Vom Wesen des Reißverschlusses – und vom Unwesen des Autofahrers

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(Foto: Gert Schmidinger / pixelio.de)
 
Zusatzzeichen 1005-30 (Foto: StVO)
 
Zeichen 121: Einseitig verengte Fahrbahn (Foto: StVO)

Mal wieder im (Auto-)Fokus: Die Dauerfrage, warum sich die meisten Autofahrer bei einem der einfachsten Verfahren so oft verfahren.

Immer wieder dasselbe, wer kennt das nicht: Man fährt über die Autobahn, ein Hinweisschild kündigt eine Verengung an, die zweispurige Fahrbahn soll auf eine Spur verengt werden (oder die dreispurige auf zwei Spuren). Momentane Entfernung bis zu dieser Verengung: ca. zwei Kilometer. Die ersten Autofahrer werden nervös und beginnen zumindest schon mal mit gedanklichen Vorbereitungen, um ja rechtzeitig und elegant auf das „richtige Gleis“ zu gelangen.

Wenn man nun aber zu lange denkt oder, was ja auch schon mal passiert, gerade noch etwas anderes zu regeln hat (Zigaretten suchen und anzünden, Handyanruf annehmen ...), dann ist von den zwei Kilometern plötzlich nur noch einer übrig. Was war da noch mal? Hoppla! Da sind schon sie ersten Anzeichen des Staus spürbar und man ist – schneller als der durchschnittliche Autofahrer, der man ja nun mal meistens ist, es vermuten würde – schon ein Teil dieses schleichenden Gebildes.

Abschweifende Schlangengedanken

Na ja, im Supermarkt vor der Kasse mal in der falschen Reihe zu stehen, das ist ein kleines Alltagsmalheur, das man noch relativ schnell wegstecken kann. Während man diejenigen, die da vorher noch in der eigenen Schlange weiter hinten standen, an der (unbemerkt) neueröffneten Nebenkasse schon bezahlen sieht, kann man da wenigstens mit den mitbetroffenen Vordermännern und -frauen noch ein paar kleine Trostscherzchen austauschen. Aber das ist mit der Situation hier nicht zu vergleichen, hier geht es schließlich um das Auto – und um Begriffe, die nicht zufällig mit „Auto“ beginnen: Autonomie, Autokratie, Autorität. Zunächst allerdings mehr um dieses: um einen Automatismus.

„Verdamp lang her“: die Fahrschule

Dieser Automatismus scheint den Fahrer alles vergessen zu machen, was er über solche Situationen in der Fahrschule gelernt hat. Oder hat er ausgerechnet an dem Tag bei der Theorie gefehlt, an dem das Reißverschlußprinzip zur Sprache kam? Zur Aufklärung führerscheinloser, aber interessierter Zeitgenossen: Man lernt dort, in diesen Fällen nicht schon einen Kilometer vor der Verengung die Spur zu wechseln, auch nicht 700, auch nicht 300 Meter vorher, sondern einfach auf der momentanen Spur bis zur Engstelle weiterzufahren. Oft geben noch besondere Hinweistafeln die Entfernung bis dort an, zum Beispiel hier gezeigte „Zusatzzeichen 1005-30“ ; erst unmittelbar vor der Verengung soll man dann einfädeln, so will es das Reißverschlußverfahren. Wenn es auch nach neuer Rechtschreibung nun Reißverschlussverfahren heißt, so hat sich doch an dem, was es besagt, nichts, aber auch gar nichts, geändert. Das ist sogar gesetzlich geregelt, in der Straßenverkehrsordnung § 7, Absatz 4. Der Begriff „Verfahren“ ist allerdings für Autofahrer ohnehin schon meist negativ belegt (der eine hatte schon mal ein Bußgeldverfahren, der andere hat sich einfach nur selbst verfahren). Und Reißverschlüsse funktionieren in ihrem eigentlichen Leben, also an unseren Textilien, ja auch oft nicht („Auf der Welt geht alles natürlich zu, nur meine Hose, die geht natürlich nicht zu!“).

Spurensicherung

Also: Blinker an und „rübermachen“. Nanu, will der mich nicht lassen? Dann mal schnell Ernst machen mit dem „Rübermachen“. Na also, geht doch! Aktion Schlangenverlängerung erfolgreich, Vorsorgeinstinktalarm-Entwarnung, Zielspur erreicht. Wie gesagt: Automatismus. Aber nun geht’s ja auf die Verengung zu – und damit gewinnen die schon oben genannten Begriffe an Gewicht: Autokratie (mein Auto herrscht), Autonomie (mein Auto ist das Gesetz), Autosuggestion (mein Auto kann andere beeinflussen), Autorität (mein Auto bestimmt, wo es langgeht). Wie? Moment mal: Da will doch tatsächlich jemand – mal so eben kurz vor der Verengung – noch ganz frech rüber auf die Spur unseres „Auto-Normal-Verbrauchers“. Auf die, die der doch schon vor 600 Metern „reserviert“, auf die er sein „Handtuch“ gelegt hat. Wenn die fünf Wagen vor ihm diesen „Drängler von der gegnerischen Spur“ schon nicht reingelassen haben, warum sollte er das dann nun tun? Da könnte ja jeder kommen!

Peinlich – mit P wie Pisa

Für den Verkehrsexperten und Stauforscher Professor Michael Schreckenberg liegt ein Grund, warum deutsche Autofahrer offenbar kein funktionierendes Reißverschlußsystem hinbekommen, darin, daß sie es nicht verstehen. Anders gesagt: Sich selbst anschnallen, das können sie inzwischen ganz gut, aber das mit dem RV-Prinzip, nein, das „schnallen“ sie immer noch nicht. Also doch nicht nur damals gefehlt oder es in der Hektik vergessen? Sondern einfach nur zu dumm? Mal ehrlich: Wenn ich jetzt noch das Stichwort Pisa ins Spiel brächte – wäre das dann zu weit hergeholt?

Ansätze und Auswege

Ihr Computerspielprogrammierer, könnt ihr nicht mal ein gescheites „Reißverschlußverfahren-Simulationsprogramm“ aufreißen? Ihr Kindergartenaußenflächengestalter, könnt ihr auf den Verkehrsübeflächen nicht mal die eine oder andere Baustellenverengung einbauen? Ihr Werbekleinkramvertreiber, könnt ihr nicht mal statt (oder neben) Kulis, Kalenderchen und Kleinrechnern auch Mini-Reißverschlüsse unters (fahrende) Volk werfen? Ihr Fußballjugendtrainer, könnt ihr nicht mal spaßeshalber das Interesse eurer Schützlinge von der Abseits- auf die Reißverschlußregel lenken? Etwa nach dem Motto: Eigentlich ist die Abseitsregel nur die zweitschwerste; da gibt es eine, die ist noch tausendmal schwerer! Man stelle sich einmal den ungeheuren Wissenstransfer vor, wenn die so Motivierten die Regel ihren Eltern weitererklären würden. So ganz peu à peu: zunächst den Vätern die Reißverschlußregel, dann den Müttern die Abseitsregel, dann ...

Schreckenberg merkte übrigens auch noch an: „Hier wäre etwa eine regelmäßige Fortbildung wichtig“. Ich finde allerdings, mit der Leitung solcher Fortbildungen solte man auch echte Profis beauftragen und nicht nur Autodidakten.


PS:
a) Wer bisher noch zur Mehrheit der RV-Falschanwender gehört und gerne zur Minderheit der RV-Richtiganwender wechseln möchte, dem kann u. a. dieses Video dabei helfen.
b) Bitte nicht den REISSVERSCHLUSS mit dem REISVERSCHLUSS verwechseln! (Stichwort: Pisa)
c) Wenn in diesem Beitrag von Autofahrern, Zeitgenossen, Fußballjugendtrainern usw. die Rede ist, dann sind selbstverständlich auch die Autofahrerinnen, Zeitgenossinen, Fußballjugendtrainerinnen usw. mitgemeint.
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9 Kommentare
Dirk Bohlen aus Wesel | 15.10.2015 | 10:24  
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Susanne Demmer aus Essen-Nord | 16.10.2015 | 12:18  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 16.10.2015 | 19:31  
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Torsten Richter-Arnoldi aus Hattingen | 17.10.2015 | 14:08  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 18.10.2015 | 13:41  
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Hildegard Grygierek aus Bochum | 07.01.2016 | 13:31  
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Torsten Richter-Arnoldi aus Hattingen | 08.01.2016 | 19:04  
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Hildegard Grygierek aus Bochum | 09.01.2016 | 12:23  
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