Franziska Ranft: "Toronto hat mich definitiv selbstständiger gemacht"

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Franziska Ranft vor der nächtlichen Skyline von Miami. Hier in Florida erholte sie sich bei ihrer amerikanischen Freundin und ihren Eltern, die sie bei einem früheren Schüleraustausch kennengelernt hatte, von der eisigen Kälte in Kanada. alle Fotos: privat
 
Franziska Ranft und das Abschiedsfoto kurz vor ihrem Abflug mit Freundin Maddy am Flughafen von Toronto.

Na also, wenigstens der Rückflug klappte reibungslos! Demnach keine Aufregung um verschwundenes Gepäck oder lange Wartezeiten wegen verspäteter Flieger wie beim Hinflug: Franziska Ranft is back from Toronto, Canada!

Leider, sagt dazu die inzwischen 19jährige Hattingerin (noch). Fast vier Monate lang hat sie eben im kanadischen Toronto in einem Frauenhaus mitgearbeitet – und von dort auch immer wieder Zwischenberichte über den STADTSPIEGEL an „ihre“ Hattinger gemailt. Nachzulesen sind sie auf der Nachrichten-Community www.lokalkompass.de/hattingen.
„Leider“ liegt auch am Jetlag: Die Zeitverschiebung hat Franziska Ranft in den ersten Tagen doch sehr zu schaffen gemacht. Nur nicht bei ihrer Ankunft am Flughafen, von wo sie ihre Freunde abholten: „Danach ging es erst einmal zu mir zum Frühstücken und zum Erzählen. Am nächsten Morgen habe ich den Jetlag dann richtig gespürt. Da musste ich frühmorgens aufstehen, obwohl das für meinen Körper noch mitten in der Nacht war.“ Zur Erklärung: In Toronto ist es in der Frühe noch sechs Stunden eher…
Und dann erzählt sie von ihrer Gastfamilie, die sie sich ganz anders vorgestellt hatte: „Dort war es her wie in einem Hostel. Außer mir waren da noch andere Austauschschüler untergebracht. Mit zweien musste ich mir ein Bad teilen.“
Bedauert hat sie diesen Umstand nicht: Durch das Zusammenleben sei es noch viel einfacher gewesen Kontakte zu knüpfen.

In Toronto prallen Kulturen aufeinander

„Toronto besteht zu 48 Prozent aus Einwanderern“, erklärt Franziska Ranft. „Ich habe in der ganzen Zeit dort niemanden getroffen, der dort geboren war.“
Auch ihre beste Freundin Maddy nicht. Sie stammt aus Indien. „Maddy ist inzwischen zwar Kanadierin, aber bei ihr, da prallen Kulturen aufeinander. Durch sie habe ich kennengelernt, dass es ganze Websites gibt, auf denen sich Eltern für ihre Töchter oder Söhne den passenden Partner aussuchen. Das fand ich schon sehr strange. Wir haben uns aber sehr gut verstanden, sind richtig dicke Freundinnen geworden. Der Abschied von Maddy ist mir daher besonders schwer gefallen. Ich kannte sie einfach am längsten und sie arbeitete auch im Frauenhaus.“
Apropos: Dort im Frauenhaus kümmerte sich Franziska Ranft um die Kinder, machte Ausflüge mit ihnen, gestaltete das Abendprogramm für sie, startete ein Kunstprojekt, bastelte mit ihnen, sie lasen sich gegenseitig vor und sie versuchte ihnen das Klavierspielen beizubringen – mit eher mäßigen Erfolg, wie sie lachend gesteht.
Ihr hat diese Arbeit zweimal in der Woche sehr viel Spaß gemacht und: „Oft hatte ich den Eindruck, bei den Kindern etwas bewegt zu haben fürs Leben. Das war ein schönes Gefühl.“

Kanadier aufgeschlossener als Deutsche

Beim anfänglichen Erforschen ihrer neuen Umgebung mit Kolleginnen aus dem Frauenhaus und ihren Mitbewohnern aus Chile und Russland hat sie schnell festgestellt: „Die Kanadier sind auf jeden Fall viel aufgeschlossener als wir Deutsche. Es ist ganz einfach, Kontakte zu knüpfen. Ich habe kaum eine Bahnfahrt erlebt, bei der ich nicht mit einem Sitznachbarn ins Gespräch gekommen wäre. Man wird einfach sofort angesprochen, wenn man irgendwo alleine steht, und gefragt, ob man Hilfe braucht. Die Kanadier haben da, glaube ich, ein ganz andere Lebenseinstellung, die auf mich irgendwie ansteckend gewirkt hat. Hoffentlich ist das bei mir auch nachhaltig“, lacht die Wieder-Hattingerin, „zumindest momentan wünsche ich auch Fremden einfach so mal einen schönen Tag.“
Jedenfalls freut sich Franziska Ranft, „dass ich wertvolle Freundschaften geschlossen habe. Es verwundert mich wirklich, dass man in nur vier Monaten so enge Beziehungen knüpfen kann. Beim Abschied von ihnen war besonders schlimm die Erkenntnis, dass das alltägliche Leben, das wir zusammen hatten, nie mehr so sein wird – auch wenn wir über What’s App, Skype und Facebook unbedingt unsere Freundschaft am Leben erhalten wollen. Und zwei Freunde möchten mich in Deutschland besuchen kommen, genauso wie ich unbedingt Toronto wiedersehen möchte. Der Ort wird für mich immer etwas Besonderes bleiben.“
Auch wenn das Leben dort sehr, sehr teuer sei. Schlichter Scheibletten-Käse koste beispielsweise fünf Euro, an wirklich fast jeder Ecke gebe es Fastfoodläden, aber: „Als Vegetarierin hatte ich echt Schwierigkeiten mit der Ernährung. Da habe ich mich wirklich richtig aufs Essen von meiner Mutter gefreut.“
Wegen der hohen Lebenshaltungskosten – allein 130 Euro musste die Abiturientin fürs Subway-Ticket im Monat berappen – und um sich überhaupt geplante Ausflüge leisten zu können, jobbte Franziska Ranft die letzten zweieinhalb Monate noch zusätzlich in einem Mode-Geschäft. Zumal sie die letzten drei Wochen ihres Aufenthalts bei ihren ehemaligen Gasteltern von einem Schüleraustausch in Florida verbringen wollte, mit denen sie auch heute noch regelmäßig in Kontakt ist.

Zweimal das Leben komplett umgekrempelt

Zweimal, sagt sie, habe sie 2014 ihr Leben komplett umgekrempelt: „Erst hatte ich vor meinem Abschied Angst, hier in Hattingen mein Leben zurück zu lassen. Dann hatte ich mir gerade ein neues in Toronto aufgebaut, als ich mich schon wieder ganz schweren Herzens verabschieden musste. Beides war wirklich nicht einfach.“
Nach wie vor steht Franziska Ranft zu allem, wie es für sie gelaufen ist: „In der Fremde lernt man zunächst sich selbst richtig kennen. Dann machte es mir natürlich besonderen Spaß, in einer fremden Sprache zu kommunizieren. Ich erwische mich dabei, wie ich jetzt noch manchmal auf Englisch denke oder ein englisches Wort unbewusst einstreue.
Und nach zwölf Jahren Schule tat es richtig gut, mal etwas ganz anderes gemacht zu haben. Gelernt habe ich in den vier Monaten Kanada, was mir die Menschen in Hattingen bedeuten und was mir meine Eltern bislang alles abgenommen habe. Das musste ich jetzt alles selbst regeln. Toronto hat mich definitiv selbstständiger gemacht.“
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