Bewegung als Sprache der Seele: 25 Jahre Tanztherapie in der Haard-Klinik

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Begeistert von der Arbeit mit den jungen Patienten: Ulrike Cierpka (Foto: LWL/Seifert)
 
Den Partner mithilfe der eigenen Körperspannung halten - eine Übung zur Vertrauensbildung (Foto: LWL/Seifert)
 
Mache ich mich klein wirst du groß und umgekehrt - die Luftballonübung. (Foto: LWL/Seifert)

Haltern/Marl. Ein Vierteljahrhundert – für manche eine lange Zeit, für Ulrike Cierpka, Tanztherapeutin in der LWL-Haardklinik gefühlt ein Wimpernschlag. „Wir waren absolute Vorreiter“, erinnert sich Cierpka deshalb auch noch ganz genau an ihre Anfänge in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe (LWL), „Tanz- und Körpertherapie hatte es so noch in keiner Kinder- und Jugendpsychiatrie Deutschlands gegeben.“



Da habe sie neben viel Zuspruch damals auch kritische Stimmen gehört, so die 53-Jährige, nach dem Motto: „Das ist doch nur etwas für „Ballerinas“. Aber Cierpka leistete eine Menge Aufklärungsarbeit und die Erfolge, die sie bei den jungen Patienten erzielt, geben ihr recht.

An wen wendet sich die Tanztherapie in der LWL-Haardklinik?

Ulrike Cierpka: Grundsätzlich eignet sich die Tanz- und Körpertherapie bei sämtlichen Störungsbildern, die unsere jungen Patienten zeigen. So können Opfer sexueller Gewalt, die sich vielfach schwach und machtlos fühlen, dank dieser Therapieform Selbstwirksamkeit erleben. Sehr unsichere Patienten mit einem geringen Selbstwertgefühl erfahren ihre Kompetenz durch bewusste oder intuitive Bewegungsübungen. Patienten mit einer Essstörung, denen es häufig an einem authentischen Körpergefühl mangelt, fühlen ihren Körper, ihre einzelnen Gliedmaßen wieder.

Welche Voraussetzungen müssen die Patienten mitbringen?

Ulrike Cierpka: Körperlich überhaupt keine. Es geht nicht darum, möglichst sportlich oder beweglich zu sein. Eine wichtige Voraussetzung ist ein entspannter Zustand. Diesen stellen wir mit geeigneten Entspannungstechniken gemeinsam her. Außerdem brauchen wir eine vertrauensvolle Atmosphäre. Denn durch die Bewegung drückt das Kind oder der Jugendliche seine innersten Gefühle wie Angst oder Wut aus und dazu braucht es viel Vertrauen. Deshalb setze ich in der „Aufwärmphase“ spezielle Übungen zum Beziehungsaufbau ein.

Wie kann Bewegung oder Tanz konkret helfen, wo Worte fehlen?

Ulrike Cirpka: Die Tanz- und Bewegungstherapie geht von der Annahme aus, dass jeder Mensch das Bedürfnis nach Beziehung und Kontakt zu anderen hat – auch wenn das nicht immer offensichtlich ist. Diese Beziehung ist geprägt von bestimmten Verhaltensmustern, die nicht immer unproblematisch sind. So entwickeln sich in manchen Familien Muster, die für alle Beteiligten auf Dauer sehr anstrengend oder frustrierend empfunden werden. Etwa, wenn Kinder die manchmal nicht ausgefüllte Mutter- oder Vaterrrolle übernehmen. Auch vielen psychischen Erkrankungen liegt ein bestimmtes Verhaltens- oder Beziehungsmuster zugrunde, das nicht immer offensichtlich ist. Im Tanz oder in der Bewegung können wir diese Muster gemeinsam mit den jungen Menschen darstellen, Gefühle bewusst erleben und auch spüren, was sich durch entsprechend andere Bewegungen verändert, wie im Fall von Ellen (Name der Patientin geändert). Ellens Mutter fühlte sich aufgrund einer Depression unfähig, die Verantwortung für ihre Tochter zu übernehmen. Rein intuitiv hat Ellen nicht nur die Verantwortung für sich selbst, sondern auch für ihre vermeintlich handlungsunfähige Mutter übernommen. Sie fühlte sich überfordert, ging aus Angst um die Mutter nicht mehr zur Schule und brachte sich selbst Schnittverletzungen an den Armen bei, um ihre innere Spannung abzubauen. Diese Zusammenhänge waren Ellen aber gar nicht bewusst. Deshalb konnte sie sie auch nicht in Worte fassen. In der Tanztherapie haben wir deshalb das Beziehungsmuster von Mutter und Tochter dargestellt. Dazu stellten wir uns vor, wir wären beide Luftballons, die sich eine gemeinsame Menge Luft teilen. Das heißt, wenn der eine Ballon kleiner wird, entfaltet sich der andere mehr und umgekehrt. Als ich mich klein „zusammengefaltet“ habe, hat Ellen sich sofort ganz groß gemacht, so wie sie es intuitiv in der Beziehung zu ihrer Mutter macht. Anschließend haben wir besprochen, wie sie sich in dieser Übung gefühlt hat. Wie es ist, immer groß zu sein. Es stellte sich heraus, dass Ellen sich in dieser Position keineswegs immer wohl gefühlt hat. Im nächsten Schritt habe ich einen neuen Impuls gesetzt und mich groß gemacht. Das hat Ellen die Möglichkeit gegeben, auch einmal klein sein zu dürfen - eine Erfahrung, die das junge Mädchen sehr genossen hat, wie sie mir in unserem anschließenden Gespräch erzählte.
Durch dieses wechselseitige Klein- und Großmachen entsteht eine Beziehung zwischen den Partnern. Jeder reagiert auf die Bewegungen seines Gegenübers. So erlebt der Patient – in diesem Fall Ellen - einerseits das Gefühl, einen Einfluss auf einen anderen zu haben und andererseits das Gefühl, beeinflusst zu werden.

Und wie kann man einem Patienten durch „Tanzen“ vermitteln, sich mehr Raum zu geben oder Selbstwirksamkeit zu erfahren?

Ulrike Cierpka: Auch hierzu gibt es unterschiedliche Übungen. Etwa in dem wir uns vorstellen, dass sich an unseren Körperteilen, an Händen oder Füßen etwa, Stifte befinden. Durch die Bewegung unseres Körpers mit diesen imaginären Stiften stellen wir den Raum dar, den wir um uns herum einnehmen. Und schon hier kann man deutlich Unterschiede feststellen, die einen Hinweis darauf ergeben, woran wir in der Therapie arbeiten können. So nehmen traumatisierte Patienten häufig sehr wenig Raum für sich in Anspruch, ihre Bewegungen sind klein. Dieses „Sich zurückziehen“ zeigt sich bei ihnen vielfach auch in ihrem Verhalten. Selbstwirksamkeit lässt sich üben, indem wir – also der Patient und ich - uns entlang einer aufgebauten Grenze gegenüberstellen. Meine Aufgabe ist es jetzt, die Bewegungen des Patienten zu kopieren – wie ein Spiegelbild. So bestimmt er oder sie meine Bewegungen – hat im positiven Sinne Macht über mein Tun. Das ist eine wichtige und häufig ganz neue Erfahrung und wirkt in Kombination mit anderen Therapien natürlich auch motivierend auf diese jungen Menschen, ihr Verhalten oder alte Muster zu ändern und sich mehr zuzutrauen. Gerade im Kindes- oder Jugendalter ist das noch gut möglich. Deshalb bin ich auch nach dieser langen Zeit noch sehr glücklich, dass ich meinen Traum wahrmachen konnte und mit jungen Patienten arbeiten darf.

Hintergrund:

Ulrike Cierpka hat eine mehrjährige Ausbildung zur Tanztherapeutin am Dietrich-Langen-Institut in Monheim absolviert. Sie ist Mitglied im Berufsverband der TanztherapeutInnen Deutschlands e.V. (BTD).
Etwa 25 Patientinnen und Patienten besuchen in der Woche die Tanz- und Körpertherapie in der LWL-Klinik Marl-Sinsen. Eine Therapieeinheit dauert 45 bis 60 Minuten und wird individuell auf das Kind oder den Jugendlichen ausgerichtet.
Die Tanz- und Körpertherapie wurde in den Vierzigerjahren in den USA entwickelt. 1965/66 gründete sich dann die American Dance Therapy Association (ADTA) und erarbeitete erstmals vergleichbare Qualitätskriterien. Es folgten entsprechende Studiengänge in Amerika. In Deutschland etablierte sich die Tanz- und Körpertherapie erst Mitte der Achtzigerjahre.
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