Am Rande der Gesellschaft – Gespräch mit einem Obdachlosen

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Wolfgang "lebt" seit 15 Jahren auf der Straße
 
Die "Schlafstelle" von Wolfgang
Hattingen: Niedersprockhövel |

Als ich aus dem Supermarkt kam, traf ich auf Wolfgang. Er saß auf der Erde neben dem Eingang und hatte zwei Tragetaschen an seinen Füßen liegen. Alle drei scheinen schon bessere Zeiten erlebt zu haben.

Er sagte kein Wort, erst als ich ihn ansprach, kamen wir ins Gespräch. Wolfgang ist 64 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Bremerhaven. Seit über einem Jahr „wohnt“ er in Sprockhövel, zurzeit an einer stark befahrenen Straße neben der Leitplanke in einer Bodenvertiefung. Sein zuhause sind Plastikplane.

Er bestätigt, dass das Sozialamt der Stadt Sprockhövel ihm schon eine Unterkunft in der städtischen Obdachlosenunterkunft angeboten hat. Ich möchte aber nicht aus Niedersprockhövel weg, denn da sind die Leute so nett, sagt er dem Stadtspiegel. Finanzielle Unterstützung „vom Amt“ lehnt er auch ab, denn dafür käme der Steuerzahler ja auf und das möchte Wolfgang nicht.

Er möchte nicht abhängig sein, seine Freiheit behalten und ergänzt, „Was mir die Leute geben, reicht zum Leben. Darum sitze ich hier am Eingang des Supermarktes. Und wenn ich einmal nichts bekomme, dann esse ich eben nichts“.

Er lebt seit 15 Jahren auf der Straße. Kontakt zu seinen Verwandten hat er nicht mehr. Vor vielen Jahren hatte er geerbt und das Geld in relativ kurzer Zeit ausgegeben. Dann hatte er vorübergehend bei einem Bauern gelebt und sich an eine frühere Freundin erinnert, die im Wodantal wohnte. Er war durch ganz Deutschland gezogen und schließlich in Niedersprockhövel gelandet.

Auch die Polizei sei nett, denn als ihn einmal 3 Kinder mit Ästen geschlagen hätten, wären ihm die Beamten zu Hilfe gekommen. Er sei friedlich, Pazifist und würde nach der Lehre von Buddha leben, esoterisch nach Tibeter Art.

Wolfgang beteuerte, er sei gesund und brauche keinen Arzt. Aber meine Beine wollen nicht mehr“, sagte er und kroch unter der Leitplanke durch anstatt 5 Meter weiter die Leitplanke zu umrunden. Seinem Wunsch, den genauen Standort seines Schlafplatzes nicht zu schreiben, kommen wir natürlich nach.

Wolfgang träumt von einem Zimmer bei Privatleuten in Niedersprockhövel und schwärmt von den Jahren, als er in den Wintermonaten im warmen Süden in Spanien und Frankreich verbringen konnte.

Oliver Tollnick, Leiter des Sachgebietes Soziales und Integration der Stadt Sprockhövel bestätigte dem Stadtspiegel auf Nachfrage, dass seine und die Mitarbeiter vom Ordnungsamt mehrmals Wolfgang eine Unterkunft in der städtischen Obdachlosenunterkunft Am Timmersholt angeboten haben. Wolfgang habe allerdings dieses Angebot ausgeschlagen, da er aus Niedersprockhövel nicht weg möchte. Auch für die Polizei ist Wolfgang unauffällig. Gefährlich wird es allerdings, wenn Straßen NRW die Böschung mäht. Die Stammkräfte wissen, wo Wolfgang wohnt. Nur die Aushilfsfahrer müssen immer informiert werden, dass dort unter den Planen ein Mensch lebt.

Aus der Obdachlosenstatistik des NRW-Sozialministeriums geht hervor, dass es im Jahre 2015 in NRW rund 21.000 Menschen gab, die keine Wohnung hatten.
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2 Kommentare
Marjana Križnik aus Essen-Nord | 03.03.2017 | 13:42  
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Sabine Tetzlaff aus Dortmund-Nord | 08.03.2017 | 00:26  
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