Besinnliches: Erfahrungen mit Ost und West

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Von Heike Rienermann, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Bredenscheid-Sprockhövel

"Morgen ist der„Tag der deutschen Einheit“, in diesem Jahr kriegen wir keinen arbeitsfreien Tag geschenkt, er fällt auf einen Samstag. Haben Sie eine Beziehung zu diesem Tag, die über den „freien“ Tag hinausgeht?
Ich möchte von meinen Erfahrungen erzählen: Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Ich habe diesen Abend am Fernseher zugebracht und weiß, wie mir die Tränen kamen vor Rührung, vor Freude über dieses Geschenk der Freiheit für die Menschen in der DDR.

Bis Mitte der 80er Jahre war die DDR für mich fremd, dann begründete meine Kirchengemeinde eine Partnerschaft mit einer Gemeinde in Ostberlin. Plötzlich wurden aus Fremden Freunde. Der Höhepunkt war ein gemeinsamer Urlaub von west- und ostdeutschen Jugendlichen im Sommer 1989 mit vielen Gesprächen und knisternder Spannung, denn der „Wind of Change“ lag schon in der Luft. Manche der Jugendlichen aus der DDR überlegten, ob sie es über die grüne Grenze nach Österreich versuchen sollten. Letztlich fuhren wir alle wieder nach Hause, mit der Verabredung, uns bald erneut zu treffen.
Damals ahnten wir nicht, dass sich die Welt verändern sollte. Wir hätten nicht gedacht, dass dieses typische DDR-Gefühl von Beklemmung und Angst wirklich verschwinden könnte. Ich glaube, damals habe ich wirklich verstanden, was Freiheit bedeutet… So klingt meine Erinnerung an dieses bewegende Jahr.

Die Kirchen spielten damals eine große Rolle, die Christen hielten daran fest: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen!“ (Psalm 18,30). Utopisten waren sie, Weltfremde. Wer in der Kirche aktiv war, setzte sein Studium aufs Spiel. Doch die Utopien entfalteten ihre Kraft. 1989 soll ein Mitglied der SED gesagt haben: „Auf alles waren wir vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.“
Mauern gibt es noch genug auf unserer Welt. Sichtbare wie in Israel-Palästina und unsichtbare in unseren Köpfen. Heute stehen wir vor neuen Herausforderungen der Integration. Aber die Erfahrungen zeigen, dass Mauern fallen und überwunden werden können. Das ist für mich die Botschaft des 3. Oktober: dass aus Fremden Freunde werden können. Und das ist viel mehr als ein arbeitsfreier Tag!"
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