Stan Instone: „Krieg ist eine Tragödie für alle Menschen“

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Stan Instone mit einem Wrackteil seines Lancaster-Bombers nahe der Absturzstelle an der Sprockhöveler Querspange. Foto: Kosjak
 
Das Wrackteil mit der Teilenummer, anhand welcher der Absturz von Stan Instone und seiner Mannschaft nachgewiesen werden konnte. Lange Jahre hatte das Aluminiumblech als Abdeckung eines Hühnerstalls gedient. Der Absturz der Lancaster ist in der Heimatstube des HGV ausführlich dokumentiert. Foto: Kosjak
(von Dino Kosjak)

Stan Instone blickt seinem Gegenüber nachdenklich in die Augen. „Jetzt sitzen Sie einem echten Terrorflieger gegenüber“, sagt er. Er benutzt das deutsche Wort „Terrorflieger“, obwohl er Englisch spricht. Menschen in Deutschland sind es gewesen, denen Stan Instone den Terror gebracht hat – als Besatzungsmitglied eines britisch-kanadischen Bombers vom Typ Lancaster. Fast siebzig Jahre ist das her.

Damals war Stan Instone zwanzig Jahre alt. Es sei ihm um das Abenteuer gegangen, sagt er – nicht das Abenteuer des Krieges, sondern des Fliegens. „Ich habe mich schon früh für Flugzeuge begeistert, wollte fliegen, und als Soldat durfte ich das.“
Stan Instone war Bord-Ingenieur bei der britischen Luftwaffe, assistierte den Piloten. Da es den Kanadiern an Ingenieuren gemangelt habe, habe er eine kanadische Mannschaft begleitet. Was Krieg bedeute, sei ihm noch nicht bewusst gewesen. „Was am Boden passiert, berührt dich nicht unbedingt, wenn Du in tausenden Metern Höhe Bomben abwirft.“
Heute besucht er Sprockhövel. Er war schon einmal hier: In der Nacht vom 20. auf den 21. Februar 1945 stürzte seine Maschine hier ab, getroffen von einer Fliegerabwehrkanone. Neben Stan Instone konnten sich vier Besatzungsmitglieder mit Fallschirmen retten, zwei weitere kamen ums Leben.
„Das hat mein Leben verändert“, sagt er. „Ich begegnete Menschen, die von Zerstörung und Hunger gezeichnet waren, die die Bombardierungen ertragen hatten.“ Mit einem leichten Kopfschütteln fährt er fort: „Wir wurden gut behandelt, wenn man die Umstände bedenkt. Manchmal rau, aber nicht brutal.“
Nach drei Monaten durften die Kriegsgefangenen in ihre Heimat zurückkehren. Die beiden toten Besatzungsmitglieder wurden in Deutschland begraben.
Eine Kriegsverletzung verhinderte eine Karriere in der zivilen Luftfahrt. So entschied Stan Instone sich Anfang der 50er Jahre für den Lehrerberuf, bildete seitdem künftige Ingenieure aus.
Einen Besuch Deutschlands habe er sich Jahrzehnte lang nicht vorstellen können – aus Gewissensgründen. Vielleicht werde man im Krieg gezwungen, Fehler zu machen, räumt er ein. „Aber deswegen fühlt man sich nicht besser. Die Erinnerungen bleiben.“
Im Jahr 2010 hat er für einige Tage Gedenkstätten in Deutschland besucht. „Die Gastfreundschaft damals und heute überwältigt mich“, sagt er. Auf einer schriftlichen Note in deutscher Sprache hat Stan Instone festgehalten: „Krieg ist eine Tragödie für alle Menschen. Niemand gewinnt wirklich. Es ist gut, Europa in Frieden leben zu sehen.“
Lange Zeit war ungewiss, wo genau die Lancaster abgestürzt ist. Ende 2007 erreichte eine Anfrage zu dem Absturz die Arbeitsgemeinschaft Luftkriegsgeschichte Rhein/Mosel. Die Anfrage kam von Mark Instone, dem Sohn von Stan Instone; im Internet war er auf den Namen seines Vaters gestoßen.
Die Arbeitsgemeinschaft konnte einen Hinweis auf Sprockhövel geben und wandte sich an den Heimat- und Geschichtsverein Sprockhövel (HGV). Augenzeugen des Absturzes wurden nicht gefunden. Doch Dieter Hiby, der von seinem Onkel einen Hof an der Querspange übernommen hat, erinnerte sich, dass sein Onkel von einem Absturz nahe des Hofes erzählt hatte.
Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft und des HGV suchten daraufhin das Gelände ab. Mit Hilfe von Metalldetektoren wurden unter anderem landwirtschaftliche Werkzeuge gefunden und eine ausgebrannte Stabbrandbombe – jedoch keine Flugzeugteile.
Ungewöhnlich sei das nicht, sagt Stan Instone. Große Wrackteile seien vermutlich von der Wehrmacht geräumt, kleinere Teile durch Baumaßnahmen untergraben worden.
Gewissheit habe man schließlich doch erlangt, erinnert sich Ludger Haverkamp, der damalige Vorsitzende des HGV. „Dieter Hiby holte ein Aluminiumblech aus dem Schuppen“, sagt er, „das hatte mal als Abdeckung des Hühnerstalls gedient“. Nachdem das Blech gereinigt worden war, konnten die Teilenummern abgelesen werden. Anhand dieser Nummern wurde das Blech als Teil der hinteren Tragfläche der abgestürzten Lancaster identifiziert. „Die Mannschaft hat großes Glück gehabt“, fährt Ludger Haverkamp fort, „es gab auch Fälle von Selbstjustiz an verunglückten Piloten.“
Glücklich nennt sich auch Stan Instone selbst. „Ich habe eine Familie, bin nicht allein“, sagt er. Seine Frau Jenny, sein Sohn und die Schwiegertochter begleiten ihn. „Ich habe auch Bombenangriffe erlebt“, sagt Jenny Instone. „Es ist schlimm. Aber wenn es vorüber ist, geht das Leben weiter. Häuser werden neu gebaut.“ Für die Soldaten sei es etwas anderes. „Zuhause wird ihnen bewusst, was sie getan haben. Damit zu leben, ist sehr schwer.“
Gegen Ende des Besuchs an der Querspange wendet sie sich noch einmal zu der Landschaft, in der ihr Mann abgestürzt ist: „Mit diesem Besuch wird unsere Familie hoffentlich einige böse Geister los.“
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