Wolfgang Klemt: Sammler von Totenzetteln

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Wolfgang Klemt sammelt Totenzettel. 5000 Stück hat der frühere Bleisatz-Schriftsetzer und Lehrlingsausbilder der Hattinger Druckerei Hundt bis heute zusammen. Ein kleiner Teil von ihnen ist Bestandteil der Ausstellung „Hattinger Schätze“ im Museum im Bügeleisenhaus. Die Ausstellung ist noch bis zum 7. Dezember samstags und sonntags von 15 bis 18 Uhr zu sehen. Dann schließt das Museum für dieses Jahr seine Pforten. Fotos (2): Pielorz
Hattingen: Bügeleisenhaus |

„Ich sammele Totenzettel. Wäre das nicht eine Geschichte für den November?“ Als der Hattinger Wolfgang Klemt diese Frage am Telefon stellte, war das mehr als ungewöhnlich. Totenzettel? Was ist das und warum sammelt man das?

Als Mitglied der evangelischen Kirche habe ich von Totenzetteln nie etwas gehört. Bei uns gibt es sie nicht, bei den katholischen Vertretern sind sie bis heute im Gebrauch.
Der Brauch der Totenzettel entstand bereits im 17. Jahrhundert in den Niederlanden. Von dort verbreiteten sich die Zettel im katholischen Teil der deutschsprachigen Länder bis nach Österreich.
Sinn der Totenzettel war es, für die Verstorbenen zu beten und an sie zu erinnern. „Sie wurden vor den Messen verteilt oder mit den Danksagungen verschickt“, so Wolfgang Klemt.
„Früher hat man auf die­se Zettel sehr oft den Lebenslauf des Verstorbenen abgedruckt. Manchmal mit einem Bild von ihm selbst, manchmal auch mit Heiligenbildern.“
Der 76jährige Wahl-Hattinger sieht in den Totenzetteln gedruckte Erinnerungen, und, noch besser, bezeichnet sie als „papierene Epitaphe“. Eine Epitaphe ist eine Grabinschrift oder ein Grabdenkmal für einen Verstorbenen an einer Kirchenwand oder einem Pfeiler. Totenzettel sind für den Hattinger Sammler eine solche Papierform.
Der Katholik, aufgewachsen in Brandenburg, kennt aus der eigenen Familie solche Totenzettel. „Sie wurden früher immer in das Gesangbuch gelegt. Ich habe später im Sauerland als Messdiener gearbeitet, bevor ich 1955 nach Hattingen kam. Dort und bei Urlauben in Bayern habe ich viele Totenzettel verteilt und dann selbst gesammelt.“

Papierene Epitaphen

Das sprach sich herum. „Ich bekomme von vielen Menschen auch Totenzettel geschickt. Letztes Jahr habe ich eine private Sammlung von 100 Stück bekommen. Ich selbst habe jetzt etwa 5000 Exemplare, die ich nach zwei- oder vierteiligem Format, alphabetisch und nach Persönlichkeiten sortiert habe.“
Für Wolfgang Klemt sind dies Erinnerungen an einen Menschen und seine Sammlung eine persönliche Biographie. Viel Privates findet sich auf manchen dieser Zettel. „Ein Kollege von mir, auch ein Schriftsetzer, hat seinen eigenen Totenzettel entworfen. Er starb an der sogenannten Bleikrankheit, das ist die Leukämie. Übrigens eine häufige Todesart unter Blei-Schriftsetzern.“
Er selbst, so berichtet er, habe diese Krankheit vor 22 Jahren aufgrund einer Knochenmarkspende seines Zwillingsbruders überwunden.
Etwa genau so lange sammelt er Totenzettel. „Beeindruckt haben mich damals auch die Passionsfestspiele in Oberammergau. Irgendwie ist dieser Zeitraum so zusammengewachsen und seit etwa dieser Zeit sammele ich die Zettel.“
Traurig oder gar depressiv macht ihn diese ungewöhnliche Sammelleidenschaft nicht. „Im Gegenteil. Ich erinnere mich so gern und immer wieder an Menschen, von denen mir viele etwas bedeuten.“
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Torsten Richter-Arnoldi aus Hattingen | 14.11.2014 | 18:24  
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