Wir sind Hattinger: Mathilde Franziska Anneke

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Ein Portrait von Mathilde Franziska Anneke. Die Zeichnung stammt aus dem Jahre 1842 und dient als Entwurf für eine Briefmarke. Foto: Stadtarchiv Sprockhövel
 
Mathilde Franziska Anneke (stehend) mit ihrer Freundin Mary Booth. Foto: Stadtarchiv
Hattingen: Hattingen |

Sie gehörte zu den aktivsten Kämpferinnen für Demokratie, Freiheit und soziale Gerechtigkeit in Deutschland und den USA und war eine der Begründerinnen der deutschen und amerikanischen Frauenbewegung. Das aufregende Leben von Mathilde Franziska Anneke begann am 3. April 1817, also vor 200 Jahren, in Sprockhövel. Kindheit und Jugend verbrachte sie in Blankenstein und Hattingen.

1820 verzog die junge Familie nach Blankenstein, wo das Mädchen weiterhin eine unbeschwerte Kindheit verbrachte. Aufgewachsen in einer liebevollen bürgerlichen Familie, erfuhr Mathilde Anneke schon als junge Frau Unterdrückung, Armut und Ungerechtigkeit. Im Alter von 19 Jahren heiratete sie den Mülheimer Wein-händler Alfred von Tabouillot, den sie wegen seiner Gewalttätigkeiten kurz nach der Geburt ihrer Tochter verließ. Nach einem langen Scheidungsprozess stand sie mittellos da und bestritt ihren Lebensunterhalt in Wesel, Münster und ab 1847 in Köln als Schriftstellerin und Journalistin. Gerade in der damaligen Zeit war die Scheidung eine Ungeheuerlichkeit. Sie dauerte vielleicht auch deshalb drei Jahre und drei gerichtliche Instanzen.
Zunächst lebte „Tilda“ mit ihrer Tochter von der Hand in den Mund. In Münster lernte sie den ehemaligen Artillerieleutnant Fritz Anneke kennen. Wegen seiner demokratischen Gesinnung war er unehrenhaft aus der Armee entlassen worden. Die beiden heirateten und zogen nach Köln, wo ihr Mann eine Stelle bei der Kölner Feuerversicherungsgesellschaft fand.
Dort gründete Mathilde Anneke 1848 die „Neue Kölnische Zeitung“, die sie im Namen ihres wegen seines politischen Engagements inhaftierten zweiten Ehemannes Fritz Anneke herausgab und die Karl Marx seinen Anhängern empfahl. Innerhalb der Freiheitsbewegung in Rheinland/Westfalen vor und während der bürgerlichen Revolution von 1848/49 nahm sie eine führende Stellung ein.
Stadtarchivarin Karin Hockamp aus Sprockhövel hat sich intensiv mit dem Leben von Mathilde Franziska Anneke beschäftigt. „Das Ehepaar Anneke nahm auf Seiten der aufständischen Demokraten an den militärischen Auseinandersetzungen in Baden teil; die sattelfeste Reiterin Mathilde stand als berittene Ordonnanz ihrem Mann, der zu den militärischen Anführern gehörte, zur Seite. Nach dem Scheitern des Badisch-pfälzischen Aufstandes im Juli 1849 musste das Ehepaar Anneke aus Deutschland fliehen und emigrierte mit seinen zwei Kindern in die USA. Die Familie lebte in Newark und Milwaukee (Wisconsin). Hier gründete Mathilde Franziska Anneke eine deutschsprachige Frauenzeitung, engagierte sich vor allem in der entstehenden Frauenbewegung, für die Rechte der Indianer und gegen die Sklaverei. Gemeinsam mit und zeitweise auch ohne ihren Ehemann ernährte sie die wachsende Familie weiterhin durch schriftstellerische und journalistische Tätigkeit.“

Gleichberechtigung der Geschlechter

1860 folgte Anneke ihrem Ehemann nach Europa; sie lebte und arbeitete in der Schweiz. 1865 kehrte sie nach Milwaukee zurück und gründete dort gemeinsam mit einer Freundin eine zweisprachige Mädchenschule, in der sie ihre Vorstellungen von fortschrittlicher Mädchenbildung verwirklichen konnte. 1869 wurde Mathilde Anneke Vizepräsidentin der National Woman’s Suffrage Association, der führenden Organisation für die Gleichberechtigung der Frau in den USA. Erst in ihren letzten Lebensjahren lebte sie frei von finanziellen Bedrückungen. Sie starb 1884.
„Der Verlust der Heimat, der Tod von fünf ihrer sieben Kinder und die zeitweilig große materielle Not waren harte Schicksalsschläge in ihrem Leben, die sie niemals verwand“, so die Stadtarchivarin.
Mathilde Franziska Anneke forderte als eine der Ersten die Gleichberechtigung der Geschlechter und eine radikale Umgestaltung von Staat und Gesellschaft im Sinne von Freiheit, Bildung und sozialer Gerechtigkeit. „In Deutschland war sie lange Zeit vergessen und wurde erst wieder von der neuen Frauenbewegung ab den 1970er Jahren entdeckt“, so Hockamp. Die Gesamtschule des Kreises oder der Platz vor der evangelischen Kirche in Sprockhövel sollten nach ihr benannt werden – beides scheiterte, denn der ein oder andere scheint mit der couragierten Frau, die auch als „Flintenweib“ gebrandmarkt wurde seine Probleme zu haben. Heute indes heißt die Hauptschule „Mathilde Anneke Schule“ und eine Mathilde-Anneke-Straße gibt es auch.
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