Buchbesprechung "Selbststeuerung - Die Wiederentdeckung des freien Willens" von Joachim Bauer

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Das Buch " Selbststeuerung - Die Wiederentdeckung des freien Willens" beschäftigt sich mit der Frage, welche Bedingungen notwendig sind, um dem Menschen die Möglichkeit zu geben, seinen freien Willen, auch Selbststeuerung genannt, einzusetzen.

Als Neurobiologe und Mediziner hat der Autor zahlreiche Publikationen vorgelegt, die nicht immer die einhellige Zustimmung aus Fachkreisen erfahren haben, aber wissenschaftliche Erkenntnisse in eine Sprache übersetzen, die dem Laien komplexe medizinische oder neurobiologische Vorgänge verständlich erklären.

Die eingangs gestellte Frage führt in entsprechenden Studien zumeist zu dem Schluss, dass wir aufgrund äußerer oder innerer Einflüsse gar nicht anders können, als uns ständig über zivilisatorisch gesetzte Grenzen hinwegzusetzen.
Diese Sichtweise findet sich beispielsweise auch in unserem Strafrecht wieder und bedeutet für überführte und verurteilte Täter, dass sie die Verantwortung für ihr Handeln mit dem Hinweis auf die Unausweichlichkeit ihres Verhaltens von sich weisen können.

Der menschliche Wille, sich in einer Situation für oder gegen etwas zu entscheiden, wurde einer Unzahl von bestimmenden Faktoren gegenübergestellt, die den Menschen letztlich als Marionette von Gefühlen, genetischen Veranlagungen oder äußeren Umständen darstellen.


Joachim Bauer räumt mit dieser Sicht auf unsere kognitiven Fähigkeiten gründlich auf, indem er recht anschaulich erklärt, wie unser Gehirn funktioniert und welche Bedingungen vorliegen müssen, um uns die Kontrolle über uns selbst und unsere Entscheidungen zu ermöglichen.


Für mich sind seine Erkenntnisse über die ersten Lebensjahre besonders interessant, weil sie meine Ansichten über die Fremdbetreuung von Kleinkindern und die Notwendigkeit einer verlässlichen und liebevollen Zweierbeziehung in den ersten 24 Monaten bekräftigen:
Kleinkinder haben keine Vorstellung vom eigenen Ich, das "Selbst" muss sich entwickeln und dazu benötigen Kinder eine verlässliche und liebevolle Beziehung. Ohne eine solche Sympathie vermittelnde Beziehung wird das heranwachsende Kind sich selbst nicht annehmen und diese Erfahrung prägt nicht nur die Selbstwahrnehmung, sondern hat Einfluss auf die Reifung des Präfrontalen Cortex, dessen Funktionsweise und Wichtigkeit Joachim Bauer in seinem Buch umfassend darstellt.
Bauer spricht bei schlechten Beziehungserfahrungen von "erwiesenen negativen Effekten ... emotionaler Unterversorgung auf die kognitive und psychische Entwicklung von Kleinkindern" und schließt sich damit Entwicklungspsychologen an,die grundsätzlich davon abraten, Kinder vor dem zweiten Lebensjahr in Erziehungseinrichtungen betreuen zu lassen.
Damit widerspricht Bauer der von Politik und Wirtschaft forcierten Fremdbetreuung von Kindern unter zwei Jahren in Erziehungseinrichtungen.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus seinen Betrachtungen liegt damit in der Annahme, dass soziale Erfahrungen die Entwicklung des Gehirns, insbesondere die der Region des oberen Präfrontalen Cortex, entscheidend beeinflussen.

Der Lesestoff ist keine leicht verdauliche Kost und erfordert Zeit, sowie ein wenig Konzentration, um dem Autor auf seiner Reise durch unser Gehirn und unser menschliches Denkvermögen zu folgen.
Neben einer umfangreichen Literaturliste, die einen tieferen Einstieg in das Thema ermöglichen, finden sich im Anhang dieses Sachbuches interessante Anmerkungen, die die Argumentation des Autors unterstützen und Hinweise auf die fachlichen Differenzen zu diesem Themenkomplex geben.
Ich muss zugeben, dass ich mir diese Seiten für eine zweite Lektüre des Buches aufgehoben habe.

Belohnt wird dieser Einsatz mit einer interessanten Lektüre und so kann ich das Buch jedem empfehlen, der ein wenig mehr über die Entwicklung unserer geistigen Fähigkeiten wissen möchte, die es uns ermöglichen, die Reize und Einflüsse unserer Umwelt zu filtern und zu entscheiden, was wir wollen.
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10 Kommentare
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 05.01.2016 | 13:50  
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Martina Janßen aus Hattingen | 06.01.2016 | 00:10  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 06.01.2016 | 00:28  
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Martina Janßen aus Hattingen | 06.01.2016 | 00:38  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 06.01.2016 | 00:40  
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Martina Janßen aus Hattingen | 06.01.2016 | 10:28  
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Martina Janßen aus Hattingen | 07.01.2016 | 09:10  
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Martina Janßen aus Hattingen | 07.01.2016 | 09:22  
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Helmut Feldhaus aus Rheinberg | 10.01.2016 | 15:35  
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Martina Janßen aus Hattingen | 11.01.2016 | 01:23  
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