Bücherkompass: Ivan Kyncl – Rebellion mit der Kamera

Anzeige
Historischer Fotokatalog
Sprache: Deutsch/Englisch/Tschechisch
Verlag: Kerber Photo Art
Publikationsjahr: 2014
Fotografien: Ivan Kyncl
Herausgeber: Heidrun Hamersky, Ulrike Huhn, Susanne Schattenberg
Umschlagbilder: Ivan Kyncl
Grafische Gestaltung: Andreas Koch
Umfang: 224 Seiten
Bindung:  Softcover
Preis:32,00 €

Kurzbeschreibung

Der Prager Fotograf Ivan Kyncl (1953–2004) erregte in den 1970er -Jahren internationale Aufmerksamkeit: Ihm gelang es, die Überwachungspraktiken der Geheimpolizei heimlich zu fotografieren und Aufnahmen in den Westen zu schmuggeln. Kyncl  dokumentierte nicht nur die Verfolgung der tschechischen Dissidenten. Er zeigte auch den Alltag sozialer Randgruppen in der CSSR nach Niederschlagung des Prager Frühlings aus einer ideologisch „abweichenden“ Perspektive gegen die ästhetische Normiertheit des Sozialistischen Realismus. Dieses Buch präsentiert darüber hinaus Kyncls Theaterfotografien und Reportagen, die der Fotograf nach seiner Emigration nach London 1980 machte

Meine Meinung:

Die Zeit des Kalten Krieges brachte gerade auch im Osten viele Freiheitsbewegungen hervor. Eine der bekanntesten war die Freiheitsbewegung in der ČSSR, die mit der Charta 77 für großes Aufsehen sorgte und gleichzeitig teilweise wahnwitzige Überwachungsmethoden der Geheimpolizei auslöste. Ich fand dieses Thema immer schon sehr interessant und hatte Glück die Ausstellung „Ivan Kyncl – Rebellion mit der Kamera“ in Bremen besuchen zu können, um mir ein Bild dieser Methoden machen zu können. Ivan Kyncl hatte es nämlich in den 1970ern geschafft, die Praktiken zu fotografieren und in den Westen zu schmuggeln.

Wer die Ausstellung verpasst hat, sich aber dennoch ein Bild machen will, der hat Glück. Der Kerber Verlag hat die Ausstellung, mit zusätzlichen Wortbeiträgen und Informationen in Buchform für alle veröffentlicht. Alle fast 180 schwarzweiß Fotografien, die man sich auch in der Ausstellung ansehen konnte, befinden sich im dreisprachigen Buch, das den Titel „Ivan Kyncl – Rebellion mit der Kamera/Rebel s kamerou/Rebellion with a Camera“ trägt.

Bevor Historiker und der Künstler, mit seinen Bildern, zu Wort kommen, werden wir in Grußworten an die tschechoslowakische Vergangenheit erinnert, erfahren mehr über die mögliche subversive Vrwendung von Fotografien und natürlich etwas mehr über den Fotografen selbst. Die Grußworte stammen dabei von Hans-Dietrich Genscher, Bundesaußenminister a.D., den Bremer Verantwortlichen für die Ausstellung und den mitarbeitenden Direktoren tschechischer Museen.
Historisch geht es dann weiter mit einem Essay von Vilém Prečan, der uns die Geschichte der Tschechoslowakei von 1948 bis 1989 kurz aber prägnant näherbringt. Wichtige Daten und Personen werden dabei natürlich ebenso genannt, wie wichtige Elemente der Regierung und des Widerstands.
Zwischen den Seiten des in drei Sprachen abgedruckten Essays finden wir einige Bilder des Fotografen.
Um den dreht sich dann auch alles in Heidrun Hamerskys Vorstellung des Fotografen Ivan Kyncl. Wir erfahren hier alles wichtige über die Hauptperson des Buches und werden wahrscheinlich an einigen Stellen überrascht. Sein Lebenslauf liest sich nämlich sehr interessant, zeigt die Gründe für seine Entscheidungen und führt über die rebellischen Bilder, die er in der Tschechoslowakei gemacht hat, zu den Bildern, die in er in England als Theaterfotograf gemacht hat. Beide Bilderarten und auch die entlarvenden Bilder, die er in China gemacht, zeigen das Talent des Fotografen mehr als deutlich. Gleichzeitig wird aber auch sein Engagement für eine freie(re) ČSSR und die Charte 77 deutlich, was den Menschen hinter der Kamera noch viel sympathischer macht. Hier finden wir erste Bilder, die den Überwachungsstaat entlarven.
Das erste reine Fotokapitel ist den Menschen der Charta 77 gewidmet. Es zeigt die Kämpfer für Freiheit in ihrer Umgebung. Mit Verbündeten in Hinterzimmern, bei der Arbeit, sofern sie eine Arbeit hatten, unter Beobachtung und im Gefängnis. Letzere Bilder sind oftmals erste oder einzige Lebenszeichen der gefangenen Dissidenten. Die Bilder sind eindrucksvoll und zeigen auf bedrückende Weise, wie die demokratischen Gegner behandelt wurden.
Noch bedrückender aber nicht weniger aussagekräftig sind nur die Bilder aus den Zyklen „Altersheim“ und „Roma-Kinder“, die wir im nächsten Kapitel finden. Sie zeigen eine traurige Realität, die leider auch heute noch hätten fotografiert werden können.
Seiner Reportage aus China, wo er 1982/83 war, ist eindrucksvoll aber, trotz entlarvender und vor allen Dingen auch aussagekräftiger Bilder, etwas weniger gelungen. Trotzdem zeigen sie ein interessantes Bild der Volksrepublik in dieser Zeit.
Alena Melichar leitet dann gekonnt zur Theaterfotografie über. Sie lässt dabei nicht nur Regisseure und Schauspieler zu Wort kommen, sie erklärt auch, was Ivan Kyncls Theaterfotografie zu etwas Revolutionärem machte:Er konnte die Essenz des Stückes in einem Foto fixieren und dabei Bühne und Schauspieler ohne Töne und Bewegung lebendig werden. Selbiges sagt auch Ian McDiarmid, der seine eigene Begegnung mit Ivyn Kyncl zum Besten gibt und dessen Fotografien er mit den Bildern Rembrandts vergleicht und verglichen hat, sehr zum Verdruss von Kyncl, der Fotografie und Malerei nicht vergleichen wollte.
Das seine Fotografien etwas Besonders sind, sieht man im abschließenden Bilderkapitel sofort. Seine Fotos sagen mehr als tausend Worte und sein Hamlet Bild aus dem Jahr 1999 ist brillant. Ich bin vollends begeistert und würde mir das Buch nochmal zulegen, nur um die Theaterbilder zu besitzen.
Damit sind wir, viel zu schnell, am Ende des Buches angekommen. Ganz wissenschaftlich beginnt nun der langsame Ausklang. Dieser beginnt mit einer knappen Biographie mit allen wichtigen Daten. Anschließend erhalten wir Literaturtipps zu Ivan Kyncle und Informationen zur Ausstellung inklusive Danksagungen und zu guter Letzt noch alle Informationen zum Buch selbst.

Tolle Bilder in einer perfekten Zusammenstellung mit Essays und Hintergründen. Besser kann man einem eindrucksvollen rebellischen Fotografen kein Denkmal setzen. Ich hätte mir noch 30 Seiten mehr mit Bildern aus seiner Theaterzeit gewünscht, bin aber auch so hochzufrieden. Man erhält alle nötigen Informationen und wird professionell begrüßt und verabschiedet. Mehr kann man nicht richtig machen.

Fazit: 
Das Buch „Ivan Kyncl – Rebellion mit der Kamera/Rebel s kamerou/Rebellion with a Camera“ ist perfekt für alle, die die Ausstellung verpasst haben und neben atemberaubenden Bildern, die nicht nur ein System anprangern sondern auch noch viel mehr zeigen, zum Beispiel China in den 80ern und das Theater, auch noch etwas über die Geschichte der Tschechoslowakei erfahren wollen. Einfach perfekt.
1
Einem Mitglied gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.