Enkeltrick: Grausame Anrufe / Hören Sie einen Originalmitschnitt der Polizei

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Altere Menschen sind die bevorzugten Opfer der Enkeltrick-Mafia. (Agenturbild)
 

"Hier ist jemand, der dich lieb hat", säuselt die Stimme am Telefon. Erika Schlosser (88) ist etwas verdutzt. "Markus, bist du das?" fragt sie nach - ihr Enkel klingt anders als sonst. "Ja, ich bin's, hör mal, ist der Opa auch da?", hakt der vermeintliche Markus nach... und kommt mit einem Wunsch nach Geld direkt zur Sache. Der Haken ist nur: "Markus" ist ein Betrüger, der die Gutgläubigkeit von Senioren ausnutzt. Noch immer wird mit dem sogenannten "Enkeltrick" Geld verdient.

Erika Schlosser heißt in Wirklichkeit anders, aber der Fall hat sich genau so zugetragen: Nachdem die rüstige Rentnerin den Hörer an ihren ebenfalls betagten Ehemann weitergegeben hatte, forderte der vermeintliche Enkel Geld: 28.000 Euro bräuchte er für einen Autokauf, und zwar sofort. Im freundlichen, aber bestimmten Ton hakte die Stimme am Telefon direkt nach: Ob der Großvater denn wüsste, wie eine Blitzüberweisung funktioniere? Der Senior verneint - aber versprach, sich direkt bei der Bank zu erkundigen. Zum Glück lehnte das Institut eine solche Überweisung ab - und der Rentner wählte ganz automatisch die im Telefon gespeicherte Nummer der Familie, anstatt auf den Rückruf von "Markus" zu warten. Dort wusste man nichts von Geldforderungen - Minuten später war die Kripo informiert.

Organisierte Banden


"Leider passiert das immer noch sehr oft", berichtet ein Kriminalbeamter im Gespräch. "Die Banden sind gut organisiert und ziehen den Betrug gewerbsmäßig auf", so der Experte. Keimzelle des Betruges ist dabei ein in Polen ansässiger Roma-Clan um den Patriarchen Arkadiusz "Hoss" Lakatosz, der den Enkeltrick um die Jahrtausendwende erdacht und erstmals angewandt hatte. Der Mittvierziger finanzierte sich mit den Geldern einsamer Senioren ein rauschendes Leben, teure Kleidung, schnelle Autos und einen durch kostspieliges Essen reichlich anwachsenden Leibesumfang.

Zwar wurden "Hoss" und 13 weitere Mitglieder seiner Bande im vergangenen Jahr von deutschen und polnischen Polizeikommandos verhaftet und vor Gericht gestellt, aber längst ist der sogenannte Enkeltrick und seine Variationen zu einer geübten Masche geworden. Durch die Aufklärungsarbeit von Polizei und Medien ist die Arbeit der Betrüger zwar schwerer geworden, aber noch immer fallen vor allem einsame ältere Menschen auf den Trick herein.

Die Täter gehen dabei nach einem strukturierten Muster vor. In Polen sitzen die Anrufer, "Keiler" genannt. Systematisch suchen diese Hintermänner in deutschen Telefonbüchern EInträge mit altmodischen Vornamen heraus, hinter denen sie ältere Menschen vermuten. Der "Keiler" ruft bei den Senioren an und tischt ihnen eine Lügengeschichte auf, bei denen ein naher Verwandter dringend um eine große Summe Geld bittet. Mal sind es Spielschulden, mal teure Medikamente oder ein Autokauf, die als Vorwand angeführt werden. "Der Anrufer war eigentlich freundlich", berichtet etwa Erika Schlosser, "er fragte, ob er Kuchen mitbringen sollte." Reagieren die Menschen nicht gleich im Sinne der Täter, kann das Gespräch aber noch unangenehmer werden: "Ich komm dich nie wieder besuchen", oder "Du kommst ins Heim" sind dabei grausame Sätze, die der "Keiler" ohne Skrupel einsetzt.

Geben die älteren Menschen eingeschüchtert oder überlistet nach, kommen vor Ort in Deutschland die sogenannten "Logistiker" zum Einsatz. Diese Bandenmitglieder senden Handlanger, die "Abholer", zu den Opfern, organisieren Überwachungen und die Geldübergabe. Es funktioniert immer gleich, und wird mit einem Anruf kurz vor der Übergabe eingeleitet: Auf einmal habe der vermeintliche Verwandte keine Zeit mehr, aber er schicke jemanden, der das Geld in seinem Namen abholt. Schreitet die Polizei ein, erwischt sie oft nur die kleinen Fische, während die Bandenführer sicher im Ausland sitzen.

Am besten legt man auf


Die Polizei rät, bei Geldforderungen sofort aufzulegen oder die Verwandten unter der bekannten Nummer aus dem Schnellwahlspeicher oder dem eigenen Telefonbuch anzurufen. "Und wenn ein Verwandter dringend Geld braucht, kommt er auch persönlich vorbei und fragt nicht per Telefon nach", hat der Kripobeamte dem Opferehepaar Schlosser erklärt. Der Enkel hingegen war empört: "Also Oma, Opa - ihr glaubt doch wohl nicht, dass ich mir etwas kaufe, das ich mir nicht leisten kann." Der Großvater ist bedrückt - vor lauter Sorge hatte er gar nicht richtig nachgedacht. "Ich wollte doch nur helfen", sagt er. Zum Glück hatte er bei seinen echten Verwandten noch einmal nachgefragt - und die Polizei informiert.

Bei Familie Schlosser ging es noch einmal gut - aber noch immer viel zu oft sind die Gangster erfolgreich. "Viele Opfer schweigen aus Scham", erklärt der Fachmann von der Kripo, "die Dunkelziffer ist leider sehr hoch."

Weitere Informationen erhält man direkt bei der Polizei-Beratung: Hier klicken.

Originalmitschnitt der Polizei eines Enkeltrickversuches

Hier hören Sie einen Originalmitschnitt der Polizei von einem anderen Fall, mit dem ein Gauner versuchte, eine Seniorin zu betrügen:

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