließt zu hundert Prozent in Hilfsorganisationen, die sich ebenfalls für die Rechte und die Bildung von Frauen engagieren.

Hilfe zur Selbsthilfe

Latifa ist dankbar für den Schutz, die herzliche Aufnahme und die Lebensgestaltung, die ihr in der fernen Heimat so sicher nicht möglich gewesen wäre. Dennoch - wie Politik und Behörden das derzeitige Flüchtlingsproblem handhaben, macht sie wütend. “Nach einer so langen Vorlaufzeit (schließlich kommen nicht erst seit 2015 Asylsuchende ins Land) hätte man vorausschauender mit der Situation umgehen müssen,“ sagt sie. Sie möchte nicht auf die unkontrollierte Einwanderung eingehen, die im übrigen nicht nur der deutschen Bevölkerung zu schaffen macht. Sie möchte eine Angelegenheit ansprechen, die nicht erst jetzt und nicht nur in Deutschland schon vor Jahren zum Thema hätte werden müssen: Sie möchte deutlich machen, dass die Ausbeutung Afghanistans auch durch die Nachbarländer erfolgt. Die verschiedenen Terrororganisationen sind zudem durch massive Waffenlieferungen der westlichen Welt unterstützt worden.

Ein weiteres Problem sieht Latifa in der Art wie Hilfe ins Land kommt. In Deutschland in Sicherheit lebend, lässt sie das Schicksal ihrer Landsleute in der fernen Heimat nicht kalt. “In einem von Kriegen und Elend zerrütteten Land geboren und aufgewachsen zu sein, bedeutet nicht, es nicht zu lieben. Das Schicksal Afghanistans liegt mir zutiefst am Herzen und sein Leid ist auch meines,“ betont sie und ihre Stimme beginnt zu zittern. Seit Jahren fliegt sie allen Widrigkeiten und Gefahren zum Trotz regelmäßig nach Herat um zu helfen wo immer ihr möglich ist.

Ein Jahr lang hat sie im Auftrag des Wasarat e Daghelawie, des afghanischen Innenministeriums, an einer Polizeiakademie als Dolmetscherin für deutsche Soldaten gearbeitet. Es ging um Hilfe für das afghanische Volk, hatte man ihr gesagt. Ihre Übersetzertätigkeiten beschränkten sich dann allerdings auf Anleitungen zur Leibesvisitation, zu Festnahmen und zu Schießübungen. Sie war enttäuscht. Konstruktive Hilfe hatte sie sich anders vorgestellt.

Das Land wird seit Jahrzehnten von außen durch die Nachbarländer terrorisiert und von innen von Taliban, Mudschaheddin und Dahesh. Eine schwache Regierung begünstigt die Bildung solcher radikalen Gruppierungen, die jede für sich ihre Territorien beanspruchen und diese zum Teil mit brutalster Waffengewalt annektieren. Die Frage, die Latifa beschäftigt, ist die nach der genauen Herkunft dieser Waffen.

Allein die blutigen Auseinandersetzungen, die sich Sunniten und Schiiten im Land liefern, sind eine extreme Belastung für das Volk; die brutale Kontrolle der Taliban und anderer religiös orientierter Gruppierungen, tun ein übriges. In einem Land, in dem Frauen und Mädchen es schon traditionell schwer haben, ist Zugang zu Bildung und Arbeit für die weibliche Bevölkerung nahezu unmöglich geworden. Daher ist sie auch Mitglied einer Organisation, die sich gezielt für Frauen und Mädchen einsetzt.

Die Hilfe ist nicht ungefährlich. Von Seiten des afghanischen Innenministers ist ihr beim letzten Besuch ein Bodyguard mit Fahrzeug zur Seite gestellt worden, der sie auf allen Touren durch das Land begleitete. Ein hundertprozentiger Schutz war auch das nicht. Passiert ihr glücklicherweise nie etwas.

Nasows Mission

In einfacher Sprache verfasst überzeugt die Geschichte von Nazow durch ihre Echtheit. Sie entführt in das ländliche Afghanistan des Jahres 1342 (1976) mit seinen gesellschaftlichen, religiösen und staatlichen Zwängen. Es ist vorhersehbar, dass Nazows Liebe kein Happy-End findet. Sie muss allein mit ihren unerwiderten Gefühlen fertig werden und heiratet letztendlich den Mann, der für Eltern und Gesellschaft akzeptabel ist. Glücklich ist sie nicht. Aber sie hält aus. Schließlich befreit sie sich, gelangt nach Deutschland und baut sich ein neues Leben auf.

Latifa weiß, dass Frieden und Freiheit keine Selbstverständlichkeiten sind. Nirgendwo auf der Welt. Es braucht Voraussetzungen wie demokratische Verhältnisse im Großen und Toleranz im Kleinen. Sehr oft bedarf es für ein friedliches Zusammenleben auch Aufklärung und Mut. Diese Botschaft will sie weitertragen. Es ist ihre Mission.
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