Seltene Arten, Vandalen und tödliches Brot

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Industriebrachen wie die der Henrichshütte (im Bild: Hochofen) gehören heute zu den artenreichsten Flächen im Ruhrgebiet, erfuhr der STADTSPIEGEL-Reporter bei einm Rundgang mit Landschaftsökologin Birgit Ehses. Foto: Kosjak
 
Immer wieder staunen Teilnehmer über den Artenreichtum, den sie bei den Naturführungen übers Gelände der ehemaligen Henrichshütte mit Landschaftsökologin Birgit Ehses (links vorne) zu Gesicht bekommen. Hier ist es eine Wiesenschaumzikade auf ihrem Finger. Foto: privat
Hattingen: Industriemuseum hattingen | (von Dino Kosjak)

Ehemalige Industrieanlagen entsprechen gerade nicht unserer üblichen Vorstellung von ‚grüner Natur‘. Und doch: „Industriebrachen sind heute die artenreichsten Flächen im Ruhrgebiet“, sagt Landschaftsökologin Birgit Ehses.

Das habe mehrere Ursachen, erläutert die Fachfrau dem STADTSPIEGEL gegenüber.
Erstens gebe es vielfältige Lebensräume, zum Beispiel Buschwerk, Feuchtbiotope und sehr hohe Gebäude. Zweitens blieben Tiere und Pflanzen weitgehend ungestört, denn anders als in Parks und Gärten greife der Mensch nur selten ein. Und schließlich seien die Brachen teils durch extreme Lebensbedingungen geprägt.
„Beispielsweise finden sich auf Schutt- und Schlackeböden nur wenig Nährstoffe, und zugleich kann die Temperatur hier auf rund 60 Grad steigen“, erklärt Birgit Ehses. „Hier finden wir Pflanzen, die wahre Überlebenskünstler sind, wie Johanniskraut, Natternkopf oder Wilde Karde.“
Birgit Ehses bietet regelmäßige Führungen auf dem Gelände des Industriemuseums Henrichshütte an.
„Immer wieder sind Besucher erstaunt, welche Artenvielfalt es hier gibt“, erzählt sie, „vor allem, wenn wir auf so unbekannte Pflanzen stoßen wie den Dreifinger Steinbrech oder das Kahle Bruchkraut.“
Der aus China stammende Götterbaum habe sich in den Erztaschen angesiedelt. „Die Samen sind vermutlich mit der letzten Eisenerzlieferung hierher gelangt.“
Sogar der vielerorts ungern gesehene Japanische Staudenknöterich sei willkommen, denn der Bestand beschränke sich auf eine vertretbare Fläche. „Und außerdem ist der Knöterich für Kinder sehr interessant“, freut sich Birgit Ehses, „zusammen basteln wir daraus Flöten und Insektenhotels.“
Die Tierwelt sorge ebenfalls für Begeisterung. Am Möllergraben unterhalb des Hochofens seien Gebirgsstelzen anzutreffen. Und sogar ein Paar der seltenen Wanderfalken habe einen hoch gelegenen Nistplatz angenommen und ziehe seine Jungen auf, unter Beobachtung von Fachleuten.
Bemerkenswert sei auch die Schwarzeiche vor dem Hochofenbüro. „Die musste gefällt werden, weil sie von einem Pilz befallen war. Das Totholz ist nun ein Lebensraum für viele Arten.“
Die Natur könne sich auf der Industriebrache teils ungestört entwickeln, teils allerdings seien Eingriffe unverzichtbar. „Schließlich ist es ein Museum, das entsprechend gepflegt werden muss“, sagt Birgit Ehses.
Besonders freue sie darum, dass auch für Museumsleiter Robert Laube die ökologischen Aspekte der Henrichshütte ein wichtiges Anliegen sind. „Die Zusammenarbeit ist sehr gut.“ So solle es bald neu gestaltete Tafeln geben, die über die Natur auf der Industriebrache informieren.
Ein wichtiges Biotop ist zudem der Henrichsteich, der an das Kerngelände des Industriemuseums anschließt. STADTSPIEGEL-Leserin Jutta Zantow berichtet von Problemen, die Mensch und Tier betreffen. Da seien vor allem die Jugendlichen, die sich in dem kleinen Park zu Mutproben aufstachelten.
„Die haben Geländer eingetreten, Büsche abgerissen, ihren Müll rumliegen lassen“, sagt Jutta Zantow. Enthemmt vom Alkohol seien die Jugendlichen zudem kaum einzuschätzen. „Ich habe mich schon persönlich bedroht gefühlt.“
Auch die Tiere litten darunter. „Da ziehen zum Beispiel Schwäne ihre Jungen auf. Die brauchen doch ihre Ruhe.“ Jutta Zantow sagt, sie hoffe, dass aufmerksame Bürger dazu beitragen, diese Situation zu verbessern. „Denn die Behörden schauen dort nach meinem Empfinden kaum mal vorbei.“
Jutta Zantow ist auch aufgefallen, dass viele Besucher von dem Futterhinweis keine Notiz nehmen: Ein Schild weist darauf hin, dass Wasservögel wie Schwäne nicht mit Brot gefüttert werden dürfen. Die Tiere können an einer Kolik erkranken und mit vollem Magen verhungern.
„Das Schild ist sehr unauffällig und stark ausgeblichen“, sagt Jutta Zantow. Auch gutwillige Besucher fütterten die Tiere darum falsch, weil sie es einfach nicht besser wüssten. „Von ehemals sechs jungen Schwänen sind nur noch drei übrig.“.
Das könne alle möglichen Ursachen haben, räumt sie ein, am Brot müsse es nicht liegen. „Aber trotzdem, da gehören neue Schilder hin.“
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