Drei Fragen an...: Peter Dresia, Café Sprungbrett zu "Trinkraum"

Peter Dresia, Geschäftsführer vom suchtmittelfreien „Café Sprungbrett“ am Steinhagen in Hattingen
Hattingen: Cafe Sprungbrett | 1. Herr Dresia, als aus gewiesener Experte: Was sagen Sie zum Thema „Sauf-“ oder „Trink­raum“?
Es gibt in der Suchthilfe sicherlich keinen Königsweg und ich halte es für typisch deutsch, immer sehr polarisierend zu argumentieren und sehr in schwarz-weißen Schablonen zu denken.  Ebenso umstritten wie jetzt die Diskussion über „Trinkräume“ war seinerzeit die Auseinandersetzung bei der Einführung der Substitution und der „Druckräume“, Konsumräume für schwerst Heroin Abhängige. Beide Konzepte sind mittlerweile anerkannte Standards, aber auch nur kleine Puzzleteile einer umfassenden Therapiekette. Ich finde allein den Ausdruck  „Saufraum“ schon sehr abwertend. Hier geht es doch darum, Schwerstkranken und oftmals den Ärmsten der Armen erst einmal ein Überleben möglich zu machen und ein Stückchen Heimat zu schaffen, das überhaupt die Grundvoraussetzung schafft, helfende Beziehung möglich zu machen. Alkoholismus ist eine anerkannte Krankheit und Substitutionskonzepte und Programme zum kontrollierten Trinken sind anerkannte Möglichkeiten der Hilfe.

2. Gibt es in Hattingen auch eine Ihnen bekannte „Säufer-Szene“, die es sich lohnen würde, von der Straße zu holen?
Ja, auch in Hattingen gibt es solche Szenen und auch seine Vielzahl sehr vereinsamter, resignierter, suchtkranker Menschen in Einzelwohnungen, die sich in bestimmten Stadtteilen ballen. Hierbei gibt es sicherlich eine hohe Dunkelziffer. Lohnende Intervention wäre zum Beispiel an der offenen Szene Blankensteiner Straße/Ecke Wernigerodestraße nötig, wo sich teilweise bis zu 20 Personen aufhalten. Diese Menschen benötigen aufsuchende und niedrigstschwellige Angebote noch unterhalb der Anforderungen, die wir bereits mit unserem niederschwelligen Kontaktcafé Sprungbrett und unserem Ambulant Betreuten Wohnen erfolgreich seit Jahren praktizieren. Die materielle Not, aber auch der ungeheure psychische Druck haben in unserer Gesellschaft gigantisch zugenommen. Seit dem Rücktritt des Trainers Ralf Rangnick ist das Thema Burnout (Ausgebranntheit wegen Überforderung) in der öffentlichen Diskussion. Ebenso sehe ich täglich das „Boreout“ (Resignation, Depression und Suchtmittelmißbrauch  wegen massiver Unterforderung etwa wegen Langzeitarbeitslosigkeit).

3. Halten Sie ein „betreutes“ Trinken in einem Trinkraum mit einem unaufdringlichen Angebot an sozialer Hilfestellung unter Umständen für sinnvoller als Gesprächsangebote auf der Straße durch so genannte Streetworker?
Die Frage entweder/oder ist meiner Meinung nach falsch gestellt. Wir brauchen beides, sowohl/als auch! Die sozialen Probleme explodieren zunehmend und  ich verstehe nicht, dass wir permanent mit  unvorstellbaren Milliarden-Summen Banken retten, aber die Kommunen vor die Wand fahren. Hartz IV, Altersarmut, Arbeitslosigkeit und Bildungsschwäche schaffen in Verbindung mit dem demografischen Wandel zunehmend sozialen Sprengstoff. Wir benötigen meiner Meinung nach in Hattingen eher Streetworker, aber auch eine Aufgeschlossenheit für neue Konzepte. Beschütztes Trinken muss ein genaues Konzept haben und darf nicht zum subventionierten „Saufen“ dienen, sondern muss natürlich gezielte und umfassende  Hilfsschritte beinhalten.

Infos:
Peter Dresia – Diplom-Sozialarbeiter, Betriebswirt, Sozialtherapeut und approbierter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut – ist seit mehr als 25 Jahren in der ambulanten Suchthilfe tätig. Trinkräume, wie in dem Text angesprochen, existieren bereits erfolgreich in Kiel und anderen Städten. In Dortmund soll ebenfalls ein solcher Raum zum Verzehr mitgebrachten Alkohols eingerichtet werden.
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2 Kommentare zum Beitrag
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Erich Marre, M.A. aus Hattingen am 18.10.2011 um 09:20 Uhr  
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Roland Römer aus Hattingen am 21.10.2011 um 16:33 Uhr  
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