Laienmusiker und Funktechniker Robert Barty wird 80 Jahre alt

Robert Barty feiert Sonntag Geburtstag. Foto: Kosjak
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(von Dino Kosjak)

Um das Jahr 2000 segelte der Hobbykapitän Robert Barty in drei Etappen auf Odysseus Spuren. Auf hoher See, den Elementen ausgeliefert, fand er eine alte Überzeugung bestätigt: „Es bringt nichts, gegen die Natur anzukämpfen. Man muss ihre Kräfte für sich nutzen.“ Am Sonntag wird der Wahl-Hattinger 80 Jahre alt.

Robert Barty spricht in druckreifen Sätzen, doch ein unablässiges Nuscheln begleitet seine Worte und manchmal kommen sie ihm nur schwer über die Lippen. Vieles hat er neu lernen müssen nach einem Schlaganfall im April 2009: Laufen, Schreiben, Schlucken – und Sprechen. Seine rechte Körperseite ist gelähmt geblieben. „Nie hätte ich geglaubt, einmal hilfebedürftig zu werden“, sagt er. Doch es sei halt so.
Geboren wurde er am 3. Mai 1935 auf Norderney. Die Mutter Minni spielte Laute und die ganze Familie versammelte sich zum gemeinsamen Singen.
Robert Bartys älterer Bruder Günther bekam eines Tages eine Geige geschenkt. Robert hörte ihm beim Üben zu und wagte sich in unbeobachteten Momenten selber an das Instrument. Als Siebenjähriger bestand er darauf, den großen Bruder zum Geigenunterricht zu begleiten. Er bat den Lehrer, es auch einmal versuchen zu dürfen. „An die Reaktionen kann ich mich nicht mehr erinnern“, sagt Barty, „jedenfalls bekam von da an ich den Unterricht“.
In den Kriegs- und Nachkriegsjahren lernte er das Geigenspiel, unterstützt durch seine Eltern, die den Unterricht mit Lebensmitteln bezahlten.
Nach Kriegsende verschlug es die Familie in die sowje­tische Besatzungszone, wenige Kilometer östlich von Travemünde. Robert Bartys Vater Helmut, ein Motorschlosser, hatte zuvor unter den Nationalsozialisten den Flughafen Norderney mit ausgebaut. Jetzt wartete er landwirtschaftliches Arbeitsgerät in einer Maschinenausleihstation. Die vier Söhne halfen auf den Feldern.
1948 sollte der große Bruder Günther zum Uranabbau abkommandiert werden. Die Eltern bewahrten ihn davor, indem sie ihn zurück nach Norderney schleusten, wo er eine Lehre zum Buchdrucker begann.

Auf der Flucht Silberbesteck im Geigenkasten

Mit Günther hatten die Bartys nun einen Kontakt im Westen – und fanden sich bald von den Vorläufern der Staatssicherheit bespitzelt. Die Familie sah sich zunehmender Gefahr ausgesetzt und bereitete ihre Flucht vor. Es gelang: 1950 verließen sie die DDR. Das wertvolle Silberbesteck reiste im Geigenkasten mit.
Über Umwege kehrten sie zurück nach Norderney. Hier fand Robert Barty Anschluss an das musikalische Leben: Ein Freund aus der Kurverwaltung ließ ihn kurz vor Konzertbeginn in den Saal schlüpfen, wo er die Gastauftritte der Göttinger Sinfoniker genoss; ein Ticket hätte er sich niemals leisten können. Er wurde Teil des Orchesters, spielte zu kleineren Anlässen mit und bekam ein Stipendium angeboten – für ein Musikstudium in Detmold. Das versagten ihm allerdings die Eltern: Ihr Sohn sollte einen ‚richtigen‘ Beruf erlernen. Die Mutter verschaffte ihm eine Lehrstelle zum Elektroinstallateur. Und so legte er 1954 seine erste Gesellenprüfung ab.
Die Familie hatte Norder­ney zuvor verlassen, der Vater in Hattingen eine Stelle auf der Henrichshütte gefunden. Robert Barty folgte seiner Familie nun in das neue Zuhause. Erste Arbeit fand er in der Weberei Conze & Colsmann. Dann begann er als Radio- und Fernsehtechniker in Essen und Velbert, bestand 1960 bei Günter zur Loewen seine zweite Gesellenprüfung und erhielt 1966 seinen Meisterbrief von der Handwerkskammer Dortmund.

"Man muss die Kräfte der Natur nutzen"

Seinen eigenen Betrieb „Funk Bild Barty“ eröffnete er Anfang der 70er Jahre in der Hattinger Straße in Linden; er bestand bis 1993. Über 35 Lehrlinge hat Robert Barty ausgebildet, darunter auch Frauen und Ausländer, wie er betont. „Als Flüchtling weiß man, dass manche es schwerer haben als andere“, sagt er.
In einer Mappe bewahrt er Dokumente und Zeitungsartikel auf, die Stationen seines Lebens nachzeichnen. Zum Beispiel sein Engagement in der Radio- und Fernsehtechnikerinnung oder in der Werbegemeinschaft.
Begeistert blickt er auf seine musikalische Laufbahn zurück. In Hattingen organisierte er Konzerte am Weiltor gemeinsam mit der Jeunesses Musicales, einer internationalen Vereinigung zur Förderung junger Musiker.
Mit der linken Hand stemmt Robert Barty sich aus dem Sessel. Die rechte Hand ruht steif am Körper. Langsam tastet er mit dem rechten Fuß vorwärts, um den linken dann entschieden nachzuziehen. Auf dem Weg ins Nebenzimmer kommt er an einer Kommode vorbei, auf der sich ein Dutzend kleiner Segelschiffe reiht. Er bastelt sie allein mit der linken Hand, aus all den Tablettendosen, die sich in der Therapie angesammelt haben. Es sind kleine Geschenke, zum Beispiel für seine Enkelin.
Mit einer Mappe kehrt er zurück. Darin findet sich eine Karte von Norderney mit Koordinaten vor der Küste. Sie zeigen die Position an, auf der er einmal zur See bestattet werden möchte, im Kreis seiner Lieben.

Autor:

Dr. Anja Pielorz aus Hattingen

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