Einsam in der Welt der Stille

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  In Silvia Cichys Welt ist es still, ganz still – denn die Hattingerin ist gehörlos. Das heißt aber nicht, dass man nicht mit ihr kommunizieren kann. Das geht, eben nur in einer anderen Sprache als die meisten gewohnt sind: In Gebärdensprache. Und weil es in Hattingen – ausgenommen von ihrem Lebensgefährten und ihrer Familie - bisher keine Bürger gibt, mit denen sich die 48-Jährige unterhalten kann, bietet sie jetzt einen Gebärdensprache-Kurs an.

„Silvia war erst sieben Monate alt, als wir feststellen mussten, dass sie gehörlos ist“, so ihre Mutter Monika Schäper. „Zuvor reagierte sie auf Geräusche und konnte auch schon einzelne Laute sprechen. Nach einer Impfung allerdings änderte sich das plötzlich.“ Der Nerv im Gehörgang war abgestorben, Silvia Cichy hörte ab sofort nichts mehr und auch das Sprechen blieb somit aus. Möglichkeiten, ihre Tochter untersuchen und behandeln zu lassen, gab es für Monika Schäper damals nicht. „Wir fanden uns eigentlich relativ schnell mit der Situation zurecht.“
Und so ging Silvia Cichy zur Schule und erlangte ihren Abschluss. „Die Gebärdensprache bekam ich im Alter von acht Jahren durch andere Kinder beigebracht“, erinnert sie sich. Erst seit zwölf Jahren gilt sie als offiziell anerkannte Sprache, sie umfasst über 16.000 Gebärden. Trotz ihrer Gehörlosigkeit absolvierte Cichy auch eine Ausbildung zur Technischen Zeichnerin. Außerdem heiratete sie und bekam zwei Kinder. Ihr Sohn, 23 Jahre alt, und ihre Tochter, 25 Jahre alt, sind selbstverständlich bilingual aufgewachsen. Sie beherrschen die Gebärdensprache ebenso wie Silvia Cichys jüngere Schwester. Doch da höre es leider fast auch schon auf mit den hörenden Gesprächspartnern, bedauert die Hattingerin.
„Ich fühle mich manchmal einsam“, gibt sie zu verstehen. Sie sehne sich nach Unterhaltungen und mehr sozialen Kontakten in ihrer Heimatstadt. In Bochum, wo sie seit 26 Jahren in Teilzeit bei der Stadtverwaltung (Tiefbauamt) arbeitet, in Witten oder aber auch in Recklinghausen habe sie Freunde. Das seien ebenfalls Gehörlose, wie auch ihr Lebensgefährte, den sie im Internet kennenlernte. Ihr Wunsch allerdings ist es, auch mehr Kontakt zu Hörenden in ihrem näheren Umfeld zu haben. Übliche Unternehmungen wie Treffen im Café, Fahrradtouren, Wandern und Ähnliches würde sie sich wünschen.

„Es stimmt! Leider gibt es im näheren Umfeld meiner Tochter nicht viele Leute, die die Gebärdensprache gut beherrschen“, so Schäper. Auch die Mutter der Gehörlosen selbst hat sie nie richtig erlernt. „Als Silvia klein war, wurde das nicht wirklich akzeptiert und anerkannt, dass jemand nicht hören und sprechen kann. Das machte alles sehr schwierig.“ Dennoch funktionierte die Kommunikation, mit einzelnen Gebärden, nahe liegenden Handbewegungen, der entsprechenden Mimik und deutlichen Lippenbewegungen kommt auch noch heute die Unterhaltung zwischen ihnen zustande. „Und zur Not greift man eben zu Stift und Papier.“
Nur sei es eben nicht erfüllend, nur in der Familie Gesprächspartner zu haben, sind sich Silvia Cichy und ihre Angehörigen einig, weshalb sie nun die Initiative ergreift und nach neuen Kontaktpersonen sucht. Wer Interesse hat, sie kennenzulernen und die Gebärdensprache zu erlernen, kann sich per E-Mail unter silvia.cichy@googlemail.com an die Hattingerin wenden oder ihr eine SMS beziehungsweise WhatsApp-Nachricht an 0176/45924699 schicken.
Beim ersten Treffen des Kurses wird noch ein Dolmetscher helfen, im weiteren Verlauf soll darauf allerdings verzichtet werden. „Wir werden uns schon verständigen können. Da bin ich mir sicher, schließlich muss ich das tagtäglich machen“, so Cichy. „Außerdem werden die Teilnehmer von Kursstunde zu Kursstunde ja auch immer mehr Gebärden erlernen.“ Silvia Cichy würde sich darüber hinaus auch freuen, wenn jemand einen Kursraum zur Verfügung stellen könnte. „Die Kosten sollen möglichst gering gehalten werden, es geht mir nicht darum, etwas zu verdienen, sondern mit Leuten in Kontakt zu kommen, ihnen meine Sprache näher zu bringen und gesellige Stunden miteinander zu verbringen.“
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