IHK-Handelsreport: Einzelhandel unter hohem Veränderungsdruck

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„Nicht alle, aber die meisten Wunden sind verheilt“, sagte Michael Radau, Vorsitzender des Handelsausschusses der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nord Westfalen. (Foto: IHK)

Die Pleiten von Hertie, Schlecker, Max Bahr und Praktiker sowie die Schließung von Karstadt-Filialen hat das Ruhrgebiet gut verarbeitet. „Nicht alle, aber die meisten Wunden sind verheilt“, sagte Michael Radau, Vorsitzender des Handelsausschusses der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nord Westfalen. Bei der Vorstellung des IHK-Handelsreports Ruhr 2016 bescheinigte er den Ruhrgebietskommunen eine hohe Anpassungsfähigkeit. Die Nahversorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Waren des täglichen Bedarfs sei zufriedenstellend bis gut, bewertete er die neuen Zahlen.

„Die Einzelhandelsstandorte im Ruhrgebiet stehen aber weiterhin unter einem sehr hohen Veränderungsdruck“, sagte Radau mit Blick auf zweistellige Wachstumsraten im Onlinehandel und einem anhaltenden Flächenwachstum. Jede Kommune brauche darum ein Einzelhandelskonzept, das auf aktuellen Zahlen und belastbaren Prognosen beruhe. Nur dann könnten die Weichen richtig gestellt werden. Radau, der auch Präsident des Handelsverbandes NRW ist, warb dabei für die Idee, in Zukunft stärker über die kommunalen Grenzen hinaus die Entwicklung des Handelsstandortes Ruhrgebiet zu steuern. Gerade wenn es um die Ansiedlung oder den Ausbau großflächiger Einzelhandelsmärkte und Einkaufszentren gehe, müssten Lösungen angestrebt werden, von denen viele in der Region etwas hätten. „Wenn Arbeitsplätze in einer Kommune geschaffen werden, profitiert auch der Nachbar davon“, zeigte sich Radau überzeugt. Die Kommunen forderte er auf, sich gemeinsam mit den IHKs Dortmund, Duisburg, Essen, Mittleres Ruhrgebiet und Nord Westfalen (Emscher-Lippe-Region) weiter für eine „stadt- und regionalverträgliche Entwicklung der Einzelhandelslandschaft im Ruhrgebiet“ einzusetzen.
Seit 2010 veröffentlichen die sechs IHKs im Ruhrgebiet im Zwei-Jahres-Rhythmus den Handelsreport Ruhr. Grundlage für die Bestandsaufnahme ist eine Erhebung aller Einzelhandelsbetriebe mit einer Verkaufsfläche von mindestens 650 Quadratmetern. Sie wurde für den aktuellen Report wieder von der BBE Handelsberatung GmbH (Köln) von Februar bis Mai durchgeführt. Danach bietet das Ruhrgebiet derzeit fast drei Prozent mehr Verkaufsfläche als noch vor zwei Jahren. Auch die Zahl der Betriebe (+ 1,9 Prozent) und die durchschnittliche Größe (+ 1,0 Prozent) nahmen zu. Die Bevölkerung ist dagegen nur um 0,4 Prozent gewachsen.
Hochgerechnet kommt laut BBE-Analyse damit auf jeden Bewohner im Ruhrgebiet eine Verkaufsfläche von 1,65 Quadratmetern. Im Bundesdurchschnitt ist es 1,5 Quadratmeter. „Den Menschen hier in der Region steht mehr Verkaufsfläche zur Verfügung. Ihre Kaufkraft liegt aber leicht unter dem Schnitt“, stellte Radau fest. Er empfahl den Kommunen, die Entwicklung der Verkaufsflächen sorgfältig zu beobachten und differenziert zu bewerten. „Viel hilft nicht immer viel. Ein ausgewogenes Verhältnis von Quantität und Qualität ist für jeden Handelsstandort auf Dauer gesünder“, sagte Radau.
Als gutes Zeichen für den Handelsstandort Ruhrgebiet wertete Radau die Entwicklung der Leerstandsquote. Sie sank in den vergangenen zwei Jahren von 7,3 Prozent (538.000 Quadratmeter) auf 6,5 Prozent (488.000 Quadratmeter). Ein wesentlicher Grund dafür: In einigen ehemaligen Max-Bahr- und Praktiker-Baumärkten sind inzwischen neue Nutzer, zum Teil aus demselben Sektor eingezogen. Laut BBE-Analyse ist der Baumarktsektor im Ruhrgebiet wieder auf Wachstumskurs.
„Sehr erfreulich“ ist für Radau, dass es nach der Schließung der Hertie-Häuser und einiger Karstadt-Standorte nicht zu einem schwerwiegenden Bedeutungsverlust der Fußgängerzonen gekommen ist. „Die Situation vieler betroffener Standorte hat sich zuletzt sehr verbessert“, unterstrich er und nannte stellvertretend Datteln, Dinslaken, Herdecke und Kamen. Hier ersetzen neue Einkaufzentren die ehemaligen Warenhäuser und sorgen für Umsatz und Kundenfrequenz in den Innenstädten. „Aber auch in anderen Städten ist es gelungen, attraktive Lösungen für die Nachfolgenutzung verwaister Warenhäuser durchzusetzen“, lobte Radau die Arbeit von Politik, Verwaltung und Investoren.
Ein Ende der Warenhauskrise konnte Radau allerdings nicht vermelden. Laut Handelsreport hat sich die Bedeutung der Warenhäuser für das Ruhrgebiet in den vergangenen zwei Jahren weiter verringert. Dagegen sind die Verkaufsflächen der Lebensmitteldiscounter weiter gewachsen – in den vergangenen zwei Jahren noch einmal um 42.000 auf 805.000 Quadratmeter. Zum Vergleich: 2001 betrug die Gesamtverkaufsfläche der Discounter erst 261.000 Quadratmeter. Laut Handelsreport wird diese Entwicklung weitergehen. Denn auf die günstige Binnenkonjunktur reagieren Aldi, Lidl und Co. auch im Ruhrgebiet mit der Ausweitung und Aufwertung ihres Sortiments. „Discounter profilieren sich selbstbewusst als Nahversorger. Der Wettbewerb mit Supermärkten und Verbrauchermärkten wird zunehmen“, prognostizierte Radau.
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